Berlin. – Fast 14.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Deutschland haben an die Abgeordneten im Deutschen Bundestag appelliert, die Bedrohungen durch Umweltkrisen wie Klimawandel, Verlust der Artenvielfalt und die Überlastung von Böden und Grundwasser ernst zu nehmen. Diese seien „mittelfristig die größte Bedrohung für Sicherheit, Wirtschaft und Wohlstand, Demokratie, Zivilisation und Menschenleben“. Der Appell wurde von der Bayreuther Regionalgruppe von „Scientists for Future“ initiiert und am Dienstag an die Bundestagsfaktionen übergeben. Wir dokumentieren den Appell im Wortlaut.
Ein Appell von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in Deutschland an die Politik
Sehr geehrte Volksvertreterinnen und Volksvertreter,
als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Deutschland sind wir in großer Sorge. Die Klimakrise und weitere Umweltkrisen (Biodiversitätsverlust, Überlastung biogeochemischer Stoffkreisläufe, …) sind mittelfristig die größte Bedrohung für Sicherheit, Wirtschaft und Wohlstand, Demokratie, Zivilisation und Menschenleben. Dennoch spielten diese Themen im Bundestagswahlkampf fast keine Rolle. Die jüngsten außenpolitischen Zuspitzungen könnten diese Themen noch weiter an den Rand drängen. Doch diese Bedrohung darf nicht verdrängt werden. Ihr muss gerade jetzt effizient begegnet werden. Wir appellieren daher an alle demokratischen Parteien, ihrer Verantwortung gerecht zu werden, und erwarten insbesondere von der zukünftigen Bundesregierung:
1. Ein klares Bekenntnis zum Klimaschutzgesetz und zum Green Deal. Alle Be- strebungen, diese Regelungen aufzuweichen oder zu untergraben, müssen ent- schieden zurückgewiesen werden. Zur Einhaltung der Ziele müssen ein regelmä- ßiges Monitoring erfolgen und ggf. Maßnahmen zur Nachsteuerung ergriffen wer- den.
2. Eine ehrliche Kommunikation der Herausforderungen und Probleme gegen- über der Bevölkerung. Die Bekämpfung der Klima- und weiterer Umweltkrisen erfordert Veränderungen in allen Lebensbereichen. Wir sehen es deshalb als zwingend erforderlich an, dass die demokratischen Parteien den anstehenden Problemen nicht ausweichen, sondern diese gemeinsam konstruktiv angehen.
3. Eine Ausrichtung der Entscheidungen an den technisch-wissenschaftlichen Fakten. Weder die Kernspaltung noch die Kernfusion werden einen relevanten Beitrag zum Erreichen der deutschen Klimaziele leisten können. Das gleiche gilt für E-Fuels und Wasserstoff im Straßenverkehr und für die Wärmeversorgung in Gebäuden. Schlüsseltechnologien für die Abkehr von fossilen Brennstoffen in Deutschland sind erneuerbare Energien, insbesondere Wind und Photovoltaik, di- verse Speichertechnologien und intelligente Netze, Wärmepumpen, batterieelek- trische Antriebe sowie grüner Wasserstoff als chemischer Grundstoff und Lang- zeitspeicher.
4. Einen klaren Kurs in der Klimapolitik. Eine Kehrtwende im Klimaschutz schadet auch dem Wirtschaftsstandort Deutschland, denn Unternehmen brauchen Pla- nungssicherheit. Regeln, die sich ständig ändern, verursachen hohe Kosten und verstellen den Weg zu innovativen Geschäftsmodellen jenseits fossiler Brennstof- fe. Wirtschaft und Klimaschutz müssen Hand in Hand gehen. Gerade die aktuellen außenpolitischen Krisen zeigen, dass die starke Abhängigkeit von fossilen Impor- ten Deutschland und Europa verletzlich macht.
5. Eine wahrnehmbare soziale Komponente aller Klimaschutzmaßnahmen. Zentral ist hier die Rückzahlung eines Großteils der durch CO2-Bepreisung einge- nommenen Mittel als Klimageld. Ohne eine soziale Komponente wird die deutsche Klimaschutzpolitik nicht erfolgreich sein.




