
Es gebe rund 5000 Tor-Server weltweit, „die von Freiwilligen betrieben werden“, berichtet das ARD-Team, dem „Auszüge des Quellcodes in der NSA-Programmiersprache ‚Genesis'“ vorliegen. Weiter heißt es: „Es ist eine Anonymisierungsinfrastruktur, die vielfach gerade in Ländern gebraucht wird, in denen es gefährlich ist, dem Regime preiszugeben, welche Webseiten man besucht oder von wo man sie abruft. Im Iran und in Syrien zum Beispiel. Tor wird von Journalisten, Menschenrechtsaktivisten und Anwälten weltweit verwendet.“
Das erinnert mich an eine Debatte mit Programmierern, die ich 1998 als Geschäftsführer einer Internetfirma in Bonn hatte. Schon damals war uns klar: Die Dienste interessieren sich vor allem dafür, was verschlüsselt im Netz abgelegt wird. Die Schlussfolgerung war: sensible Kundendaten gehören nicht ins Netz, und wenn das temporär doch einmal notwendig sein sollte, benutzt man einen unauffälligen, klapprigen alten Server und keine verschlüsselte Verbindung.
Wollte ich selbst möglichst viele Daten von potentiellen Terroristen, Kinderschändern, Kommunisten, deutschen Kanzlerinnen, Journalisten oder anderen Extremisten abgreifen, böte es sich an, selbst einen TOR-Server oder „Anonymizer“ zu betreiben.
Die Dienste, nicht nur die amerikanischen, machen das natürlich auch. Nachfragen wären zu richten an das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), den BND und an die Fraunhofer-Institute für Algorithmen und Wissenschaftliches Rechnen, für Angewandte Informationstechnik, Intelligente Analyse- und Informationssysteme (allesamt Sankt Augustin bei Bonn), Offene Kommunikationssysteme (Berlin), Sichere Informationstechnologie (Darmstadt), Software- und Systemtechnik (Dortmund), Eingebette Systeme und Kommunikationstechnik (München) und Angewandte und Integrierte Sicherheit (AISEC, Garching bei München). Die Fraunhofer-Institute FKIE und FHR, ehemals Forschungsinstitute der Forschungsgesellschaft für Angewandte Naturwissenschaften FGAN in Wachtberg bei Bonn sind Institute zur Erforschung neuer Radar- und Kryptoverfahren für militärische Anwendungen, finanziert aus Mitteln des Bundesministeriums für Verteidigung.
Interessant ist auch das Fraunhofer-Institut für Kommunikation, Informationsverarbeitung und Ergonomie (FKIE, Wachtberg bei Bonn), das auf seiner Website auf 9/11 verweist und bekannt gibt: „Im militärischen Sektor wie auch im Bereich innere Sicherheit folgt daraus ein erweitertes Spektrum von Aufgaben, deren Bewältigung anspruchsvolle technische Infrastrukturen erfordert – im Fraunhofer FKIE werden sie gestaltet und weiterentwickelt. Wehrtechnische Systeme zur vernetzten Operationsführung sind unsere Kernkompetenz.“
„Zur Erkennung von Bedrohungen sind vernetzte Kommunikationssysteme, Sensortechnik und Informationsfusion unverzichtbare Instrumente“, so das FKIE. „Sie liefern die Basis für ein zuverlässiges Lagebild. Das Fraunhofer FKIE stellt die dafür benötigte Technologie bereit und entwickelt Methoden und Verfahren für sämtliche Bereiche der militärischen Aufklärung – sei es auf dem Boden, in der Luft, zur See oder unter Wasser.“
In Wachtberg hat das Fraunhofer-Institut für Hochfrequenzphysik und Radartechnik FHR (Fraunhofer FHR) seinen Sitz, dort steht auch das Radom der FGAN (Forschungsgesellschaft für Angewandte Naturwissenschaften e. V.). Die FAZ berichtete 2005 unter dem Titel „Ausweitung der Sicherheitszone“ über neue „Anti-Terror-Technologien“, die die Bundesregierung anstrebe:
