Live 8Berlin (epo). - Zehn Mega-Konzerte mit Superstars wie Madonna, Pink Floyd oder Paul McCartney, Milliarden Menschen am Fernseher, und das alles für einen guten Zweck: "Live 8" soll die Politiker der reichsten Industrienationen beim G8-Gipfel in Gleneagles mittels musikalisch-moralischer Massensuggestion dazu bringen, eine massive Aufstockung der Entwicklungshilfe und Schuldenerleichterungen für die ärmsten Länder Afrikas zu beschließen. Sir Bob Geldof, der frühere irische Punkrocker, hat es geschafft, die Reichen, Berühmten und Mächtigen dieser Welt für eine selbstlose Aktion zu vereinen. Aber in die Lobeshymnen für diese Leistung mischen sich auch kritische Töne: Von Propaganda für Blair und Bush, Kumpanei mit Konzernen, Ignoranz und Paternalismus gegenüber den Afrikanern, Maulkörben gegenüber Musikern ist die Rede.

Zunächst fiel auf, dass mit Youssou N'Dour lediglich ein afrikanischer Musiker beim Afrika-Spektakel dabei sein sollte. Live 8 sei ein politisches und kein musikalisches Ereignis, und nur die Megastars mit Millionenhits seien gefragt, argumentierten die Veranstalter - um dann aber doch noch ein zusätzliches Konzert mit afrikanischen Popstars in Cornwall gut zu heissen.

AFRIKA - REDUZIERT AUF HUNGER

Afrikanische Musiker wie den Nigerianer Femi Kuti stört bei Live 8 die Ignoranz und grobe Vereinfachung politischer Zusammenhänge. Allein mit Geld, mehr Entwicklungshilfe und weniger Schuldenbelastung, ist es eben nicht getan, wenn die strukturellen Ursachen der Armut unangetastet bleiben. Nach Äthiopien seien 1985 nach dem "Live Aid" Konzert Millionen geflossen - und nichts habe sich geändert, sagte Femi Kuti dem "East African".

Der britsche Diskjockey Andy Kershaw, beim "Live Aid"-Festival noch ein enger Verbündeter Geldofs, fragte im "Independent" süffisant, ob Geldof schon einmal gehört habe, dass nicht alle Afrikaner in strohbedeckten Lehmhütten leben. Geldof hält sich zu gute, Live 8 werde die Aufmerksamkeit der Welt endlich wieder einmal auf das notleidende Afrika richten. Ein differenziertes Bild des Kontinents, das wirtschaftliche und soziale Fortschritte mit einbezieht, wäre da eher störend.

KRITIK AN BLAIR UND BUSH UNERWÜNSCHT

Um die Botschaft, Afrika aus dem Elend zu befreien - "make poverty history" - nicht aus den Schlagzeilen geraten zu lassen, hat Geldof nach einem Bericht des "Drudge Report" Organisatoren der Live 8-Events und Manager der Popstars darauf eingeschworen, kritische Töne über die Kriegsherren Blair und Bush zu verhindern und die Themen Irak-Krieg und Klimawandel möglichst zu vermeiden. "Please remember, absolutely no ranting and raving about Bush or Blair and the Iraq war, this is not why you have been invited to appear", soll Geldof dem Manager eines Top-Musikers gesagt haben, der lieber nicht namentlich genannt sein wollte (19. Juni 2005). Schliesslich wolle man Bush für die Sache gewinnen und nicht vertreiben.

Bob Geldof und LIve 8

"DIESE MÄNNER KÖNNEN DIE WELTARMUT BEENDEN..."

Anders als bei "Live Aid" in den 80er Jahren dienen die Konzerte in London, Paris, Berlin, Rom, Philadelphia, Barrie (Kanada), Johannesburg, Tokio und Moskau nicht dem Sammeln von Spenden, sondern der politischen Sensibilisierung. Auf der Website liest sich das so: "Am Mittwoch den 6. Juli werden die acht Regierungschefs der mächtigsten und reichsten Länder der Welt für ein Gipfeltreffen in der schottischen Stadt von Gleneagles zusammenkommen. Diese Männer können die Weltarmut beenden und die Zukunft von Millionen von Menschen ändern. Sie werden es aber nur machen, wenn genug von uns es ihnen sagen. Darum geht 'Live 8 - Der lange Weg zur Gerechtigkeit' und dafür brauchen wir Ihre Stimmen und nicht Ihr Geld."

