je suis noname 720

Berlin. - 50 Staats- oder Regierungschefs und Millionen Bürger auf einer Demo zur Verteidigung der "westlichen Werte" und unserer "offenen Gesellschaft". "Je suis Charlie" auf jeder Zeitungsseite, vielen Websites und massenhaft in Twitter, Facebook & Co. Fußballmannschaften spielen in #jesuischarlie-Trikots. Sie bekunden damit ihre Solidarität mit den 17 mutmaßlich von Islamisten ermordeten Menschen in Paris. Beinahe zeitgleich tötet Boko Haram, eine islamistische Sekte, beinahe 2.000 Menschen im Norden Nigerias. Das Massaker wird registriert, doch kein Aufschrei geht durch die Massen(medien). In Afrika, so scheint es, ist es eben normal, dass man eines nicht natürlichen Todes stirbt. Doch es gibt auch Stimmen, die diese Sicht der Dinge kritisieren. Eine alternative Presseschau. 

"Frankreich erhebt sich!", meint die französische Zeitung Le Figaro., die der Deutschlandfunk zitiert. "Frankreich ist in Trauer vereint. Und würdig in seinem Zorn, den 17 Opfern der islamistischen Schlächterei die letzte Ehre zu erweisen. Um in einem stummen Aufschrei zu zeigen, wie sehr das Land an den demokratischen Prinzipien der Republik hängt. Um ganz einfach seine Zivilisation und seine Freiheiten zu verteidigen. Wenn so viele Männer und Frauen, Rechte und Linke, Christen, Juden, Muslime und Atheisten das Bedürfnis verspüren, sich zu versammeln und gemeinsam die Marseillaise zu singen, dann deswegen, weil sie eines verbindet - die Liebe zu Frankreich, das heute bedroht ist."

Zu dieser Sichtweise gibt es Widerspruch. "Andere islamistische Terroristen, die der Boko Haram in Nigeria, haben in den Tagen bevor die Vermummten in Paris Journalisten, Polizisten und Juden meuchelten, 2000 Menschen ermordet. Überwiegend Kinder, Frauen, alte Menschen" schreibt Hans Berger ("Die Einheitsfront der Zivilisierten") auf hintergrund.de. "Das wird auch in den Leitmedien nicht verschwiegen, aber die Texte dazu sind weniger, einen Aufschrei gibt es nicht. Keine Millionen gehen auf die Straße, keine Fußballmanschaften laufen mit Trikots auf, kaum ein Politiker gibt seinen Senf dazu. Es ist 'normal', dort zu sterben, bei 'uns' ist es nicht 'normal'.

Das sieht auch Simon Allison im Daily Maverick (Johannesburg, Südafrika) so:

"If you thought 17 dead in Paris was bad enough for one week, you were wrong. In Nigeria, more than 2,000 people are feared dead after Boko Haram launched its deadliest-ever attack on a strategic north-eastern town. But where are the solidarity marches, the passionate editorials and the international condemnations? Some lives, it seems, are more valuable than others."

Richard Dowden, Direktor der Royal African Society, befürchtet in African Arguments

"The politicians will welcome this response because they can use it to introduce lots of new security measures which no one will question. France's security services will be given lots of money. I suspect we will soon see waves of arrests of Muslim activists in France. Politically I expect France will swing to the right and become a less tolerant society (especially of Muslims)."

Weiter schreibt Dowden:

"France has a bad history with the Arab world. The vicious war for Algeria in the 1950s and 60s and the murder of many Arabs - some reports say more than 200 - in Paris in 1961 have not been forgotten. Muslims still feel discriminated against in jobs and at schools. Arabs I met - and still meet - in France complain that racism is directed at them far more than other Africans. Arabs remain at the bottom of society."

Dowden kann sich bestätigt sehen, denn flugs erklärt Reinhard Müller in der FAZ nicht nur dem Heiligen Krieg den Krieg, sondern auch dem unbescholtenen Bürger - in Form der Datenspeicherung auf Verdacht. Wer die Lage anders sieht, wird zum "Feind der offenen Gesellschaft" erklärt:

"Wer ernsthaftes Interesse an einem blutigen 'Heiligen Krieg' bekundet, der darf ins Visier genommen werden. Deshalb ist die verschärfte Sanktionierung der Unterstützung terroristischer Organisationen und von ausreisewilligen wie reisenden Dschihadisten, die teils auf einen Beschluss des UN-Sicherheitsrates zurückgeht, nur folgerichtig. Es muss aber auch über Vorschläge neu nachgedacht werden, die längst auf dem Tisch liegen. Die Vorratsdatenspeicherung kann durchaus grundrechtskonform gestaltet werden und ein sinnvolles Mittel im Kampf gegen schwere Kriminalität sein. Wer gleich eine Totalüberwachung an die Wand malt, macht Propaganda im Sinne der Feinde einer offenen Gesellschaft."

=> Nous sommes Charlie: Politiker vergießen Krokodilstränen, beschwören die Pressefreiheit und schränken sie ein  


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