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Mes Aynak, Afghanistan

Berlin. - Im 21. Jahrhundert werden bilaterale oder multilaterale Konflikte zunehmend durch finanzpolitische Währungskriege, Sanktionen oder Cyber-Attacken ausgetragen. Das zeigen - um nur die jüngsten Beispiele zu nennen - die Ukraine-Krise, die Auseinandersetzungen der "Eurozone" mit Griechenland oder die Cyber-Angriffe der USA und Israels auf den iranische Atomanlagen sowie des Islamischen Staats auf einen französischen TV-Sender. Doch dahinter stecken Verteilungskämpfe, wie der Berliner Journalist Daniel Khafif in einem Beitrag für epo.de aufzeigt.

Es geht nicht mehr um Eroberungen, es geht um Verteilungskämpfe – und in beide Fällen um Ressourcensicherung. Oder, um es etwas wissenschaftlicher auszudrücken, um Energieaußenpolitik und Energiesicherheit. Beide aus Think Tanks Marburger Politikwissenschaftler heraus gebildeten Begriffe bilden seit dem Ende der Ära Schröder und dem Beginn der Kanzlerschaft von Angela Merkel, spätestens aber seit der großen Koalition den richtungsweisenden Kompass der außenpolitischen Agenda der Berliner Regierung, was sich spätestens in der Vergrößerung des Wirtschaftsministeriums um das Ressort Energie unter Sigmar Gabriel zu einem Superministerium spürbar zeigt.

ENERGIEAUSSENPOLITIK – HEGEMONIALARCHITEKTUR DES 21. JAHRHUNDERTS

Die Koordinaten haben sich verschoben: Finanzielle, statt militärische Einflussnahme in ressourcenliefernde Länder bedeutet die Hegemonialpolitik des 21. Jahrhunderts. Dabei sterben, quantitativ betrachtet, zwar weniger Menschen, als in den voran gegangenen Weltkriegen, aber sterben tun sie doch, nur eben ausschließlich durch Stellvertreterkriege, dazu aber durch Hunger, Seuchen, Vertreibung, Wassermangel oder qua Ertrinken im Mittelmeer. Wenn wir all diese Opfer zum Schutze eines vergleichsweise elitären Wohlstandes addieren, kommen wir sicherlich auch auf eine zumindest dem ersten Weltkrieg passende Opferzahl. Aber erstens kann und soll keiner aufrechnen und zweitens ist in diesem weltweit asymmetrisch verlaufenden Krieg der Ressourcensicherung keine eindeutige Schuldfrage zuzuordnen, wenngleich es Mächtige gibt, die hier und da etwas stärker auf der Klaviatur orgeln, als Andere, die im Orchester weiter hinten sitzen. Nein, die Ursache liegt im Grunde genommen bei jedem und überall, der versucht, zu leben, ja, zu überleben, je nach Lage auf dem Globus.

Die Erde seufzt, der "Welterschöpfungstag" fiel letztes Jahr schon auf den 19. August: Längst wachsen nicht mehr genügend Nahrungsmittel und Tierbestände nach, der Artenschutz ist ein Kampf gegen Agonie geworden. Der nächste Krieg wird, orakeln Wissenschaftler, um Wasser und Zugang zu Ackerflächen gehen. Auch um Energie. Aber nicht mehr "nur" um Öl. Öl, so scheint es, gibt es entgegen der Prognosen des Club of Rome nach der Ölkrise 1973 offenbar wieder weltweit genug, sei es durch "hydraulic fracturing” (Fracking) in Nordamerika, neu entdeckte, riesige Gas- und Ölvorkommen vor den Küsten Brasiliens, Australiens, Russlands oder Griechenlands und der Levante (ja, genau da…).

