Erdbeben in Pakistan. Foto: HilbrechtIslamabad/Potsdam (epo). - Ein Jahr nach der Flutwelle im Südpazifik können Hilfswerke eine positive Bilanz ziehen:  13,6 Milliarden US-Dollar wurden weltweit von Regierungen, nichtstaatlichen Organisationen und Spendern als Hilfe bereit gestellt, allein die deutschen Bundesbürger gaben mehr als 670 Millionen Euro. Das Erdbeben in Pakistan mit mehr als 80.000 Toten bewegt die Gemüter weit weniger. Die TV-Kameras kommen kaum in die unzugängliche Region, Europäer sind so gut wie nicht betroffen - mit dem Medieninteresse schwindet auch die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Um so mehr sollte über Möglichkeiten nachgedacht werden, Katastrophenfolgen wie die in der Kaschmir-Region künftig zu vermeiden. Letzteres wäre durchaus möglich, so die Analyse von Diplom Geologe Dr. Heinz Hilbrecht, der unlängst die Katastrophenregion bereiste.

Die geologischen Aspekte der Erdbebenschäden nach dem 8. Oktober weisen auf große Fehlentwicklungen bei der Besiedelung der Bergregionen in Kaschmir hin. Es ist klar erkennbar, dass die verheerenden Schäden bis zur völligen Vernichtung ganzer Siedlungen vermeidbar wären. Ein Erbeben der Stärke 6,8 auf der Richterskala, wie am 8. Oktober im Norden Pakistans, ist ein starkes Beben. Aber die Totalvernichtung ganzer Siedelungen und die große Zahl der Toten und Verletzten schlägt völlig aus dem Rahmen. Es gibt im Erdbebengebiet genügend Beispiele für praktisch unbeschädigte Siedlungen und Siedlungsteile, die in einem geologisch sicheren Umfeld stehen.

Diese Erfahrungen könnten mehr Sicherheit für die Bevölkerung liefern und den Rahmen für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der Bergregion verbessern. Außerdem könnten einfache Veränderungen beim Hausbau mehr Sicherheit schaffen.

Erdbeben in Pakistan. Foto: Hilbrecht
Die Übersicht des Tal von Balakut zeigt vorn die Zeltdörfer der
Vereinten Nationen und des Roten Kreuzes /Roten Halbmonds.
An den steilen Hängen (V-förmig helle Flächen) die Abrisskanten
zahlreicher Bergstürze infolge des Erdbebens vom 8. Oktober.

Die Stadt Manseira am "Karakorum-Highway" von Pakistan nach China gilt in Pakistan als der Ort eines Wunders. Im Erdbebengebiet vom 8. Oktober blieb dieser Ort mit schätzungsweise 10000 Einwohnern praktisch unbeschädigt von den Erdstößen. Nur selten sind Risse in Hauswänden und andere leichte Schäden zu erkennen. Dagegen sind drei Kleinstädte in direkter Nachbarschaft fast völlig verwüstet worden.  

DAS "WUNDER" VON MANSEIRA

Für den Geologen ist Manseira überhaupt kein Wunder, denn die Stadt steht auf Granit. Es ist eine geologische Grundregel, dass harter Fels als Baugrund die Gebäude Erdbeben weitaus besser überstehen lässt als unverfestigte Gesteine.

Wir haben die Kleinstadt Balakut besucht, die exemplarisch schwere Fehler bei der Besiedelung der Bergtäler demonstriert. Hier sind aber auch leicht umsetzbare Möglichkeiten gegen zukünftige Erdbebenschäden zu erkennen.

Balakut
Das Bankgebäude ist ausradiert. Es stand im Bereich der unverfestigten
Talsedimente. Die Gebäude im Hintergrund hatten auf festem Fels
wesentlich bessere Überlebenschancen.

