×

Nachricht

Failed loading XML...

fluechtlinge gaza irin 200Berlin. - Wasser und Nahrung verteilen, Verletzte medizinisch versorgen - das steht im Zentrum von humanitärer Hilfe. Zum Welttag der humanitären Hilfe am 19. August weisen Hilfsorganisationen traditionell auf ihre Arbeit hin. Die Not- und Katastrophenhilfe ist wichtig - und häufig gefährlich. Helfer geraten zwischen die Fronten von Bürgerkriegsparteien, werden nicht selten Opfer von Entführungen. Die Bevölkerung in den Einsatzgebieten ist nicht immer dankbar für die Hilfe. Und die finanzielle Entschädigung für diese Risiken ist oft alles andere als angemessen. Das zeigen aktuelle Einsätze in den Ebola-Gebieten in Westafrika oder in den Kriegszonen von Gaza und Syrien. 

"Unsere Projektmitarbeiter gehen raus und helfen, anstatt selbst in Notunterkünften Zuflucht zu suchen. Es sind mutige Frauen und Männer, die vor Ort Hilfe leisten", sagt Rainer Brockhaus, Geschäftsführer der Christoffel-Blindenmission (CBM) in Bensheim, über die Gefahren, die einheimische Helfer in Krisengebieten wie derzeit in Gaza auf sich nehmen. "Besonders behinderte Menschen sind darauf angewiesen. Sie werden bei Hilfsmaßnahmen oft vergessen."

nahrungsverteilung gaza cbm atfaluna
Nahrungsmittelhilfe in Gaza. Foto: CBM/Afaluna

Für Menschen wie Naser Al Fayoumi und seine Familie ist das Lebensmittel- und Hygienepaket mit Öl, Milch, Käse, Zahnpasta, Seife und Decken ein Zeichen der Hoffnung. Sie haben alles verloren, denn ihr Haus wurde bei den Angriffen völlig zerstört und sie wissen nicht, wohin sie gehen sollen. Der CBM-Partner Atfaluna unterstützte die Familie schon vor den Kämpfen. Eines ihrer Kinder besuchte den Atfaluna-Kindergarten. Atfaluna ist das größte und wichtigste Gehörlosenzentrum mit Schul- und Berufsausbildung im Gaza-Streifen.

Derzeit ist die Arbeit im Gehörlosenzentrum eingestellt und die Projektmitarbeiter verteilen gemeinsam mit dem CBM-Partner "Dan Church Aid" und der lokalen Organisation "Jabalia Rehabilitation Society" Nahrung und Hygieneartikel an rund 2.100 Flüchtlingsfamilien. Atfaluna hilft, gezielt Menschen mit Behinderungen zu finden und ihnen Zugang zu den Hilfsmaßnahmen zu verschaffen. Gleichzeitig untersuchen die Mitarbeiter derzeit, was die Menschen über die Soforthilfe hinaus dringend brauchen.

binnenvertriebene sudan icrc 550
Binnenvertriebene im Sudan. Foto: ICRC

Zusammen mit dem langjährigen CBM-Partner "Bethlehem Arab Society for Rehabilitation" (BASR) sorgt die CBM dafür, dass verletzte Kinder und Erwachsene aus dem Gazastreifen medizinisch versorgt werden. Sie werden in Koordination mit dem palästinensischen Gesundheitsministerium aus dem Gefahrengebiet ins BASR-Krankenhaus nach Bethlehem gebracht und behandelt. Die Überführung der Patienten ist immer wieder von der Öffnung der Grenzübergänge zur Evakuierung abhängig. Die CBM stellt BASR die nötigen Materialien und Medikamente zur Behandlung und Nachsorge zur Verfügung.

Die Christoffel-Blindenmission (CBM) zählt zu den größten und ältesten Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit in Deutschland und fördert seit mehr als 100 Jahren Menschen mit Behinderungen in Entwicklungsländern. Sie unterstützt derzeit 672 Projekte in 68 Ländern.

