Von Ushani Agalawatta (IPS)

IPSNablus (IPS/epo). - Die seit fast fünf Jahren andauernde zweite Intifada und die israelische Besatzung haben in Westjordanland nicht nur Trümmer hinterlassen. Sie zerstören auch die Hoffnung vor allem junger Palästinenser auf Frieden und auf eine selbst bestimmte Zukunft.

"Im Jahr 2000, vor Beginn der Al-Aksa-Intifada, war ich voller Optimismus, ehrgeizig und stark. Doch stark fühle ich mich längst nicht mehr. Wir alle hier in unserem kleinen Gefängnis sind zermürbt und mutlos", klagt Sawsan Aishe. Sie hat in diesem Jahr ihr Studium an der An-Najah-Nationaluniversität in Nablus abgeschlossen und gibt jetzt unentgeltlich Sprach- und Kunstunterricht in einem Ferienlager.

Unmittelbarer Auslöser des zweiten Palästinenseraufstands, der sogenannten Al-Aksa-Intifada, war der Besuch des damaligen israelischen Oppositionsführers Ariel Sharon auf dem Tempelberg in Ost-Jerusalem am 28. September 2000. Hier befinden sich der Felsendom und die Al-Aksa-Moschee. Sharon war in Begleitung von fast 1.000 bewaffneten Polizisten an der auch von den Muslimen als heilig verehrten Stätte erschienen, um seinen Anspruch auf Jerusalem als ungeteilte Hauptstadt Israels zu unterstreichen.

Für die vom Scheitern der Friedensgespräche im US-amerikanischen Camp David enttäuschten Palästinenser war Sharons Auftritt eine Provokation. Nach anfänglichen Protesten, aus denen bald schwere Ausschreitungen wurden, riefen palästinensische Organisationen die zweite Intifada aus. Die israelischen Streitkräfte etablierten sich im Westjordanland als unerbittliche Besatzung.

Die Stadt Nablus, in der fast eine Viertelmillion Menschen leben, bekam die Restriktionen und die massiven israelischen Angriffe, denen auch historische Stätten zum Opfer fielen, besonders hart zu spüren. Der Belagerungszustand hat viele Einwohner traumatisiert. Ihre Bewegungsfreiheit wird weiterhin von israelischen Sicherheitskräften erheblich eingeschränkt. Die beiden Kontrollposten Huwwara und Bayt Eba gehören zu den rigidesten Checkpoints im ganzen Westjordanland. Besonders berüchtigt für den demütigenden Umgang mit Palästinensern ist Huwarra. In glühender Sonne oder im kalten Winter müssen hier, bewacht von schwer bewaffneten israelischen Soldaten, ständig hunderte Menschen vor einer eisernen Drehtür auf ihre Abfertigung warten.

VERARMT UND PSYCHISCH ZERMÜRBT

Die eingeschränkte Bewegungsfreiheit und die nächtlichen Razzien in der Stadt und den umliegenden Dörfern haben der Infrastruktur der Region ebenso großen Schaden zugefügt wie dem seelischen Zustand der Bewohner.

Khawla Isleem, die mit ihren fünf Kindern in Nablus lebt, hofft, dass die Kinder es einmal besser haben als sie. Die in Kuwait geborene Palästinenserin war 1967 mit ihrer Familie nach Palästina zurückgekehrt, um sich zu ihrer Identität und zu ihrem Land zu bekennen. "Wir mussten einfach zurückkehren, auch wenn es sehr schwer war", berichtete sie im Gespräch mit IPS.

In den Jahren vor der zweiten Intifada war alles etwas leichter, sagt sie. "Die Wirtschaft war in Ordnung, die Bildungsmöglichkeiten waren gut, und wir konnten ohne besonders große Schwierigkeiten kommen und gehen. Doch im ersten Jahr der Intifada (2000-2001) war es schrecklich hier. Das war kein Leben."

Das palästinensische Zentralbüro für Statistik hat zwischen Januar und März 2005 untersucht, wie sich das Vorgehen der Israelis während der Intifada auf die wirtschaftlichen Verhältnisse der Palästinenser ausgewirkt hat. "In den Palästinensergebieten wächst die Armut", stellt der Bericht fest. 65,2 Prozent der Familien erlitten Einkommensverluste. 53,9 Prozent der Haushalte gaben an, sie hätte mehr als die Hälfte ihres früheren Einkommens verloren.

"Für uns ist das Leben schwer geworden. Sicherheit gibt es für uns nicht. Wir haben Angst um unsere Familien, um unsere Ehemänner und um unsere Kinder", klagt Isleem. "Besonders schlimm sind die Nächte, wenn die israelischen Soldaten in unsere Stadt kommen", sagt sie. "Da hat man vielleicht einen normalen, sicheren Tag verbracht. Doch niemand weiß, was in der Nacht geschehen wird, und morgen kann wieder alles ganz anders sein."

Besonders schwer haben es junge Palästinenser. Wenn sie erwachsen werden, gibt es für sie kaum berufliche Chancen. Zwei von Isleems Töchtern haben ihr Universitätsstudium abgeschlossen. "Viele unserer jungen Leute sind beruflich sehr gut qualifiziert, doch es gibt keine Arbeit für sie", berichtet Isleem. "Viele junge Männer sind frustriert, und junge Frauen, die keine ihrer Ausbildung entsprechende Arbeit finden, heiraten und gründen eine Familie."

Seitdem sie ihr Studium beendet hat, arbeitet Aishe ohne Bezahlung als Lehrerin für palästinensische Nichtregierungsorganisationen. "Das ist besser, als gar nichts zu tun. Wir können nicht wählerisch sein."

KAUM HOFFNUNG AUF FRIEDEN

Yusra Aqqagd ist 19 Jahre alt. Als Kind hat er die erste Intifada (1987-1993) erlebt. "Seitdem kenne ich israelische Soldaten, kenne das Geräusch von Schüssen und die Rufe der Mütter, die ihre Kindern oder Männer suchen", erinnert er sich. Erwachsen wurde er während der zweiten Intifada. "Das ist kein gutes Leben", sagt er.

Aishe und andere junge Palästinenser verlebten eine ähnliche Kindheit. "Wenn israelische Soldaten oder Siedler in unser Dorf kamen, habe ich mich immer hinter den Vorhängen versteckt", berichtet sie. "Niemals werde ich vergessen, was man uns alles zerstört hat und noch zerstört. Das ist so, als würde sich ein Löwe über ein Zebra hermachen."

Sie hofft auf einen Frieden, den sie jedoch kaum für möglich hält. "Weil Israelis und Palästinenser so viele verschiedene Ansichten haben, wird es wohl sehr schwer sein, dass alle zusammen in Frieden leben."

Isleem dagegen hält an ihrem Traum fest: "Meine Kinder sollen einmal so leben können wie andere Kinder auf der Welt", hofft sie.

Nützliche Links:
http://lexikon.freenet.de/Intifada
http://www.intifada.com/palestine.html
http://www.jewishvirtuallibrary.org/jsource/History/intifada.html

[Diese Nachricht erhalten Sie im Rahmen der Content-Partnerschaft von epo.de mit der Nachrichtenagentur Inter Press Service (IPS)]


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