Balakut wurde auf den ersten Blick völlig vernichtet. Die Stadt ist eine reine Trümmerlandschaft. Allerdings gibt es Siedlungsteile, in denen Gebäude praktisch unbeschädigt blieben. Diese Siedlungsteile stehen innerhalb des Ortes auf flachen Hügelkuppen. Dort bildet festes Gestein des Gebirges den Untergrund und das Gelände ist flach genug für eine technisch unproblematische Bebauung. Selbst der Geologe steht vor diesen unbeschädigten Siedlungsteilen äußerst überrascht. Denn  der Untergrund von Balakut besteht aus "Flysch". Dieser Gesteinstyp ist äußerst anfällig für Rutschungen und technisch schwer beherrschbar. Trotzdem bietet sogar dieses "Risikogestein" den Gebäuden offenbar einen ganz erheblichen Schutz.

SCHÄDEN WÄREN VERMEIDBAR GEWESEN

Schwerste Schäden hat der Ort Balakut in den am dichtesten bebauten Teilen erlebt, die im Bereich der Talfüllung liegen. Hier ist das Gelände flach und es gibt direkten Zugang zu Wasser aus dem Gebirgsfluss, der das Tal durchzieht. Der Fluss hat eine mächtige Schicht aus Geröll, Kies und Sand abgelagert, die einen flachen Talboden bilden. In diese Sedimente schneidet sich der Fluss tief ein und schafft damit Raum für Erdrutsche. Zahlreiche Gebäude sind beim Beben abgerutscht, darunter auch massive Betonbauten einer Bank und mehrerer Hotels. Wenig oberhalb des Talbodens, auf einer flachen Hügelkuppe, blieben ähnlich konstruierte Bauten praktisch unbeschädigt. Sie stehen auf Fels.{mospagebreak}

Das Tal von Balakut
Das Schadensbild überall im Bereich der unverfestigten Talsedimente:
totale Zerstörung. Im Tal war die Besiedelung am dichtesten.
Aber auch hier sind im Hintergrund intakte Gebäude zu
erkennen, die auf hartem Fels stehen.

 

Die unverfestigte Talfüllung konnte sich unter den Erdstößen frei bewegen. Entsprechend ist das Schadensbild an den Gebäuden: Hauswände, auch von Betonbauten, wurden wie durch eine Explosion aus dem tragenden Rahmen der Betonpfeiler gesprengt und zertrümmert. Die herabstürzenden Decken- und Bodenplatten aus Beton liessen den Bewohnern praktisch keine Überlebenschance. Einfache Hütten wurden bis zur Unkenntlichkeit zerstört. Hier tragen die gemauerten Wände das Dach, ohne einen Rahmen. Allerdings ist auch bei einfachen Hütten die Zerstörung weitaus geringer, wenn sie auf dem Felsuntergrund, außerhalb der unverfestigten Talfüllungen stehen.

BEBAUUNGSPLÄNE ZUR ERDBEBEN-VORSORGE

Die Besiedelung der Täler folgte offenbar den Straßen und dehnte sich von dort auf flachen Baugrund aus. Die Häuser standen locker gestreut, häufig nur entlang der Straßen. Erdbebensicheres Bauen müsste im Zuge einer Raumplanung die Besiedelung auf flache Bergkuppen konzentrieren, die zwischen der Talfüllung und dem Steilanstieg zum Gebirge liegen. Solche Flächen stehen auch in Balakut ausreichend zur Verfügung. Hier gibt es nur eine dünne Bodendecke über festem Fels. Das Gelände ist nicht immer völlig flach. Schon existierende Gebäude wurden deshalb auf kurze Betonpfeiler gesetzt. Oder es wurde ein Fundament aufgemauert, um die Neigung des Geländes auszugleichen.

Auch im europäischen Hochgebirge wurden traditionelle Häuser so errichtet. Sie stehen an geologisch ähnlichen Standorten. Diese Gebäude überstehen Erdbeben meist ohne größere Zerstörungen.

