Charles TaylorBerlin (epo). - Für Charles Taylor ist es das Denken in feindlichen Lagern und damit die Mißachtung der liberalen Grundregeln einer komplexen, säkularisierten und multikulturellen Gesellschaft, das die Krise verursacht hat. Der kanadische Politologe und Philosoph sprach bei der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin über den Karikaturen-Streit. "No block thinking" lautete denn auch seine Forderung an das Publikum - das Wort "Islam" dürfe man nicht gleich mit der Steinigung untreuer Ehefrauen assoziieren, um nur ein Beispiel zu nennen. Der Freund sinnstiftender Religionen in einer entfremdeten Konsumwelt plädierte einmal mehr für eine multikulturelle Gesellschaft, als deren Vordenker er gilt.

"Bilderstreit - Der Karikaturen-Konflikt und das Selbstverständnis liberaler Gesellschaften" lautete der Titel der Diskussionsveranstaltung der HBS am 2. März. Der Vorstandsvorsitzende Ralf Fücks mahnte: "Am Clash of Civilisations basteln nicht nur die Mullahs!". Taylor verurteilte das "Blockdenken", Muslime seien alle Fundamentalisten, warf den Regimen in islamischen Ländern aber auch vor, aus durchsichtigen innenpolitischen Gründen an einer Eskalation des Streits interessiert zu sein. In der Veröffentlichung der Karikaturen sieht er eine Mißachtung der Regeln einer multikulturellen Gesellschaft, die Berufung auf die Presse- und Meinungsfreiheit findet er eher lächerlich.

Ganz anders die Parlamentatische Chefkorrespondentin der Springer-Zeitung "Die Welt", Mariam Lau, die zur "Verteidigung des essentiellen Gutes der Pressefreiheit" angetreten war. Selbst Sproß einer deutsch-iranischen Familie, Enkelin eines Teheraner Polizeipräsidenten und Tochter eines 68ers, der einst zum Sturm auf das Springer-Haus angetreten war - und von der "taz" zur "Welt" gewechselt - rief sie zur "Spaltung des Lagers der Muslime" auf. Rassistische Stimmen gebe es vor allem in den Ländern des Westens, in denen man "zu lange zu allem Ja und Amen" gesagt habe. Der Journalistin fielen vor allem "Fehmemorde" als Handlungsfelder für die politische Auseinandersetzung mit dem Islam ein.

Katajun Amirpur forderte hingegen, es müsse gleiches Recht für alle gelten. Wer sich wie die westlichen Medien für Pressefreiheit einsetze, dürfe nicht im gleichen Zug - wie im jüngsten Kölner Karneval geschehen, satirische Beiträge über den deutschen Papst aus den Sendern verbannen. "Satire darf alles", sagte die Kölner Islamwissenschaftlerin und Expertin für schiitische Koranauslegung mit Tucholsky, "aber dann muss es auch für alle gelten!"

Das "fehlende Miteinander" (auch in den Medien) bemängelte der Leiter der türkischen Redaktion des WDR, Erkan Arikan. Er warf den Mainstream-Medien vor, nur die radikalen Muslime in Palästina im Fernsehen zu zeigen, obwohl 3,5 Millionen Muslime friedlich in Deutschland lebten.

Diskussion bei der B?ll-Stiftung
Charles Taylor (re.) bei der Böll-Stiftung, mit Ralf Fücks und Katajun Amirpur. Foto: ? epo

In die Tiefe der Hintergründe des Konflikts ging die Debatte kaum. Lediglich Moderator Ralf Fücks verstand es, den Karikaturen-Streit ansatzweise in einen historischen und weltpolitischen Zusammenhang zu setzen. Fücks sprach von einem "Paradebeispiel der Globalisierung": "Was in der dänischen Provinz begann, wurde ein globaler Konflikt." Er sieht eine grundlegende Auseinandersetzung zwischen Gesellschaften mit einer "identitätsstiftenden Religion" in islamischen Ländern und der säkularisierten Welt, in der es zu vermitteln gilt.

WESTLICHER UNIVERSALITÄTSANSPRUCH

Es gibt auch eine andere Deutung. Der Sachverhalt, über den sich Muslime und andere Marginalisierte vom Nahen Osten bis Indonesien aufregen, heißt Universalitätsanspruch westlicher "Errungenschaften". Der Westen und insbesondere dessen "Führernation" USA sind der Überzeugung, alle Welt müsse sich westlichen Werten und Überzeugungen wie Demokratie, freie Marktwirtschaft, Individualismus, Rechtstaatlichkeit, Menschenrechte etc. unterwerfen. "What is universalism to the West, is imperialism to the rest", so Samuel P. Huntington in seinem vielzitierten Werk "The Clash of Civilizations".

