Teejungs in Sri LankaColombo (epo). - Die Bergregion Sri Lankas ist ein beliebtes Urlaubsziel auch für die Einheimischen. Der Hitze des Südens zu entfliehen, die bis zu 42 Grad Celsius klettern kann, wird vor allem für westliche Touristen zur notwendigen Erholung. Hier wächst auch der berühmte Ceylontee, der die Landschaft als groß angelegte Plantagen beherrscht. Das üppige Grün der Teepflanzen mit den in bunte Tücher gehüllten Pflückerinnen bietet dem Auge eine trügerische Idylle. Auch der für Touristen angebotenen Besuch einer Teeplantage informiert mehr über den Tee als über die Mühsal der Erntearbeit.

Denn diese ist nicht nur hart, sondern auch gefährlich. Schlangen- und Skorpionbisse sind an der Tagesordnung. Schon unter der britischen Herrschaft waren nur wenige Menschen bereit, in den Plantagen zu arbeiten. Deshalb holten sich die Engländer Tamilen aus dem Süden Indiens; die arbeiteten hart und forderten wenig: Eine Form der Ausbeutung, die erst in den letzten zehn Jahren nach und nach zu Initiativen wie fairem Handel geführt hat. Inzwischen wollen die jüngeren Generationen der Teepflücker der Mühsal ihrer Eltern entrinnen.

Genau da setzt das Diyanilla Technical Institute (DTI) an. Diyanilla liegt mitten in den Plantagen und könnte seiner Zielgruppe nicht näher sein: Alles ist hier vom Teepflücken bestimmt. Schon auf dem Weg dahin sehen wir die Pflückerinnen mit ihren hohen Körben auf den Rücken, Frauen in gebückter Haltung bei der Ernte und in einer Schlange beim Abwiegen der Blätter. Das DTI bietet nach einer entsprechenden Bewerbung jungen Menschen eine halbjährliche Ausbildung an. Die Frauen können hier Batiken, Sticken und Schneidern lernen, für die Männer gibt es Unterricht in Schreinern, Elektro- und KFZ-Technik.

Auch einen Computerkurs gibt es seit kurzem, der von einer Frau geleitet wird. Viele der etwa 120 Studenten pro Semester leben auf dem Gelände des Institues in Drei- und Vierbettzimmern mit Gemeinschaftsduschen. Wie luxuriös das für sie ist, läßt sich leicht feststellen, wenn man einen Blick auf die erbärmlichen Unterkünfte wirft, die hier überall an den Hängen der Plantagen kleben: Langgestreckte ebenerdige Häuser, die sogenannten line houses, in denen die Familien dicht gedrängt leben müssen. Die täglich anfallende Hausarbeit wird von den Studenten selbst erledigt und trägt so zu einer ganzheitlichen Erziehung bei.

N?herinnen

Das Spannendste an diesem Projekt aber ist, dass die Studenten sowohl Tamilen wie Singhalesen sind. Die Singhalesen bilden die Mehrheit der Inselbewohner. Der kriegerische Konflikt zwischen den beiden Ethnien währt bereits zwanzig Jahre und manifestiert sich in der kolonialen Geschichte und Vorurteilen auf beiden Seiten. Größtes Hindernis bei der Annäherung ist das Sprachproblem. Tamilisch und Singhala unterscheiden sich zudem noch durch eine andere Schrift. Dass eine Minderheit der bereits seit tausenden von Jahren einwandernden Tamilen im äußersten Norden der Insel einen Krieg um Unabhängigkeit führen, macht die Gräben noch tiefer. Die bewusst gemischt gestalteten Klassen und Wohntrakte sind gerade zu Beginn eines neuen Semesters ein Hort von Konflikten. Aber nirgendwo wird wie hier deutlich, dass alle im selben Boot sitzen: Es ist die gleiche Chancenlosigkeit, die sie zur Bewerbung um diesen Ausbildungsplatz geführt hat. Wer zusammen arbeiten, wohnen und leben muss, kann sich auf Dauer nicht bekämpfen. Kooperation ist auf diesem engen Raum die größte Notwendigkeit und gleichzeitig die größte Herausforderung. Der Anfang ist schwer, aber es gelingt.

Jeden Freitag ist Vollversammlung, bei der soziale Fragen erläutert und diskutiert werden. Auch werden Aufgaben wie Interviews aus dem eigenen Umfeld und Fragen zur Entstehung von Vorurteilen gestellt. Die Ausbildung ist nicht umsonst, aber es gibt besondere finanzielle Unterstützung für Studenten aus mittellosen Familien. Für sie sind auch die Unterrichtsmaterialien und eine warme Mahlzeit am Tag umsonst. Das Projekt wird unter anderem von Misereor unterstützt, das zur Zeit noch den größten Teil der Kosten deckt. Unterstützung findet das DTI daneben auch durch die evangelische Kirche und durch drei Dritte-Welt-Läden. Unter der Leitung von Rangit als Projektmanager und seiner Frau Damayanthi, die das finanzielle Management unter sich hat, versucht das DTI auch eigene Einkommensquellen zu erschließen. Neben den von den Frauen hergestellten Batiken und anderen kunsthand-werklichen Produkten, die in den Dritte-Welt-Läden angeboten werden, entstehen in den letzten Jahren auch Baumaterialien für die Häuser der Region. Eine ganze Reihe von Häusern für die Teepflückerfamilien sind Abschlussarbeiten der Studenten aus früheren Semestern. Sie unterscheiden sich deutlich von den traditionellen Langbauten der line houses.

line houses

Denn das war ursprünglich das Ziel des DTI: Die Heranwachsenden in der Region halten, indem man ihre konkreten Lebensbedingungen deutlich verbessert. Die vom Projekt gebauten Häuser beherbergen jeweils eine Familie mit eigenen sanitären Anlagen. Die Dachziegel sind aus Beton gegossen und ersetzen die Wellblechdächer, die die Hitze unerträglich stauen und keine Kälte abhalten. Einmal ausgebildet, nutzen die jungen Menschen ihre Chancen jedoch, indem sie ihr Glück in der Hauptstadt Colombo und den Freihandelszonen an der Küste versuchen. Während die Frauen in der Textilindustrie unterkommen wollen, suchen die Männer Jobs als Elektriker oder Mechaniker. Nicht wenige trachten danach, sich selbstständig zu machen. Das DTI aus Diyanilla ist das einzige Projekt aus Sri Lanka, das zur EXPO nach Hannover eingeladen wurde - zu Recht. Sein ganzheitliches, pädagogisches Konzept ist beispielgebend für einen interethnischen Dialog.

Ina Zeuch
Fotos: © Ina Zeuch


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