RAUMPLANUNG ALS VORAUSSETZUNG FÜR KATASTROPEN-VORSORGE

Die extreme Zahl von Toten und Verletzten und die verheerenden Schäden an Gebäuden und Infrastruktur beim Beben vom 8. Oktober gehen letztlich auf schwerwiegende Mängel bei der Landverteilung und Bebauungsplanung zurück. Allerdings müssten kurze Stichstraßen und Versorgungsleitungen das erdbebensichere Gelände erschließen. Dabei könnte sich sogar ein Kostenvorteil gegenüber der bisherigen Zersiedelung ergeben. Konzentrierte Bebauung senkt die Erschließungskosten. Allerdings müsste vor allem für die arme Bevölkerung eine Wasserversorgung geschaffen werden. Ohne Wasserleitungen sind diese Menschen auf die Nähe zu Bächen angewiesen. Dort sind sie den Zerstörungen durch Erdbeben, Hochwasser und Erdrutsche direkt ausgesetzt.

Die unverfestigte Talfüllung schafft eine Todeszone. Rund die Hälfte der Bevölkerung in der Region lebt von der Landwirtschaft. Eine angepasste Raumplanung müsste diese Flächen für diesen wichtigen Erwerbszweig reservieren. So würde sich auch die Existenzgrundlage der Bevölkerung verbessern. In konzentrierten Siedlungen auf erdbebensicherem Gelände würden sich ebenfalls bessere Rahmenbedingungen für das Handwerk und für den Tourismus bieten.

H?ndler in Balakut
In den Ruinen regt sich wieder Leben. Der traditionelle
Apotheker bietet seine Arzneien an. "Medizin der Armut"
ist das nicht, denn die medizinische Versorgung
in Krankenhäusern und Feldlazaretten ist kostenlos.

Das Bauen an den Bergstraßen ist auch durch die Gefahr von Bergstürzen äußerst gefährlich. Allein um Balakut haben wir einige Dutzend Bergstürze an den äußerst steilen Berghängen gezählt. Sie waren eine direkte Folge der Erschütterungen durch das Erdbeben vom 8. Oktober. Die Unterbrechung der Verbindungsstraßen zu entfernten Siedlungen erschwert Transporte für Hilfsmaßnahmen ungemein. Daran wäre auch mit den technischen und finanziellen Möglichkeiten eines Industriestaats nichts zu ändern. Aber Gebäude unterhalb von steilen Hängen sind zu jeder Zeit extrem gefährdet.

BESSERE HÄUSER BAUEN

Schon bei der Anfahrt ins Erdbebengebiet fallen die anscheinend geringen Kenntnisse der Landbevölkerung über den Hausbau auf. Nicht selten biegen sich die Hauswände unter der Last des Daches durch. Für die Dachkonstruktion werden unverhältnismäßig dicke Balken benutzt. Die Dachlast wird durch Ziegel und Steine weiter erhöht. Im Verhältnis dazu sind die Wände viel zu dünn. Entsprechend hat das Beben vom 8. Oktober solche Gebäude völlig zerstört.

Balakut
Zwischen den herab brechenden Decken- und Bodenplatten
von Betonbauten gab es praktisch keine Überlebenschance.
Hier räumt die Bevölkerung mit bloßen Händen auf. Baumaschinen
werden zur Räumung der Straßen gebraucht.

Die traditionelle Art und Weise des Hausbaus geht wie die gesamte technische Kultur der Bergbevölkerung auf eine halbnomadische Lebensweise zurück. Die Landwirtschaft gründet meist auf die Haltung von Schafen und Ziegen. Die Menschen sind wahrscheinlich den Jahreszeiten folgend zu den Weidegründen gezogen.

Auch in den europäischen Alpen hat eine solche Lebensweise zu provisorischen Hauskonstruktionen geführt, wie sie im Kaschmir zu beobachten sind. Stürme, Hochwasser, Lawinen und Bodenbewegungen im steilen Gebirge können Gebäude in guten Weidegründen jederzeit zerstören. Die einfachen Hütten lassen sich allerdings aus dem anfallenden Schutt wieder leicht reparieren.

Entscheidend ist dabei das Holz. Es ist im Hochgebirge Mangelware und ist deshalb teuer. Außerdem muss das Holz dem Wetter widerstehen und beim Zusammenbruch des für Beschädigung geplanten Hauses unbeschädigt bleiben. Deshalb wird das Kernholz ganzer Stämme benutzt. Entsprechend schwer sind die Dachkonstruktionen und entsprechend provisorisch die Wände.