DRAN BLEIBEN, AUCH WENN DIE WELT WEGSCHAUT

"Vergessene Menschen" in Myanmar (Birma) stehen im Fokus von Plan International. Die deutsche Sektion in Hamburg versucht auch Katastrophen im Blick zu behalten, von denen die Welt kaum noch Notiz nimmt. Dazu zählen neben Naturkatastrophen wie wiederkehrende Dürrezeiten auch bewaffnete Konflikte, die sich häufig über Jahre hinziehen und die Menschen zwingen, ihre Heimat zu verlassen.

"Die Opfer von Katastrophen dürfen nicht in Vergessenheit geraten, unabhängig davon, wie scheinbar spektakulär die Not ist – und wie groß die Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit", so Maike Röttger, Geschäftsführerin beim Kinderhilfswerk Plan International Deutschland. "Alle Welt hat die Opfer des verheerenden Tsunamis 2004 in Erinnerung. Aber auch Menschen in bewaffneten Konflikten brauchen unsere Unterstützung. Zum Beispiel in Myanmar, wo sich seit drei Jahren rund 100.000 Menschen vor den Kämpfen zwischen Rebellen und Regierungstruppen in den Norden in Sicherheit gebracht haben – von der Weltöffentlichkeit kaum beachtet."

Mit finanzieller Unterstützung des Auswärtigen Amtes hat Plan in Myanmar umfangreiche Hilfemaßnahmen für die vergessenen Binnenflüchtlinge gestartet. Fast 16.000 Menschen in 50 Lagern in Kachin und dem nördlichen Shan State werden von Plan mit Nahrung, Hygiene-Sets und wärmender Kleidung versorgt. Schwangere, stillende Mütter und Kinder unter zwei Jahren erhalten Zusatznahrung. Begleitend führt Plan eine Aufklärungskampagne zu gesunder Ernährung durch. 

Maike Röttger: "Gerade Mädchen und Jungen werden in Krisenregionen leicht Opfer von Missbrauch und Menschenhandel. Neben Hunger und mangelnder Hygiene bestimmen auch gewalttätige Konflikte den Alltag der Kinder in Notunterkünften und Flüchtlingslagern. Genau dort setzt Plan an, in dem es – wie in Myanmar –  sogenannte Kindesschutzzonen mit psychosozialer Betreuung einrichtet und dafür sorgt, dass die traumatisierten Mädchen und Jungen in einem geschützten Rahmen spielen und unterrichtet werden können. Der geregelte Tagesablauf hilft ihnen, das Erlebte aufzuarbeiten und ein Stück Alltag zurückzugewinnen."

WACHSENDE ZAHL VON FLÜCHTLINGEN BRAUCHT HILFE

Diakonie Katastrophenhilfe und Caritas international rufen zum Tag der Humanitären Hilfe am 19. August zu einer Ausweitung der Unterstützung für Vertriebene im Irak und Flüchtlinge aus Syrien auf. Die beiden Katastrophen-Hilfswerke der Kirchen in Deutschland haben angesichts der sich verschärfenden Not ihre Hilfen in den vergangenen Tagen noch einmal deutlich aufgestockt. Allein im Irak werden sie in den kommenden Wochen mehr als 100.000 Flüchtlinge versorgen.

"Die Hilfen aus der Luft sind für den Moment sehr wichtig, können aber nur kurzfristiger und punktueller Natur sein", sagt Oliver Müller, Leiter von Caritas international, dem Hilfswerk des Deutschen Caritasverbandes. Mindestens ebenso wichtig und langfristig auch effektiver sei es, die Hilfsstrukturen vor Ort zu stärken. Nur mithilfe lokaler Partner könnten die rund 1,2 Millionen Vertriebenen längerfristig versorgt werden. "Die Menschen werden über Wochen und Monate auf Lebensmittel, Trinkwasser, Medikamente, Notunterkünfte und Kleidung angewiesen sein.“ Caritas international arbeitet seit langem im Irak und leistet mit ihren irakischen Partnerorganisationen in mehreren Landesteilen Nothilfe für Flüchtlinge aller Glaubensrichtungen.

