Twitter BlogBerlin (epo.de). - Während ARD, ZDF und andere Fernsehsender ihre Zuschauer in Sondersendungen mit Liveschaltungen in die Hotelzimmer ihrer Korrespondenten in Teheran langweilen, da die "Korrespondenten faktisch nicht mehr arbeiten dürfen", geht in den sozialen Medien die Post ab. Wer bei Twitter das Stichwort ("Hashtag") #iranelection eingibt, erhält hunderte Updates pro Minute mit kurzen Hinweisen, welche Blogger im Iran noch online sind, welche Websites überwacht werden oder wo auf YouTube neue Videos zu den Protesten aufgetaucht sind.

Twitter wird von Aktivisten auch dazu genutzt, sogenannte "Denial of service (DDOS)"-Attacken auf Regierungs-Websites im Iran zu fahren. Dabei geht es darum, durch das massenhafte Abrufen von Websites einen Server lahmzulegen. "Ich habe eben ein Skript online gestellt", meldet ein Twitter, und gibt die Webadresse bekannt, die für die Attacke benutzt werden soll. Das Web-Magazin "Wired" meldete, Websites wie leader.ir, ahmadinejad.ir, and iribnews.ir seien "derzeit nicht erreichbar".

Andere finden das eine "gutgemeinte Dummheit", weil der Ausfall eines Webservers die Mullahs kaum scheren dürfte und die Gefahr besteht, dass die Netzbetreiber ganze Teilnetze abschalten, um ihren Service zumindest teilweise aufrechterhalten zu können. Von den Attacken könnten so auch Protest-Seiten betroffen sein.

Twitterer über die Unruhen im Iran. Screenshot: epo.de/kb

"solidarityIran This is being LOGGED! Do not use!", warnt ein Twitterer, dass die Internet-Adressen (IP's) von Bloggern überwacht werden könnten. Viele solcher Meldungen sind sicher Unsinn - die Spreu vom Weizen zu trennen, ist bei der Fülle der Nachrichten nicht leicht. Die Twitter-Betreiber verschoben "aufgrund der Rolle, die Twitter derzeit als wichtiges Kommunikationswerkzeug im Iran spielt", sogar eine geplante Wartung ihrer Webserver.

Es gibt aber auch Kritik am Twitter-Hype: ""Twitter's impact inside Iran is zero", erklärte Mehdi Yahyanejad, der Betreiber eine Farsi-sprachigen Website in Los Angeles, der Washington Post. "Here, there is lots of buzz, but once you look . . . you see most of it are Americans tweeting among themselves."

PROTESTE ZENTRAL GESTEUERT

Hamid Tehrani, ein in Europa lebender Blogger und Journalist, beschreibt auf der Website DigiActive (www.digiactive.org), wie die Proteste im Iran seiner Kenntnis nach organisiert werden. Demnach werden Demonstrationen und Aktionen zentral von den Büros der reformistischen Kandidaten der Präsidentschaftswahl gesteuert. Mussawi nutzt Websites wie Kalamhe und Ghalam News, vor allem aber seinen Facebook-Account zur Ankündigung von Aktionen. Mussawi hat mehr als 78.000 "Fans" auf Facebook, die jede seiner Nachrichten direkt erhalten.

Facebook-Account von Mussawi. Screenshot: epo.de

Entgegen der Darstellung vieler westlicher Mainstream Medien werden soziale Medien wie Twitter weniger zur dezentralen Organisiation von Protesten als zur Außendarstellung und als Plattformen für "Bürgerjournalisten" genutzt. "The role of citizens with regard to social media is as citizen journalists, using YouTube and Twitter to report on what is happening, rather than to organize the protests", so Tehrani. "Since this activity is intended for an international audience (and is in English) it is no wonder that this use of social media is more visible to a Western audience than the online tactics actually being used to organize the protests."

Unterschätzt werde hingegen die Mund-zu-Ohr"-Methode der Verbreitung von Informationen, die "keine Regierung abschalten kann". Lediglich Gholamhossein Karbaschi, einer der Berater von Mehdi Karroubi, kommuniziere über Twitter (@gkarbaschi, in Farsi) mit dem Ziel, iranische Aktivisten im Land zu erreichen.

Die Vorsicht ist angebracht: Nach einem Bericht des Wall Street Journal verfügt die iranische Regierung über eine der am besten ausgestatteten Einrichtungen für die Kontrolle und Zensur des Internet, die auch die Inhalte massenhafter individueller Onlinekommunikation überwachen und filtern kann Das Gemeinschaftsunternehmen Nokia Siemens Networks habe im vergangenen Jahr Anlagen und Software geliefert, die eine “deep packet inspection” der Datentransfers erlauben. Das Kontrollzentrum sei beim staatlichen Telekommunikationsunternehmen eingerichtet worden, bestätigte Ben Roome, ein Sprecher von Nokia Siemens Networks, dem Blatt. Die tiefgreifende Filterung der Daten könnte laut Wall Street Journal erklären, warum der Netzwerk-Verkehr in den vergangenen Tagen nur ein Zehntel der üblichen Geschwindigkeit betrug - und warum die iranische Regierung das Netz nicht einfach sperrte.

Twitter und "Twitpic", ein Fotokanal von Twitter, dienen nach Angaben von Hamid Tehrani vor allem der Information und Mobilisierung eines internationalen Publikums. Weil Fotos und Handy-Videos, die auf YouTube veröffentlicht werden, von vielen Fernsehsendern mangels eigenen Filmmaterials übernommen werden, haben die Bürgerjournalisten einen enormen Einfluss auf die internationale Berichterstattung. Fehlinformationen und Manipulationen sind dabei schwer auszuschließen.

Web-Aktivist Ben Parr schrieb eine Online-Leitfaden für Leute, die die Berichterstattung über die Revolte im Iran in den "social media" verfolgen möchten, aber nicht wissen wie man das anstellt und worauf es dabei ankommt: ("HOW TO: Track Iran Election with Twitter and Social Media". Der australische Kommunikations-Wissenschaftler Terry Flew hat sich vor allem in der Bloggerszene umgesehen.

The Revolution Will Be Tweeted: How Cyberwarriors Are Foiling Iran's Information Crackdown (AlterNet)
Twitter Is a Player In Iran's Drama (Washington Post)

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