„Vertreter des Wissenschaftsrats sind bereits dabei, die FGAN im Auftrag der Bundesregierung zu evaluieren. Sie haben festgestellt, daß dort mit einem Budget von dreißig Millionen Euro jährlich Wehr- und Sicherheitsforschung auf hohem Niveau betrieben wird. Überrascht waren die Prüfer davon, wie eng die drei Institute, an denen 520 Mitarbeiter beschäftigt sind, schon mit Hochschulen kooperieren. Zu den Kooperationspartnern etwa des ‚Forschungsinstituts für Kommunikation, Informationsverarbeitung und Ergonomie‘, das sich unter anderem mit dem Schutz von Datenbanken, Häfen und Massenveranstaltungen befaßt, gehören inzwischen elf deutsche Hochschulen. Die Tabuisierung der Militär- und Sicherheitsforschung an deutschen Hochschulen habe seit dem 11. September 2001 erheblich nachgelassen, sagte Institutsleiter Jürgen Grosche den Besuchern.“
Da der Feind überall lauert – auf dem Boden, in der Luft, zur See, unter Wasser und im Internet – und perfiderweise seine Kommunikation verschlüsselt, macht es Sinn, selbst Verschlüsselungs-Server oder Anonymizer zu betreiben. Denn Beamte sind gerne bequem und wollen nicht mühsam Codes knacken müssen, wenn sie sie gratis geliefert bekommen können.

Die Auswertung der Informationen auf epo.de, dem ältesten und größten unabhängigen Webportal zur Entwicklungspolitik und internationaler Zusammenarbeit im deutschsprachigen Raum, macht Sinn. Denn hier laufen Berichte aus den Krisengebieten dieser Welt zusammen, geliefert von NGOs wie Ärzte ohne Grenzen, medico international, dem Deutschen Roten Kreuz und anderen Organisationen, die im Bereich der humanitären Hilfe tätig sind. Diese NGOs sind häufig die ersten im Katastrophengebiet und die letzten, die bei Kriegen und gewaltsam ausgetragenen Konflikten das Land verlassen. Sie wissen mehr als die professionellen „Aufklärer“, die sich, als „Entwicklungsattaché“ oder ähnliches getarnt, nicht so häufig aus der Botschaft herausbewegen.
So wichtig die von Edward Snowden gelieferten „Enthüllungsgeschichten“ auch sind: Deutsche Journalisten täten gut daran, auch einmal ihre Hausaufgaben zu machen. Denn der BND kooperiert nicht nur mit CIA und NSA, er liefert ihnen auch Daten (deutscher) und ausländischer Bürger und überwacht Journalisten. Der BND, so ist in Wikipedia zu lesen, „leitet über die Fernmeldeverkehrstelle, die in der Bad Aiblinger Mangfall-Kaserne als Einrichtung der Bundeswehr getarnt ist, Verbindungsdaten von Telefonaten, E-Mails oder SMS an die NSA weiter.[47] (…) Ferner schult der BND die Mitarbeiter vom Bundesamt für Verfassungsschutz in der Benutzung der Spähsoftware XKeyscore.[43] Das Programm XKeyscore wird vom BND schon seit 2007 eingesetzt.[44]„
In ärmeren Entwicklungsländern, vor allem in Afrika, wird weit intensiver als in reichen Ländern mit einer guten Festnetz-Infrastruktur über Mobilfunk kommuniziert. Wie die Washington Post berichtete, sammelt die NSA täglich fast fünf Milliarden Datensätze von Mobiltelefonen weltweit und ist damit in der Lage, nicht nur die Kommunikation abzuhören, sondern auch Bewegungsbilder von einzelnen Nutzern – und ihre Beziehungen untereinander – zu analysieren. Auch hier gilt es noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten.