Diese Botschaft war der ehemaligen britischen Entwicklungsministerin Claire Short zu simpel. Gegenüber BBC sagte sie, sicherlich würden die Menschen die Konzerte mit berühmten Musikern genießen. "Aber wie diese Konzerte dazu beitragen sollen, den Hunger in der Welt und in Afrika zu bekämpfen, ist mir immer noch nicht klar."

BONO AUF LOBBY-TOUR

Geldofs wichtigster Live 8-Verbündeter Bono Vox, Sänger der irischen Band "U2", hatte schon auf seiner USA-Tournee im Frühjahr Lobbyarbeit für die gemeinsame Sache gemacht und dabei - nach eigenen Angaben - selbst den erzkonservativen republikanischen Senator Jesse Helms mit Bibelzitaten zu Tränen gerührt.

Bono beliess es diesmal bei seiner Tournee nicht bei Partys mit Brad Pitt oder Drinks mit Tom Hanks und Cameron Diaz - wie das ein Star halt sonst so macht. Nein, er traf auch den zweitreichsten Mann der Welt, Warren Buffet. "Warren Buffett told me: 'Don't appeal to the conscience of America, appeal to its greatness, and I think you'll get the job done'", erzählte er dem Londoner "Guardian" bei einem Interview in Köln.

Weitere illustre Gesprächspartner auf Bonos "Kreuzzug" (Guardian) waren dem Bericht zufolge der Welt größter Medienmogul Rupert Murdoch, dessen US-Fernsehsender Fox die Stimmung für den Irak-Krieg so richtig angeheizt hatte, und die Führer der religiösen Rechten, Pat Robertson und Billy Graham. Präsident George W. Bush beschrieb er als "very funny".

Kein Wunder also, dass Bono einige Zeit sogar als Kandidat für das Amt des Weltbank-Präsidenten im Gespräch war - ehe der lustige George W. Bush auf die Idee kam, den Posten seinem Vize-Verteidigungsminister und - neben Vizepräsident Dick Cheney - wichtigsten Irakkriegs-Architekten Paul Wolfowitz zu vermachen. Wolfwowitz holte sich vor seinem Amtsantritt aber zumindest telefonisch Rat bei Bono und versprach, Afrika zu einem Schwerpunkt seiner Amtszeit zu machen.

Freud Communications WebsiteDie Organisatoren des Mega-Events, darunter Londons Top-Promotor Harvey Goldsmith, werden unterstützt von einem der einflussreichsten PR-Berater Londons: Matthew Freud (Freud Communications), Urenkel von Sigmund Freud, Sponsor von Tony Blairs New Labour und verheiratet mit Elisabeth Murdoch, der Tochter von Rupert Murdoch. Neben Nestl?, Nike, Pepsi-Cola gehört America Online (AOL) zu den Freud-Kunden. AOL hat sich die weltweiten Internet-Übertragungsrechte für Live 8 gesichert.

 

ZU NAHE AN MACHT UND GELD

Die Nähe zu Macht und Geld ist es, die viele frühere Weggenossen und Unterstützer Geldofs und Bonos skeptisch gegenüber Live 8 werden ließ. Pläne, den US-Softdrink-Konzern Coca Cola als Sponsor für Live 8 zu gewinnen, stießen auf den erbitterten Widerstand von Umweltaktivisten und Gewerkschaftern in Indien und Kolumbien.

In Kolumbien wird Coca Colas Haupt-Abfüllunternehmen Panamerican Beverages (Panamco) vorgeworfen, missliebige Gewerkschafter durch rechte Paramilitärs einschüchtern zu lassen. Seit 1989 wurden acht Gewerkschaftsführer in Panamco-Abfüllbetrieben ermordet. In Indien wird Coca Cola dafür verantwortlich gemacht, dass tausende Landbewohner unter Wassermangel und verseuchten Abwässern zu leiden haben. "Live 8 organizers need to understand that big business, like Coca-Cola, are part of the problem and cannot be linked to the solution. The thought of Coca-Cola cashing in and advertising at Live 8 is beyond bizarre and should never have been on the agenda", erklärte die schottische Parlamentsabgeordnete Rosie Kane.

IMAGEPFLEGE FÜR DIE REGIERUNG BLAIR

Den unverdächtigen und populären Live 8-Event und deren politischen Ausläufer - die Kampagne "Make Poverty History" - möchte natürlich auch die britische Regierung nutzen, deren öffentlichess Image durch die Beteiligung am völkerrechtswidrigen Irak-Krieg - und mehr noch durch die Lügen über angebliche Massenvernichtungswaffen im Irak, die die Kriegsteilnahme erst ermöglichten - ramponiert ist. Blair möchte während der halbjährigen EU-Präsidentschaft der britischen Regierung, die am 1. Juli begann, ein Zeichen setzen und die Entwicklungshilfe für Afrika massiv erhöhen. Mit dem Rütteln an den EU-Agrarsubventionen, das mit zum Scheitern des EU-Haushalts beitrug, hat Blair bereits ein Handlungsfeld eröffnet, das ihm Pluspunkte in der öffentlichen Wahrnehmung bringen dürfte.