Levante-Becken. Foto: Wikimedia

Levante mit kalkulierter Lage der Öl- und Gasfelder rund um das Gasfeld "Leviathan". Quelle: US Energy Information Administration / Wikimedia Commons)
(Zum Öl- und Gasfeld "Leviathan” und seine Anrainer Syrien, Libanon, Israel, sowie weiteren Akteuren in der Levante: Da Syrien (mit dem russischen Hafen Tartus) und Libanon (mit französischen Stakeholdern in libanesischen Häfen) als weitere benachbarte Anrainer und wirtschaftliche Nutznießer des Gasfeldes seit Beginn der damit zusammenhängenden Explorationsbedingungen wegen brennenderen Problemen als Abbaunationen ausfallen, kommen für die Kooperation mit Israel andere Industrienationen mit Führungsansprüchen wie z. B. Australien in die engere Wahl zur Erschließung fossiler Energieträger in der Levante.)
 

Aber dass der Aralsee, den der Verfasser dieser Zeilen während seines auch nicht vorbiblisch zurückliegenden Geographieunterrichts in der Schulzeit noch als viertgrößten Binnensee der Welt kennen lernte, mittlerweile VERSCHWUNDEN ist, scheint Niemanden sonderlich zu beeindrucken. Auch der große Bruder des Aral, das Kaspische Meer, versalzt und verdunstet langsam. Wenn die altehrwürdige Münchner Firma Linde nun aus Gasen Wasser zurück gewinnen würde, sollte man sich a) freuen und b) deren Aktien kaufen. Aber wir sprechen im Konjunktiv.

Der Leiter des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), Prof. Dr. Dr. h.c. H. J. Schellnhuber sprach kürzlich beim Augsburger Energiekongress, über den enQuery.de jüngst berichtete, vom Point of no Return, von klimatischen, meteorologischen globalen Veränderungen infolge der menschlichen Einflussnahme auf dessen Toposphäre, die irreversibel sind:

Dazu gehören u.a. der weltweite Anstieg der Temperaturmittelwerts, das Abschmelzen polarer Gletscher bzw. Abdriften der Eisberge, das Verschwinden von teils nicht mal entdeckten Tier- und Pflanzenarten (von den bekannten ganz zu schweigen), Übersäuerung der Meere mit gravierenden Folgen für die Nahrungskette und daraus resultierenden Gefahren, sowie Verwüstung, Zunahme von Orkanen, Ansteigen des Meeresspiegels und Überschwemmungen.

DER ANFANG DES ANTHROPOZÄNS – UND DESSEN ENDE?

Wer die hochakribische und tief analytische Arbeit in puncto Methodologie und Analyse des Wissenschaftlerstabes am PIK, aber auch am Bremerhavener Alfred–Wegener–Institut für Meeres- und Polarforschung (AWI) oder dem Kieler Geomar auch nur ansatzweise über die Jahre verfolgt hat, erkennt, dass es sich hierbei nicht um den Kassandra-Komplex misanthroper Wissenschaftler handelt, nein, um eher viel zu leise hupende Pioniere, die die Pracht und die Ressourcen dieses Planeten und seiner Entität bewahren wollen. Und dann erkennen wir, dass unsere Toposphäre, also der Bereich, unter welchem rein atmosphärisch und inklusive der Erdkruste und der Ozeane betrachtet überhaupt Leben möglich ist, tatsächlich nicht der Bereich ist, auf dem wir leben, also unsere Biosphäre bevölkern. Dann wird's dem Betrachter plötzlich unwohl:

Weniger als ein Drittel des Globus ist von Landmasse bedeckt. Und diese teilt sich noch in riesige Ödnisse wie der Sahara, der Antarktis, der Hochgebirge auf. Wenn wir auf Satellitenbilder der Nacht schauen, sehen wir, dass die überwiegende Mehrheit der Menschen in Städten wohnt, Megacities, meist an den Küsten. Und dann ignorieren wir klimatische Folgen? Frank Schätzing, Autor des ozeanograophischen Thrillers "Der Schwarm", lässt grüßen. Und warnt. Warnen ist konservativ. Was Politiker teils unter konservativ verstehen, ist oft nur ein Lippenbekenntnis. Ein wahrhaft konservativer, wertkonservativer Ansatz, gelingt nur, wenn ein Stück weit Philantropie mitschwingt.