Auch die Diakonie Katastrophenhilfe hat ihre Hilfe im Irak ausgeweitet und versorgt in den kurdischen Städten Dohuk, Erbil und Suleimaniyah Familien aus Mossul und der Niniveh-Ebene mit Nahrung und Hygiene-Sets. Die Arbeit wird in Kooperation mit erfahrenen Partnerorganisationen aus der Region geleistet. "Der Vormarsch der IS-Kämpfer und die sich schnell verschiebenden Kampfeslinien bringen Gefahren für Flüchtlinge und Helfende mit sich“, sagt Martin Keßler, Leiter der Diakonie Katastrophenhilfe, "um effektiv helfen zu können, brauchen wir sichere Schutzzonen für Flüchtlinge wie für Helferinnen und Helfer.“

In den umkämpften Regionen selbst ist Hilfe nur unter großen Gefahren möglich. Mitarbeitende und Partner der Hilfswerke arbeiten unter Einsatz des eigenen Lebens. Aus den Caritas-Zentren in Alquosh, in Qaraquosh und in Bartillah mussten Flüchtlinge wie Mitarbeiter Hals über Kopf fliehen, als die Terrorgruppen die Städte eroberten.

59 MILLIONEN KINDER IN 50 KRISENLÄNDERN BRAUCHEN HILFE

Anlässlich des Welttages der humanitären Hilfe rief UNICEF Regierungen und Öffentlichkeit dazu auf, die Hilfe für Kinder in Krisengebieten zu verstärken. Weltweit sind nach Schätzungen des UN-Kinderhilfswerkes derzeit mindestens 59 Millionen Kinder in 50 Ländern auf lebensrettende humanitäre Hilfe angewiesen. Ihre Kindheit und Jugend werde von Konflikten, politischer Instabilität, Naturkatastrophen und extremer Armut  bestimmt – mit verheerenden Folgen für die Heranwachsenden und die soziale Stabilität in ihrer Heimat.

Besonders dramatisch ist laut UNICEF die Lage der Kinder derzeit in Irak, Südsudan, Syrien und der Zentralafrikanischen Republik. "Noch nie musste UNICEF zusammen mit seinen Partnern vier Nothilfe-Einsätze der höchsten Dringlichkeitsstufe gleichzeitig bewältigen", erklärte Christian Schneider, Geschäftsführer von UNICEF Deutschland. "Dazu kommen die Krisen in Gaza, der Ukraine und die Ebola Epidemie in Westafrika. Ich kann verstehen, dass sich viele Menschen angesichts der Vielzahl und Komplexität der aktuellen Krisen überfordert fühlen. Aber wir bitten dringend darum, sich deshalb jetzt nicht abzuwenden."

Am 19. August, am UN-Tag der Humanitären Hilfe, soll der Menschen gedacht werden, die im Dienst humanitärer Hilfe ihr Leben gelassen haben. Daher appellieren die beiden kirchlichen Hilfswerke an alle Konfliktparteien, die Unabhängigkeit humanitärer Hilfe zu akzeptieren und Helferinnen und Helfer zu schützen. Gleichzeitig drängen Diakonie Katastrophenhilfe und Caritas international darauf, die Not der syrischen und irakischen Flüchtlinge, aber auch von Vertriebenen in anderen Teilen der Welt nicht aus den Augen zu verlieren. Das Motto ihrer gemeinsamen Sommeraktion, die am Tag der Humanitären Hilfe ihren Abschluss findet, ist gleichzeitig als Appell zu verstehen: "Die größte Katastrophe ist das Vergessen".


Back to Top