Weil die Hütten im Grunde jährlich vor der Nutzung repariert oder neu gebaut werden, ist diese Art der Konstruktion in einer traditionellen Lebensweise (Wanderviehhaltung) durchaus sinnvoll. Für eine sesshafte Lebensweise, mit einer Dauernutzung, sind diese Hütten aber ungeeignet.

ARMUT UND TRADITIONEN BESTIMMEN DIE LEBENSWEISE

Auch im Erdbebengebiet gibt es andere und bessere Formen des permanenten Hausbaus. Wir gehen davon aus, dass die traditionelle Bauweise, wie sie heute von sesshaften Familien noch benutzt wird, eine Folge von Armut ist. Außerdem erklären uns Pakistani, die Bergbevölkerung sei häufig nicht von Traditionen abzubringen, die durch Generationen überliefert sind. Nach der Veränderung zur sesshaften Lebensweise sind diese Traditionen allerdings überholt.

Balakut
Die schweren Zerstörungen durch Rutschungen und Senkungen
von unverfestigten Talsedimenten sind überall augenfällig.
Selbst massive Betonhäuser sind einfach zerbrochen.

Das für die Bevölkerung erschreckende Erlebnis vom 8. Oktober bietet deshalb auch die Chance, die unbestreitbare Anpassungsfähigkeit und Lebenskraft der Bergbevölkerung für Veränderung zu motivieren. Voraussetzung wären Vorschläge und praktische Beispiele für leichtere Hauskonstruktionen, vor allem leichtere Dachstühle, die den wirtschaftlichen und technischen Möglichkeiten der Menschen entsprechen. So wird zum Beispiel die Erdbebensicherheit eines Gebäudes und die Sicherheit für die Bewohner allein dadurch klar erhöht, dass Fundament, Wände und der leichte Dachstuhl durch preiswerte Klammern oder Schraubverbindungen fest miteinander verbunden sind. Die traditionelle Bauweise im europäischen Hochgebirge bietet dafür anpassungsfähige Beispiele.

[Fotos: Dr. Heinz Hilbrecht]

Dr. Heinz Hilbrecht ist freier Journalist und Publizist in Laufenburg/Baden.


 Die Analyse von Dr. Heinz Hilbrecht wird von Dr. Gottfried Grünthal, dem Leiter der Sektion Ingenieur-Seismologie beim GeoForschungszentrum Potsdam, bestätigt. Grünthal verweist jedoch auf die großen Probleme, die ein Umdenken von Bauherren und Handwerkern in den Katastrophengebieten in Pakistan - aber auch in China, wo dieselbe Bauweise vorherrsche, bereitet. Mit einer Erdbeben-Fibel, die den Bewohnern erdbebengefährdeter Gebiete Vorsorge-Maßnahmen in Form von Skizzen und Zeichnungen nahebringen soll, habe man gute Erfahrungen gemacht.

 Letzlich seien aber "low-cost Lösungen gefragt, so Dr. Grünthal auf Anfrage der epo Redaktion. Nötig wären eine Flurbereinigung, eine vorausschauende Raumplanung und der Aufbau einer Wasserversorgung auch für entlegene Regionen. Diese Erkenntnisse müssten in langfristige Wiederaufbaumaßnahmen im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit einfliessen.

Für eine langfristige, vorausschauende Entwicklung im Sinne der Vermeidung von Katastrophen wäre eine Stärkung der lokalen und regionalen Behörden dringend erforderlich. Statt dessen herrscht in der Not- und Katastrophenhilfe wie auch in der Entwicklungszusammenarbeit ein auf kurzfristige Erfolge ausgerichteter Interventionismus vor, der die lokalen Strukturen schwächt statt stärkt. Nach Auffassung der Redaktion ist für dieses generelles Dilemma der EZ keine Lösung in Sicht - und deshalb wird es beim nächsten mittleren Erdbeben wieder viele unnötige Tote in Ländern wie Pakistan geben. (Die Redaktion)


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