ActionAid ODA-BerichtLondon (epo). - In einem neuen Bericht hat die britische Organisation ActionAid den führenden Industrienationen vorgerechnet, dass nur rund ein Drittel der offiziellen Entwicklungshilfe (ODA) zur Bekämpfung der Armut in den Ländern des Südens ankommt. Zwei Drittel der 2003 von den G-7-Staaten bereit gestellten ODA seien als technische Hilfe an Aufträge für Berater oder westliche Firmen geknüpft worden, in der Verwaltung verschwunden - oder gar nicht ausgegeben worden, weil Schuldenerlasse mit eingerechnet würden, so die Hilfsorganisation. Von jedem Dollar, den die USA bereit stellten, kämen nur zehn Cents als "wirkliche Hilfe" bei den Armen an, 90% seien "Phantomhilfe".

Die G-7-Staaten geben dem Bericht zufolge lediglich 0,07% ihres Bruttoinlandsproduktes für die Armutsbekämpfung aus. Offiziell sind es nach der OECD-Statistik durchschnittlich 0,25%, von den Vereinten Nationen werden seit 1970 0,7% gefordert. Kleine Staaten, die nicht zu den G-7 gehören, wie Norwegen, Dänemark oder Luxemburg seien wesentlich großzügiger. Gemessen am eigenen Reichtum, gebe Norwegen 40 Mal soviel ODA wie die USA. Luxemburgs Hilfe sei zu 81% "real", die von Irland sogar zu 87%. Unter den G-7-Länder schnitt Großbritannien mit 71% "realer Hilfe" am besten ab. Der Anteil der "Phantomhilfe" an den deutschen ODA-Leistungen liegt bei 65%. Neben den USA (86% Phantomhilfe) bildet Frankreich das Schlusslicht, dessen Hilfe laut ActionAid lediglich zu 11% als "reale" Hilfe betrachtet werden kann.

Phantomhilfe

ActionAid untersuchte die Entwicklungshilfe aller im "Development Assistance Committee" (DAC) der OECD vertretenen Geberländer und kam zu dem Schluss, dass lediglich 39% der bereit gestellen ODA als "wirkliche Hilfe" gewertet werden könne. Von den 69 Milliarden US-Dollar, die 2003 ausgegeben wurden, seien 20% für Technische Hilfe, 13% für Transaktionskosten, 2% für Flüchtlingshilfe und 1% für die Administration aufgewendet worden. Weitere 7% seien nicht armutsorientiert und 4% an Bedingungen geknüpft gewesen. Die restlichen 14% seien als Schuldenerlasse und nicht als zusätzliche Hilfe zu betrachten.

Die Organisation räumt in ihrem Bericht ein, dass die Grenzziehung zwischen "realer Hilfe" und "Phantomhilfe" mitunter schwierig ist. Sie stützt sich unter anderem auf Fallstudien der ActionAid-Büros in Äthiopien, Kambodscha, Uganda und Vietnam. In Kambodscha seien die Kosten für die 740 internationalen Berater - 50-70 Millionen US-Dollar - im Jahr 2002 fast so hoch gewesen wie der Etat des gesamten Staatsdienstes mit rund 160.000 Beschäftigten. In Indien habe die technische Unterstützung der Credit Suisse für die Privatisierung der Energieversorgung in einem sechsmonatigen Einsatz 40 Millionen Dollar verschlungen. In Vietnam koste ein ausländischer Experte monatlich zwischen 18.000 und 27.000 Dollar, während lokale Experten nur 1.500 bis 3.000 Dollar verdienten.

"'Wirkliche' Entwicklungshilfe tut wirklich Gutes", sagte die ActionAid-Expertin Romilly Greenhill, "und wir brauchen viel mehr davon." Die G-7-Staaten müssten sich schämen, lediglich 10% der von den Vereinten Nationen empfohlen 0,7% des Bruttoinlandsproduktes den Ärmsten in der Welt zur Verfügung zu stellen. Die Organisation forderte, das 0,7%-Ziel bis 2010 in die Tat umzusetzen.

Entwicklungshilfe 1995-2004

Als eine der Ursachen der "Phantomhilfe" sieht ActionAid die Tatsache, dass die Geberländer für die Quantität und Qualität ihrer Hilfe nicht zur Rechenschaft gezogen werden können. Die Organisation empfiehlt ein neues internationales Hilfesystem, das Geber und Empfänger stärker in die Pflicht nimmt und beiden Seiten Rechenschaft dafür abverlangt, ob sie die Hilfe zum Wohl der Armen einsetzen. Ein UN-"Commissioner" für Entwicklungshilfe solle dabei das letzte Wort haben.

Während das deutsche Entwickungsministerium den Bericht als unsinnig abtat, räumte die Weltbank ein, dass 2004 fast ein Viertel (20 Milliarden US-Dollar) der internationalen Entwicklungshilfe in Höhe von 78 Milliarden Dollar in die technische Zusammenarbeit und an Berater floss. Gegenüber der britischen Zeitung "Guardian" sagte ein Weltbank-Sprecher, die wachsenden Beraterhonorare seien diskutabel. 

? Real Aid - An Agenda for Making Aid Work (ActionAid, PDF, 1,1 MB)
? ActionAid


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