unesco deBonn. - Von den heute rund 6.000 gesprochenen Sprachen ist die Hälfte vom Verschwinden bedroht. Daran erinnert die UNESCO zum internationalen Tag der Muttersprache am 21. Februar. Ein Großteil dieser Sprachen wird von weniger als 10.000 Menschen gesprochen. In diesem Jahr steht das Wechselverhältnis von Buchproduktion und gesprochener Sprache im Mittelpunkt des Gedenktages.

Dass Sprachen gefährdet sind, hat vielfältige Gründe: Krieg, Vertreibung und Stigmatisierung gehören ebenso dazu wie Migration und Vermischung der Sprachen. Neue Medien begünstigen weltweit den Einfluss einzelner Sprachgruppen, insbesondere des Englischen.

In diesem Jahr steht das Wechselverhältnis von Buchproduktion und gesprochener Sprache im Fokus. In vielen Ländern werden immer weniger Bücher und Lehrbücher in lokalen Sprachen und Dialekten gedruckt. Dies bedrohe die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen und die soziale Inklusion kleinerer Sprachgemeinschaften, so die Deutsche UNESCO-Kommission. Jede Sprachvariante stehe für eine eigene Sicht der Welt. Dies gelte für Ureinwohnersprachen auf Papua-Neuguinea genauso wie für die Weltsprache Englisch.

In Deutschland gibt es vielfältige Aktionen zum internationalen Tag der Muttersprache. An der Universität Bonn etwa hält die Sprachwissenschaftlerin Claudia Wich-Reif eine Vorlesung zum Kommen und Gehen von Dialekten. Auch Medien greifen das Thema auf: Der Saarländische Rundfunk etwa wird zum Tag der Muttersprache das regionale TV-Magazin "aktueller bericht" auf saarländisch senden.

Seit dem Jahr 2000 macht der internationale Tag der Muttersprache auf sprachliche und kulturelle Vielfalt und Mehrsprachigkeit aufmerksam. Die UNESCO hat einen Atlas der bedrohten Sprachen erstellt. Derzeit sind darin 2.473 Sprachen nach Name, Bedrohungsgrad und Region aufgelistet, darunter auch 231 Sprachen, die seit 1950 ausgestorben sind. In Deutschland sind aktuell die Regional- und Minderheitensprachen Nordfriesisch und Saterfriesisch ernsthaft gefährdet. Neun weitere Dialekte sind gefährdet, darunter das Ostfränkische oder das Alemannische.

"Mehreren hundert Millionen Kindern in Asien, Afrika und Lateinamerika wird tagtäglich ihr Recht auf muttersprachlichen Unterricht verwehrt. Grund hierfür ist eine falsch verstandene nationale Integrations- und Bildungspolitik vieler Länder, die auf Einsprachigkeit im Schulunterricht setzt", erklärte Albert Recknagel, Vorstand Programme von terre des hommes. "Kinder müssen aber in der Grundschule in Sprachen unterrichtet werden, die einen Bezug zu ihrer Kultur und Lebenswelt hat und die sie auch in der Familie und im Alltag sprechen."

Allerdings gebe es in den letzten Jahren einen Trend zur Förderung der Mehrsprachigkeit. "Länder wie Peru, Mosambik, Indien und Thailand haben erkannt, dass Mehrsprachigkeit und kulturelle Vielfalt Vorteile bringen. Sie lassen mittlerweile Curricula zu, in denen etwa ein Drittel des Lernstoffes in traditionellen Sprachen gelehrt wird und auf lokalem Wissen basiert", so Recknagel.

In den peruanischen Anden, dem Lebensraum von gut zehn Millionen Quechua- und Aymara-sprachigen Ureinwohnern, unterstützt terre des hommes seit 2002 das zweisprachige interkulturelle Lernprogramm Iskay yachay – das doppelte Wissen. In über 50 Dorfschulen werden Grundschüler nicht nur mit städtischen Normen und Kulturtechniken vertraut gemacht, sondern auch mit ihrer eigenen Lebenswelt. In mehreren Provinzen Perus wurde das Iskay Yachay-Konzept in die Schulcurricula übernommen.

"Wir freuen uns, dass dieses außergewöhnliche Schulmodell jetzt auch in den Nachbarländern wie Bolivien und Ecuador auf Interesse bei den Erziehungsbehörden stößt. Es hat das Potenzial kulturelle Diskriminierungen abzubauen und Tradition und Moderne miteinander zu versöhnen", sagte Recknagel.

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