aggeTübingen. - Wie können Patienten durch den richtigen Einsatz von Antibiotika besser vor Infektionen geschützt werden? Wie verbreiten sich Krankenhauskeime und wie kann das im Klinikalltag verhindert werden? In einem Blended learning-Pilotprojekt der Akademie für Globale Gesundheit und Entwicklung (AGGE) und des Christlichen Gesundheitsnetzwerks in Liberia werden Fachkräfte an liberianischen Krankenhäusern jetzt zu Infektionsschutz und Antibiotika-Resistenzen geschult

Das Nord-Süd-Partnerschaftsprojekt wird durch die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) im Rahmen des "ESTHER – Hochschul- und Klinikpartnerschaftsprogramms" des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) gefördert.

Regelmäßige Epidemien auf Kinderstationen, eine hohe Müttersterblichkeit sowie die niedrige Qualifizierung der Gesundheitsfachkräfte deuten in Liberia auch nach der Ebola-Epidemie noch auf ein schwaches Gesundheitssystem hin. Über eine E-Learning-Plattform wollen die Träger der Akademie, das Deutsche Institut für Ärztliche Mission e.V. (Difäm), das Missionsärztliche Institut Würzburg und das Institut für Public Health der Universität Heidelberg, in enger Zusammenarbeit mit dem Netzwerk christlicher Gesundheitseinrichtungen als lokaler Partner in Liberia medizinisches Personal, Pflegekräfte, Hebammen sowie Pharmazeuten am Methodistischen Ganta Hospital, am Phebe Hospital und am Sankt Joseph Krankenhaus zur Verbesserung der Patientensicherheit schulen. 

Neben den Onlinekursen gibt es Präsenzphasen, um das Gelernte in die Praxis umzusetzen. "Unser Ziel ist es, mit der Entwicklung eines bedarfsorientierten Wissensmanagements, dem Aufbau von Kompetenz-Netzwerken in den Partnerkrankenhäusern und gegenseitigem globalem Lernen die Versorgungsqualität zu verbessern und Fehler im Behandlungs- und Versorgungsprozess zu vermeiden", erklärt Gisela Scheider, Direktorin des Difäm als Rechtsträger der Akademie aus Tübingen. Das erste gemeinsame Onlineseminar mit Teilnehmenden aus Tübingen, Würzburg und im 6.500 Km entfernten Liberia findet am 4. August 2017 statt.

Während der Ebola-Krise wurden in Liberia Maßnahmen umgesetzt, um Gesundheitsdienste zu stärken und Qualitätsmängel in der Versorgung zu beseitigen. Dazu zählten Hygienevorschriften zum verbesserten Infektionsschutz sowie Richtlinien zum Schutz vor der Entwicklung von Arzneimittelresistenzen. "Seitdem es keine unmittelbare Gefahr durch Ebola mehr gibt, ist es schwierig, eine konsequente Händehygiene, Tragen von angemessener Schutzkleidung oder Abfallmanagement auf hohem Niveau zu halten", sagt Medizinerin Gisela Scheider. Denn der Infektionsschutz bezöge sich nicht nur auf seuchenhafte Erreger, sondern müsse das Ziel haben, Infektionen insgesamt zu vermeiden. 

Hohe Raten von infektiösen Komplikationen nach einer Operation oder das regelmäßige Auftreten von Durchfall-Epidemien auf Kinderstationen werden laut einer Studie in liberianischen Gesundheitseinrichtungen nur selten mit Hygieneproblemen in Verbindung gebracht. "Darauf reagiert das medizinische Personal meist mit der vorbeugenden Verordnung von Antibiotika", so Gisela Schneider. "Damit wird das Problem jedoch nicht gelöst und einer Entwicklung von Antibiotika-Resistenzen Vorschub geleistet."

Im Rahmen des Partnerschaftsprojektes sollen die Fachkräfte in den liberianischen Partnerkrankenhäusern nun im Sinne der neu entwickelten Richtlinien der staatlichen Gesundheitsbehörden weitergebildet, Standards der Infektionskontrolle nachhaltig verankert, Hygienestandards verbessert und qualitätsbewusstes Management gestärkt werden. "Dazu gehört auch ein Bewusstsein für den Zusammenhang zwischen Hygiene, der Verhinderung von Infektionen und dem rationalen Gebrauch von Antibiotika", sagt Gisela Schneider.

Sowohl bei einer ersten Situationsanalyse zu Hygienestandards, der Verfügbarkeit von Wasser, Entsorgungsmöglichkeiten für infektiöses Material sowie der Qualifizierung des Personals als auch bei der Erarbeitung und Umsetzung entsprechender Verbesserungsmaßnahmen werden die Fachkräfte in Liberia durch unabhängige Fachkollegen aus Tübingen und Würzburg begleitet und motiviert, die Qualität der Versorgung in ihren jeweiligen Krankenhäusern zu verbessern. Dazu gehört die Erarbeitung von Umsetzungs- und Trainingsplänen in den Bereichen Handhygiene, Desinfektion, dem Einsatz von Schutzkleidung, dem Umgang mit potentiell infektiösem Material und Instrumenten sowie der richtige Einsatz von Medikamenten wie Antibiotika und das frühzeitige Erkennen von Therapieversagen. Kompetenzteams in den Krankenhäusern sollen für die jeweiligen Untersuchungen, das Training vor Ort und das regelmäßige Monitoring Verantwortung übernehmen.

"Über unsere internetbasierte Wissens-, Trainings- und Vernetzungsplattform Learnbox können die Teilnehmenden in themenbezogenen Onlineforen und Webinaren ihre Untersuchungsergebnisse teilen, Erfahrungen austauschen und über die Bereitstellung von internationalen und nationalen Standards sowie Referenzliteratur Kompetenzen zur Patientensicherheit entwickeln", erklärt Klemens Ochel vom Missionsärtzlichen Institut Würzburg. Zu Beginn des Projektes wurde hierfür die Qualität der Internetverbindung in den Partnerkrankenhäusern geprüft. "Die Versorgung war ausreichend. Nur für das Ganta Hospital wurde eine Satellitenanlage installiert", sagt Franziska Müller, Koordinatorin der Akademie und Projektbeauftragte im Difäm. "Wir sind noch in der Pilotphase. Ob technisch alles gut läuft und die Verbindungen halten, werden wir am 04. August sehen."

Die Gesamtfördersumme, die von der GIZ für dieses ESTHER-Partnerschaftsprojekt bereitgestellt wurde, beträgt 110.000 Euro für die Laufzeit bis 2019. Das Projekt reiht sich damit in die Förderprojekte des BMZ als deutsche Antwort auf die Europäischen ESTHER-Allianz ein. Die Initiative ESTHER (Ensemble pour une Solidarité Thérapeutique  Hospitalière En Reseau) bringt Fachleute unter anderem Krankenhäusern mit entsprechenden Experten in Ländern im Globalen Süden zusammen, um Gesundheitsdienste dort zu stärken und eine effektive, effiziente, für alle zugängliche und sichere Gesundheitsversorgung zu ermöglichen.

Quelle: www.difaem.de 


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