Zur Philantropie gehört aber auch Verantwortung und das Wissen um die eigene Existenz, die eigene Macht und das eigene Wirken. Das "Erkenne Dich selbst". Wir befinden uns nicht mehr in der Antike, als der Mensch der Willkür der Götter unterworfen und damit seiner Verantwortung entzogen war. Das hat Nietzsche eigentlich schon gesagt, der griechischste aller deutschen Philosophen. Wir befinden uns seit dem Industriezeitalter, seit der Elektrizität und der Dampfmaschine, seit Ölaggregat und Infomationstechnologie im Zeitalter des Anthropozäns. Das sind gerade 300 Jahre von Millionen Jahren Leben in dieser Welt. Und damit tragen wir Verantwortung für uns selbst und alle, die mit uns leben.

matthias gruenewald der isenheimer altar geburt christi 720

Matthias Grünewald: Der Isenheimer Altar, Die Geburt Jesú”, 1512-16, Musée d’Unterlinden Colmar, Elsaß

 

DEMUT BEDEUTET ERKENNTNIS

Luzifer, der Lichtträger, Symbol der künstlichen Lichtschaffung, wollte dem Himmel nach seinem Sturz auf die Erde zeigen, dass er den Menschen auch ohne Gott gottgleich gestalten kann. Wir werden sehen, ob ihm das gelingt oder ob er scheitert, ja, ob wir scheitern. Nun zeigt aber das Osterfest in allen Kulturen, dass nach dem Vollmond, der Frühjahrs-Äquinox, die Sonne auch ganz ohne Einflussnahme des Menschen auf die Erde zurückkehrt. Auf dem Triptychon des Isenheimer Altars, einem Ölbildnis von Matthias Grünwald, einem Meister der Renaissance, zeigt sich auch Lucifer entzückt und ergriffen in einer Reihe mit den Engeln, als das Licht in Allegorie des Jesuskindes auf die Erde strahlt. Kein künstliches Lichtwerk, so interpretiert es Grünwald auf seinem heute im Museum Unterlinden zu Colmar betrachtbaren Altarbild, kann dem Licht der Sonne annähernd etwas gleichwertiges entgegen setzen. Bei aller Energie und allem Strom, den wir zusammen aufwarten und liefern können. Etwas  mehr Bildung, etwas Kontemplation, etwas Demut wäre also angeraten. Vor allem medial. Nur dann kann der dumpfen Zerstörungswut, mit welcher auch dieses Jahr eingeleitet wurde, etwas entgegen gesetzt werden. Wer sich dem Dunkel unterwirft, hat schon verloren.

Zwei Bücher, die in das nun abgeschlossene, erste Quartal des Jahres 2015 traten, beschreiben die Gründe der Unterwerfung und seien interessierten Leserinnen und Lesern empfohlen: Die Romane "Unterwerfung" des französischen Schriftstellers Michel Hoeullebecq und "Schwarzblende" der im Sommer letzten Jahres auf enQuery.de vorgestellten Autorin Zoë Beck.

Titelfoto: Afghanische Archäologen vor dem Camp Mes Aynak, wo große Kupfervorkommen im Tagebau abgebaut werden sollen. © Wikipedia | Jerome Starkey

Daniel Khafif, Jg. 1969, Mag. Art. d. Romanistik, Komparatistik und Kunstgeschichte, ist seit 1998 als Redakteur, Autor und Konzeptioner für Verlag, Hörfunk und Film sowie als Dozent und Berater für interkulturelle Kommunikation tätig. Der Berliner entwickelte und publizierte Bücher, Portale und Magazine für Unternehmen des Fahrzeugbaus, der Luftfahrt, Pharma, Logistik und Energiewirtschaft. Seit 2012 leitet er die Redaktion von enQuery.

(Dieser Artikel von Daniel Khafif erschien zuerst auf enQuery.de. Die Redaktion von Entwicklungspolitik Online dankt dem Autor für die Erlaubnis zur Veröffentlichung.)


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