misereorAachen. - Vor dem umstrittenen Unabhängigkeits-Referendum der kurdischen Autonomiegebiete am 25. September hat das Werk für Entwicklungszusammenarbeit MISEREOR von der deutschen Bundesregierung gefordert, ein besonderes Augenmerk auf die Überwindung der gesellschaftlichen Gräben und den Schutz von Minderheiten in der Region zu richten. 

"Sämtliche bis vor kurzem noch vom IS kontrollierten Gebiete in der Nineveh-Ebene sind nun von der irakischen Armee oder den kurdischen Peshmerga befreit worden. Dennoch ist die Instabilität weiterhin sehr groß und die Sicherheitslage, die in den Händen verschiedener Milizen liegt, weiterhin sehr prekär. Grenzen sind faktisch verschoben worden, auch sind die materiellen Zerstörungen gewaltig. Tausende waren in die kurdischen Landesteile im Norden geflohen, viele von ihnen sind stark traumatisiert.

Die Rückkehrbewegungen sind bislang nur zögerlich. Zwischen den verschiedenen, oft zerstrittenen religiösen, konfessionellen und ethnischen Gruppen herrscht großes Misstrauen", erklärte MISEREOR-Geschäftsführer Martin Bröckelmann-Simon, der vor wenigen Tagen durch den Norden Iraks gereist ist, um sich ein Bild der Lage zu machen. "Gerade die Minderheiten der Christen und der Jesiden sehen sich unter enormem Druck. Ebenso sind auch die Spannungen zwischen der schiitischen Mehrheit und der sunnitischen Bevölkerung groß. Was auch immer nach dem umstrittenen Referendum folgt: Sowohl die Regionalregierung in Erbil als auch die Zentralregierung in Bagdad müssen beim nun dringend notwendigen Wiederaufbau in Nineveh, Mossul und im Sindschar besonders den Schutz und ein Mitspracherecht aller Gruppen sicherstellen. Nur so können die Menschen wieder Vertrauen in eine sichere Zukunft haben und aus eigenem Antrieb in ihre Städte und Dörfer zurückkehren", so Bröckelmann-Simon. Andernfalls setze sich der Exodus, vor allem junger Christen und Jesiden, aus dem Nordirak fort. 

GRÖßTE AUFGABE: WIEDERAUFBAU DER ZWISCHENMENSCHLICHEN BEZIEHUNGEN 

Der Wiederaufbau der Region Nineveh könne nur mit massiver staatlicher finanzieller Unterstützung bewältigt werden. "Materielle Hilfe von außen ist jetzt dringend erforderlich, denn das Wichtigste für die vertriebene und ansässige Bevölkerung sind Perspektiven für die Zukunft. Die internationale Gemeinschaft muss als Voraussetzung für jegliche Unterstützung den Schutz von Minderheiten einfordern und die Verständigung zwischen den Konfessionen unterstützen", erklärt Bröckelmann-Simon. Bei allen kommenden Gesprächen mit der kurdischen Regionalregierung in Erbil und der Zentralregierung in Bagdad über die Hilfe bei der Sicherung und dem Wiederaufbau des Landes müsse auch die neue deutsche Bundesregierung die gleichberechtigte Teilhabe und Mitsprache aller religiösen, konfessionellen und ethnischen Gruppen einfordern. "Der materielle Wiederaufbau ist eine riesige Aufgabe. Der weitaus schwierigere Teil der Herausforderungen im Norden Iraks wird allerdings die Überwindung der tiefen gesellschaftlichen Gräben und der Aufbau tragfähiger zwischenmenschlicher Beziehungen sein. Umso mehr Aufmerksamkeit verdient er", betont Bröckelmann-Simon.

MISEREOR konzentriert seine Arbeit im Nordirak auf die Hilfe für die Binnenvertriebenen und Flüchtlinge. Von den 3,5 Millionen Flüchtlingen im Land leben 1,5 Millionen in den kurdischen Autonomiegebieten. Die humanitäre Hilfe, Gesundheitsversorgung und der Schulaufbau sind die zentralen Aufgaben dieser Hilfe. So finanziert MISEREOR beispielsweise Projekte zum Wiederaufbau der Gesundheitsstruktur und stattet mobile Kliniken aus, die in der gesamten Region Grunddienste leisten. Darüber hinaus unterstützt MISEREOR im Nordirak die Betreuung traumatisierter Menschen in insgesamt 27 therapeutischen Zentren, damit die erlittenen Gewalterfahrungen aufgearbeitet werden können.

Quelle: misereor.de


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