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indien aufdemfeld kopfmensch mv 150Bangalore. - Sind Marktlösungen die bessere Alternative, wenn es um die Linderung von Armut und anderer Entwicklungs-Hemmnisse geht? Schon seit einigen Jahren wird versucht, sozialen und ökonomischen Wandel an der "Bottom of the Pyramid" mit Hilfe von unternehmerischen Ansätzen herbeizuführen. Hinter Begriffen wie "Venture Philanthropy", "Impact Investing" oder "Social Entrepreneurship" steckt der Glaube, dass der Markt im Stande sei, auf wesentlich effizientere Weise den Zugang zu wichtigen Gütern und Dienstleistungen für die ärmsten Schichten der Bevölkerung zu ermöglichen, als es die "klassische" Entwicklungshilfe jemals könnte. Ein Erfahrungsbericht (Teil 3) von Dr. Martin Vogelsang (Bangalore).

"Wenn Du vor zehn Jahren hierhergekommen wärst, dann hättest Du vielleicht mitansehen müssen, wie mitten im Dorf ein Mann an einen Baum gebunden und ausgepeitscht worden wäre." Wir schreiben August 2013. Der das sagt, ist Rajesh Shah, Anfang 60, grauhaarig, mit Vollbart. Ich habe Rajesh nach Jambusar im Süden des indischen Bundesstaates Gujarat begleitet. Der Ort liegt nahe der Küste, dort wo der Golf von Khambhat in die Arabische See mündet. VIKAS Centre for Development, eine von ihm gegründete gemeinnützige Hilfsorganisation, ist dort seit mehr als 30 Jahren tätig.

Eine der offiziellen Missionen von VIKAS lautet: "Freedom from Bondage". Wikipedia übersetzt das Wort Bondage mit "Schuldknechtschaft". Man kann die Bedeutung des Begriffes auch ausdehnen und von Leibeigenen, von modernen Sklaven sprechen. In der Umgebung von Jambusar im Bharuch-Distrikt gibt es laut Rajesh mehrere tausend dieser "bonded labourers".

Mit der Urbanisierung und der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung Indiens in den letzten Jahrzehnten wurde die Wasserknappheit in den ländlichen Regionen immer schlimmer. Für die Kleinbauern in der Region bedeutete das, dass sie irgendwann gezwungen waren, ihr bisschen Land an Großbauern oder Geldverleiher abzutreten. So kam es, dass sie als Landarbeiter die Äcker bewirtschafteten, die ihnen zuvor selbst gehört hatten. Wegen der schlechten Beschaffenheit der Böden können sie an maximal 140 Tagen arbeiten, in denen sie zwischen 15 und 50 Rupien nach Hause bringen. Die 50 Rupien gibt es während der Haupterntezeit. 50 Rupien: Das sind nach dem gegenwärtigen Kurs etwa 65 Euro Cents.

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Seit mehr als 30 Jahren setzt sich der gelernte Architekt Rajesh Shah (links) für unterdrückte Landarbeiterfamilien in Gujarat ein. 

Und so dreht sich die Spirale nach unten langsam weiter: Die zu geringe Beschäftigung und die harten Bedingungen der Natur verstärken die Not, die letztlich dazu führt, dass sich die Landarbeiter, als "Chakars", in die vertragliche Abhängigkeit von Großbauern begeben, wo sie pro Jahr zwischen 5.000 und 8.000 Rupien (65 bis 100 Euro) verdienen. Ihre Frauen sind dazu gezwungen, als Paniharis – weibliche Dienerinnen – für die Familie des Bauern zu arbeiten. Als wäre der Lohn von 50 Rupien, den sie dafür pro Monat bekommen, nicht schon Beleidigung genug, müssen die Frauen die sexuellen Übergriffe ihrer "Eigentümer" ertragen.

Und das in Gujarat, dem Bundesstaat, der für rund 13 Jahre von Narendra Modi regiert wurde, ehe er im Mai dieses Jahres als indischer Ministerpräsident vereidigt wurde. Seinen überwältigenden Wahlsieg hatte er vor allem dem Ruf als wirtschaftlicher Reformer zu verdanken. 

Rajesh Shah ist ein kräftig gebauter Mann, sein freundliches Lächeln strahlt Selbstbewusstsein aus. Es dauert seine Zeit bis man merkt, dass sich hinter dieser Fassade durchaus auch Zweifel verbergen. Zweifel über das bisher Erreichte und den weiteren Weg. Und genau darüber will er mit mir an diesem Tag reden. Rajesh möchte seine Organisation verändern. Sie soll künftig weniger wie eine NGO und dafür mehr wie ein Unternehmen arbeiten. Dafür sucht er nach Investoren, die nicht ausschliesslich nach dem finanziellen Return-on-Investment suchen.

Auf meinen Feldbesuchen bei verschiedenen "Social Enterprises" in ganz Indien bin ich immer wieder der Frage nachgegangen: Inwieweit können Marktlösungen wirklich dabei helfen Entwicklungsprobleme zu lösen? Und wo sollten sich die Märkte besser heraushalten? Sind sie zum Beispiel dafür geeignet, den Zusammenhalt lokaler Gemeinschaften zu fördern oder generell den menschlichen Umgang miteinander zu verbessern? Können sie dabei helfen, den tiefgreifenden Wandel unseres ökonomischen Systems mit voranzutreiben?