Die politischen Aussagen der Live 8-Macher passen da ins Bild. Sie suggerieren, es komme nur darauf an, dass acht Staatsmänner guten Willen zeigen und ihr Portemonnai zücken: "Wenn sie die Entwicklungshilfe verdoppeln, die Schulden streichen und Afrika einen fairen Handel sichern, dann könnten die G8-Regierungschefs die Zukunft von Millionen von Männern, Frauen und Kindern ändern."

Da Geldof und Bono in ihrer Interpretation, was unter "fairem Handel" zu verstehen ist, mittlerweile nicht mehr weit entfernt von Blair und Bush liegen -  nämlich eine weitgehende Liberalisierung des Welthandels -, rückt die neoliberal globalisierte "Eine Welt" der angloamerikanischen Afrikapolitiker in greifbare Nähe. Blairs mutmasslicher Nachfolger im Amt des Premierministers, Schatzkanzler Gordon Brown, möchte nach einem Bericht des britischen Senders BBC denn auch an der "Make Poverty History"-Demonstration in Edinburgh teilnehmen. Der Menschenrechtsanwalt und "G8 Alternatives"-Sprecher Amar Anwar nannte dies "Heuchelei": Brown, Blair und Bush gehörten schliesslich zu den Leuten, "die für Armut und Hunger in der Welt verantwortlich sind".

Wie ernst es die politischen Führer mit ihren Versprechungen meinen, zeigte der Mitte Juni von den G8-Finanzministern beschlossene Schuldenerlass für die am höchsten verschuldeten armen Länder: Die erlassene Summe wird von künftigen Entwicklungshilfegeldern abgezogen - die armen Länder finanzieren den Schuldenerlass somit quasi selbst. Gegenüber der Öffentlichkeit wurde dieses Nullsummenspiel dreist als "historischer Durchbruch" gefeiert.

WEISSE BÄNDER MIT SCHMUTZFLECKEN

Die nichtstaatlichen Organisationen (NGOs) rufen mit der Aktion "Global Call to Action against Poverty (GCAP)" (in Deutschland "Deine Stimme gegen Armut") dazu auf, die G8 zu mehr Hilfe für die Armen zu bewegen. Rund 800 zivilgesellschaftliche Organisationen und prominente Unterstützer wie Top-Model Claudia Schiffer machen mit Aktionstagen in 72 Ländern ("White Band Days") vor dem G8-Gipfel und vor der UN-Konferenz "Millennium+5" Mitte September auf ihr Anliegen aufmerksam: "Die extreme Armut muss und kann weltweit besiegt werden". Am ersten weltweiten Aktionstag (1. Juli) umhüllte ein weißes Band die St. Paul's Cathedral in London, in Berlin wurden das Brandenburger Tor und die Gedächtniskirche für die Botschaft ausgewählt. Auch Premierminister Tony Blair wurde bereits mit einem weißen Armband fotografiert.

White Band

Jeder ist aufgerufen, an den Aktionstagen ein weißes Band um das Handgelenk zu tragen. In Deutschland kann, wer sich nicht mit einem einfachen Stoffstreifen begnügen möchte, ein "Flexi-Armband" aus Silikon beim "Weltfairsand" für 2,25 Euro bestellen. "Produktionshinweis: Die Armreifen werden in China produziert, wobei die Produktionsstätten dem Monitoring von Oxfam, England unterliegen."

Peinlich nur: Die Armbänder wurden nach einem Bericht des "New Scotsman" bei zwei Fabriken in Shenzhen und in der Provinz Fujian bestellt, die Prüfberichten zufolge unter anderem Geldzahlungen von neuen Arbeitern verlangten, nicht den gesetzlichen Mindestlohn bezahlten, unbezahlte Überstunden und 7-Tage-Wochen verlangten, den Jahresurlaub strichen und gewerkschaftliche Betätigung verboten. Die internationale Hilfsorganisation Oxfam, durch fundierte Studien zu Armutsbekämpfung und fairem Handel hervorgetreten, räumte zähneknirschend Fehler ein, und auch "Christian Aid" versprach, "das Problem zu minimieren".

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