In vielen Ländern des Südens erscheinen die "westlichen Werte und Errungenschaften" nur einer kleinen Elite attraktiv. Denn was von Demokratie und "freier" Marktwirtschaft bei der ärmeren Bevölkerung ankommt, offenbart sich häufig als scheinheiliges Getue:

  • Demokratische Entscheidungen werden vom Westen nur solange respektiert, wie sie parlamentarische Demokratien nach westlichem Muster befördern; Demokratisch gewählte Störenfriede wie Chiles Präsident Salvaror Allende oder die fundamentalistische Front Islamique du Salut (FIS) in Algerien werden notfalls mit dem Segen der westlichen Welt weggeputscht.
  • Freie Marktwirtschaft äußert sich im Leben einfacher Menschen im Süden vor allem in Form von Marginalisierung und Arbeitslosigkeit. Wo sie nützen könnte, nämlich bei der Konkurrenz um Märkte für landwirtschaftliche Produkte, verhindern Agrarsubventionen der Industriestaaten einen fairen Wettbewerb.
  • Individualismus wird von vielen als Verfall traditioneller Werte und Sitten gesehen. Er gefährdet den Zusammenhalt der Familien und Clans - in vielen Ländern die einzigen Institutionen, die einen sozialen Ausgleich und eine soziale Grundsicherung gewährleisten.
  • Rechtsstaatlichkeit und Rechtssicherheit sind auch in Rechtssystemen gegeben, in denen - wie z.B. in afrikanischen Gesellschaften - lokale Honoratioren oder Räte eine Entscheidung im Konsensprinzip fällen. In Wahrheit geht es westlichen Geostrategen um die internationale Durchsetzung des bislang vor allem nationalstaatlich verbrieften Eigentums- und Vertragsrechts, etwa im Rahmen der Welthandelsorganisation (WTO).
  • Die allgemeine Erklärung der Menschenrechte haben alle in den Vereinten Nationen vertretenen Staaten unterzeichnet. Die Länder des Südens bemühen sich seit Jahrzehnten, wirtschaftlichen und sozialen Rechten der Menschen mehr Geltung zu verschaffen. Nicht nur die Pressefreiheit oder das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, sondern auch das Recht auf Nahrung und das Recht auf ein angemessenes Obdach harren nach wie vor der universalen Durchsetzung.

Die Besinnung auf Meinungsfreiheit und die Vorteile einer offenen Demokratie wird den Jugendlichen in Niger, Algerien oder Marokko, die 40 bis 50 Prozent der Bevölkerung ausmachen und aufgrund ihrer Arbeitslosigkeit keine Lebensperspektive haben, nicht viel weiter helfen. In unserer durchökonomisierten Konsumgesellschaft bleibt ihnen häufig nur der Versuch, die Zäune der Festung Europa zu überwinden - oder der Rückzug in die Überschaubarkeit islamischer Traditionen und Werte. Religion und Kultur, mithin die traditionellen Werte-Cluster, sind die letzten Zufluchtsstätten von Gesellschaften, die zumindest mittelfristig zu den Verlierern globaler Prozesse wie der Modernisierung und wirtschaftlichen Globalisierung zählen.

Das von der US-Administration vorgelebte und nach dem 11. September 2001 mit Feuer und Schwert verbreitete Demokratiemodell des Westens erscheint vielen Menschen gerade in islamischen Ländern nicht als sonderlich attraktiv. Es führt allenfalls das Rotationsprinzip der herrschenden Eliten ein, viele traditionale afrikanische Gesellschaften waren basisdemokratischer. Die Herrschaft der Mehrheit, so empfinden es auch viele Politiker in den Ländern des Südens, kann in Vielvölkerstaaten die Gefahr einer weiteren Marginalisierung von Minderheiten herauf beschwören und Instabilität statt Fortschritt bringen.

Die grünen-nahe Böll-Stiftung ist gleichwohl zuversichtlich: So heißt es in einer Ankündigung der Internationalen Konferenz "Exportschlager Demokratie? Chancen und Risiken der Demokratieförderung in fragilen Staaten", die vom 8.-10. März in Berlin stattfindet: "Während Demokratie als internationale Norm nach dem Ende des Kalten Krieges anerkannter denn je ist, und ihre Verbreitung als legitimes außenpolitisches Ziel von den meisten Nationalstaaten akzeptiert wird, sind Vorgehensweisen und Methoden der externen Demokratieförderung umstritten. Dies gilt besonders für Post-Konfliktstaaten, in denen gleichzeitig Sicherheit hergestellt werden muss und demokratische Strukturen gefördert werden sollen. Demokratisierung bildet einen zentralen Anspruch des 'grünen Projekts'".

Clash of Cultures: Die Pressefreiheit als Vehikel im Karikaturen-Streit
Böll-Stiftung


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