
„Auf welch dünnem Eis die Stimmung Brasiliens während der WM gebettet ist, haben die Ausschreitungen nach dem desaströsen 1:7 gegen Deutschland gezeigt“ so Nosso Jogo. „Umso mehr stellt sich die Frage, was dem Land nach dem Megaevent Positives bleibt.“
Noch vor einem Jahr gingen Hunderttausende Brasilianerinnen und Brasilianer auf die Straße, um gegen die horrenden Ausgaben für dieses Großevent zu demonstrieren, die in sozialen Bereichen, wie Bildung, Gesundheit und öffentlichem Transport fehlen. Laut Schätzungen des Brasilianischen Rechnungshofs (TCU) belaufen sich die WM-Kosten auf 26 Mrd. Real (8,64 Mrd. Euro) und kommen zu 84% aus der öffentlichen Hand. Demgegenüber steht der für die FIFA erwartete Rekordgewinn von 10 Mrd. Real (3,3 Mrd. Euro).
Seit dem Eröffnungsspiel sei es ruhiger geworden rund um die Forderungen aus der brasilianischen Zivilbevölkerung. „Es ist eine Tatsache, dass sich weniger Menschen an den Protesten gegen die Umsetzung der Copa beteiligt haben, aber sie sind während der ganzen WM weitergegangen“, sagte Leila Regina da Silva vom Nachhaltigkeitsinstitut Insea, die Anfang Juni auf Einladung der Initiative Nosso Jogo“ in Wien war und sich beim Spiel Brasilien – Deutschland in Belo Horizonte aufhielt. Die Polizeigewalt sei jedoch nicht zurückgegangen, vielmehr sei das Gegenteil der Fall: „Tausende Polizisten haben Barrikaden errichtet und den Demonstrierenden mit extremer Gewalt den Weg abgeschnitten. Es kam zu einigen willkürlichen Verhaftungen.“
Foto © Schröder / Südwind
Auch sonst sieht da Silva die Bilanz der Fußball-WM in Brasilien nüchtern: „Es handelt sich um ein privates Event der FIFA, das sich wenig mit der Realität des Gastgeberlandes beschäftigt.“ Die Heimspiele seien zum Großteil nur von der brasilianischen Ober- und Mittelschicht besucht worden. Der Brückeneinsturz in Belo Horizonte, bei dem zwei Menschen getötet und 22 verletzt wurden, überschattete letzte Woche die Spiele. Das Unglück zeuge von der Fahrlässigkeit, die den von der WM losgetretenen Bauboom begleite. Welche politischen Folgen die Umsetzung der Fußball-WM haben, werde sich spätestens bei den brasilianischen Präsidentschaftswahlen im Oktober zeigen.
In Österreich hat Nosso Jogo, die „Initiative für globales Fair Play“, die sozialen und politischen Ereignisse rund um die umstrittene WM erfolgreich zum Thema gemacht. „Nosso Jogo“ heißt „unser Spiel“ und wagt einen Blick auf Brasilien abseits von Samba, Strand und schwarzer Körperlichkeit. Wie wichtig eine differenzierte Perspektive sei, zeige sich an der stereotypen Inszenierung des WM-Studios des Österreichischen Rundfunks (ORF). „Halbnackte Sambatänzerinnen sollten brasilianisches Flair auf den Küniglberg bringen, bis Kritik in sozialen Netzwerken und im ORF-Publikumsrat den einseitigen und verzerrten Darstellungen ein Ende setzte.“
Seit Ende April fanden österreichweit mehr als 100 Veranstaltungen und Events statt. Die Bandbreite reichte von alternativen Public Viewings in Wiener Außenbezirken über Stadionaktionen mit Profiklubs bis hin zu Diskussionsreihen und Workshops mit brasilianischen Expertinnen und Experten. Noch bis 11. Juli läuft die interaktive Ausstellung zum Thema Kinderrechte im ZOOM Kindermuseum im Wiener Museumsquartier.
„Wir haben mit der Initiative Nosso Jogo geschafft, Wissen über die Ereignisse in Brasilien, über die sozialen Aspekte des Fußballs und die kulturelle Vielfalt des WM-Gastgeberlandes einem breiten österreichischen Publikum zugänglich zu machen“, meinte Martin Kainz, Koordinator von Nosso Jogo. „Mit einem großen nationalen und internationalen Netzwerk treten wir bewusst für faire Sportgroßereignisse ein und werden auch in Zukunft bei Menschenrechtsverletzungen rund um diese Events nicht wegschauen.“
NACH DER WM IST VOR DEN OLYMPISCHEN SPIELEN
Menschenrechtsverletzungen und andere negative Auswirkungen von Sportgroßereignissen bleiben auch nach dem Schlusspfiff in Rio de Janeiro ein politisch brisantes Thema. Spätestens bei den ebenfalls in Brasilien stattfinden Olympischen Sommerspielen 2016 würden ähnliche Probleme auftauchen, ist Nosso Jogo überzeugt.
Nosso Jogo startete daher eine Petition, die sich für bindende Menschenrechtsstandards bei der Vergabe von Sportgroßevents einsetzt und sich an die FIFA, das IOC und die brasilianische Regierung richtet. Sie wurde bereits von knapp 4.000 Personen unterzeichnet, darunter auch Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek. Die Petition kann noch bis Herbst 2014 unter www.nossojogo.at unterschrieben werden.
Nosso Jogo – Initiative für globales Fair Play wurde im Dezember 2013 von sechs entwicklungspolitischen NGOs (FairPlay-VIDC, Südwind, Lateinamerika-Institut, Jugend Eine Welt, Frauensolidarität und Globalista) ins Leben gerufen. Neben den Trägerorganisationen beteiligen sich 92 Partnerorganisationen aus den Bereichen Kultur, Entwicklung, Sport und Umwelt an der Initiative. Das Bildungs- und Dialogprojekt wird maßgeblich von der Österreichische Entwicklungszusammenarbeit (ÖEZA) gefördert.
Quelle: www.nossojogo.at