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Recycling aller möglichen Metalle und Kunststoffe gehört in indischen Slums zu den wichtigsten Erwerbsquellen.

Besonders bei letzterer Fragestellung scheiden sich die Geister. Manche Kritiker würden sicherlich einwenden, hier werde "der Bock zum Gärtner gemacht". Bei der Linderung von Not und Elend und jedem erdenklichen anderen sozialen oder ökologischen Problem auf den Markt und das Unternehmertum zu setzen, das ist schon seit geraumer Zeit nicht nur in Indien der Trend. Fakt ist jedoch auch, dass Märkte alles andere als perfekt sind.

Ausserdem ist es wichtig zu verstehen, dass die Zivilgesellschaft sich ganz anders und in viel langsamerer Geschwindigkeit bewegt als der Markt. Man kann, ja man sollte sie in vielen Fällen nicht in Konkurrenz zueinander setzen. Wenn man sich zum Beispiel die jüngere Geschichte der westlichen Industrienationen vor Augen führt, wird man feststellen, dass immer dann das Zusammenspiel von Wirtschaftswachstum und Armutsbekämpfung besonders gut funktionierte, wenn die Märkte in einem gewissen Masse dem öffentlichen Interesse angepasst wurden. Die skandinavischen Länder mit ihrem Wohlfahrtssystem, aber zeitweise auch die Bundesrepublik Deutschland mit ihrer sozialen Marktwirtschaft unter Ludwig Erhard, haben ein höheres Mass an sozialem Ausgleich zustande gebracht als zum Beispiel die USA oder Großbritannien, wo es mit Beginn der 80-er Jahre des letzten Jahrhunderts den letzten, starken Schub in Richtung einer freien Entfaltung der Märkte gab. Entsprechend groß sind in diesen Ländern die gesellschaftlichen Disparitäten.

Man könnte es auch so formulieren: Es gibt die Werte, die den Markt verkörpern - und es gibt die menschlichen Wertesysteme. Welchen ökonomischen Preis soll man zum Beispiel der Erziehung oder dem Kampf gegen Rassendiskriminierung geben? Vor diesem Hintergrund sind Aussagen wie jene von Pierre Omidyar, einem der Gründer von Ebay und so etwas wie der Vordenker des "Philantrokapitalismus", eher mit Vorsicht zu geniessen. Der "New Yorker" zitiert ihn mit den Worten: "Ich fände es gut, wenn Investoren und Spender über folgendes nachdenken würden: Es gibt einen Unterschied zwischen nicht-forderndem und forderndem Kapital." Ersteres, so Omydiar, werde von Spendern beigesteuert, die dafür nichts zurückerwarten, während letzteres ein bestimmtes Mass an Transparenz, betriebswirtschaftlicher Rechnungslegung und vor allem einen angemessenen Risikoausgleich voraussetze oder fordere. Sein Ziel sei es, so Omydiar, die nicht fordernden Kapitalquellen schrumpfen und die anderen entsprechend wachsen zu lassen.

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Ein Bauer führt Buch über seine Erträge. In Indien hat es die Landwirtschaft angesichts des Preisdrucks auf den Weltmärkten besonders schwer.

Kritiker wie Jonathan Lewis von Microcredit Enterprises halten Omydiar vor, er ginge mit seinem Glauben an die Märkte schlicht zu weit. Denn in all der Euphorie über das, was Märkte im Mikrofinanz- und im Venture Philanthropysektor angeblich leisten könnten, seien bestimmte kritische Fragestellungen vermieden worden. So sei zwar immer darauf hingewiesen worden, dass die individuellen Rückzahlungsraten ausgezeichnet seien, dass es aber nur sehr unzuverlässige Statistiken über den Zusammenbruch von Mikrofinanzorganisationen gebe.

"Wenn aber eine solche Institution in Konkurs geht, wie kommen die Kapitalgeber dann an ihr Geld, ohne den Kunden dieser Institution Schaden zuzufügen?", fragt Lewis. Und er fährt fort mit einer düsteren Prognose: "Eines Tages werden die Leute einen Rubikon überschreiten müssen, weil es zu so Ereignissen wie Pleiten kommen wird." Lewis weiter: "Wird dann Pierre Omydiar zu den 37.000 weiblichen Kleinkreditnehmerinnen gehen und sagen: 'Tut mir leid: Wir schliessen und ihr werdet Eure Kredite verlieren...'?" Dieses Zitat stammt aus dem Jahre 2006, lange bevor es zur Mikrofinanzkrise in Andhra Pradesh kam.

In der nächsten Folge möchte ich versuchen einen Weg aufzuzeigen, wie Sozialunternehmertum dennoch zu einer sinnvollen Ergänzung für die herkömmlichen Ansätze zur Bekämpfung von Armut und "Unterentwicklung" werden könnte.


> Teil 1: Ist der Markt der bessere Entwicklungsmotor?

> Teil 2: Marktpotenziale "an der Basis der Pyramide"

(Es folgt ein 4. Teil)

Fotos © Martin Vogelsang

vogelsang martinDr. Martin Vogelsang ist Country Director India
bei Fem Sustainable Social Solutions (femS3).
Er lebt in Bangalore und Berlin.


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