
Die Zahlen der Internationalen Energie-Agentur (IEA) zeigen: Trotz aller Anstrengungen der Kyoto-Vertragsstaaten steigen die Kohlendioxid-Emissionen jährlich um durchschnittlich 500 Millionen Tonnen. In den Jahren 2004 und 2005 stieg der CO2-Ausstoß sogar um eine Milliarde Tonnen. Die IEA erwartet sogar bis zum Jahr 2050 einen Anstieg um 190 Prozent auf dann 58 Milliarden Tonnen. Damit ist das von der EU propagierte Ziel, den Temperaturanstieg auf zwei Grad Celsius zu begrenzen, in weite Ferne gerückt.
„Mit dem jetzigen Kyoto-System läuft die Welt, wenn es daran keine substantiellen Verbesserungen gibt, ungebremst in die Klimakatastrophe“, sagt Professor Lutz Wicke, Umweltökonom an der Europäischen Wirtschaftshochschule in Berlin und als ehemaliger Berliner Umweltstaatssekretär und CDU-Mitglied alles andere als ein „grüner Spinner“. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass die USA als größter Treibhausgas-Sünder und die Entwicklungs- und Schwellenländer am Kyoto-System nicht teilnehmen. Wie das Kyoto-Protokoll nach dem Auslaufen 2012 fortgeschrieben werden könnte, ist ohnehin noch offen.
Die Autoren des Reports, der auf Studien Wickes für die Landesregierung von Baden-Wüttemberg basiert, gehen davon aus, dass nur eine gerechte Verteilung der „Verschmutzungsrechte“ die Entwicklungsländern motivieren könnte, sich am Klimaschutz zu beteiligen. Jedem Menschen stünde ein Emissionsrecht von fünf Tonnen CO2 pro Jahr zu – eine realistische Größe, wie die Statistik zeigt. Die meisten Entwicklungsländer könnten damit „Überschusszertifikate“ verkaufen und Einnahmen von insgesamt 20 bis 25 Milliarden US-Dollar pro Jahr erzielen, die zweckgebunden in die nachhaltige Entwicklung und die Armutsbekämpfung investiert werden sollten.
Eine Einbindung der Entwicklungsländer und großer Schwellenländer wie China und Indien in den Klimaschutz könnte auch die USA zur Teilnahme motivieren – entfiele doch ein Argument, warum sich die USA bislang Kyoto verweigern. Ein anderes Argument – die Belastung der US-Wirtschaft – würde dadurch entkräftet, dass die Kosten für Industrie und Verbraucher sich in Grenzen hielten. Die Belastung der Atmosphäre mit CO2 würde einen Preis von bis zu 30 US-Dollar pro Tonne erhalten, mit dem die Wirtschaft langfristig kalkulieren könnte. Diese Forderung der langfristigen Kalkulierbarkeit hatten sogar 24 Konzernmanager anlässlich des G8 Gipfels 2005 in Gleneagles erhoben. Der Energiepreis würde sich nur um 0,05 Prozent in den EU-Staaten und um 0,12 Prozent in den USA verteuern (gemessen am Nationaleinkommen des Jahres 2000).
Weil der Energiebedarf der Weltwirtschaft grundsätzlich steigt und die Emissionszertifikate damit knapper und teurer würden, entstünde nach den Überlegungen der Autoren ein großer Anreiz, Energie zu sparen, sie effizienter einzusetzen oder fossile Energie durch erneuerbare Energien zu ersetzen. Die erneuerbaren Energien, so die Hoffnung der Autoren, könnten auf diese Weise ihren globalen Durchbruch erleben.
Der ehemalige Chef des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP), Professor Klaus Töpfer, der das Vorwort zum Buch schrieb, warnt freilich davor, den Kyoto Plus-Ansatz als alleinseligmachende Lösung für alle Klimaprobleme zu betrachten. Bei einer Transferleistung von 25 Milliarden Dollar für alle Entwicklungs- und Schwellenländer sei in den nachholenden Ökonomien der Anreiz zu gering, den CO2-Ausstoß tatsächlich zu reduzieren. (Zum Vergleich: Die weltweiten Leistungen aus öffentlicher Entwicklungshilfe (ODA) belaufen sich auf derzeit rund 80 Mrd. US-Dollar) pro Jahr.
So einfach und schlüssig sich das Konzept von Kyoto Plus liest: Erfolgreiche Strategien im Klimaschutz werden sich nicht auf ein Erfolgsrezept oder einzelne Techniken reduzieren lassen. Sie müssen, um erfolgreich sein zu können, auch regional und lokal angepasst sein, und der marktwirtschaftliche Ansatz ist keine Garantie für eine globale und im Detail gerechte Lösung. Die Autoren selbst verweisen auf eine historische Bringschuld der Industriestaaten, die für 85 Prozent der gegenwärtigen CO2-Mengen in der Atmosphäre verantwortlich sind. Vermutlich müssen die Industrieländer stärker in die eigene Tasche greifen, um Schwellenländer wie Indien oder China davon zu überzeugen, ihre Treibhausgas-Emissionen spürbar zu reduzieren.
Die Geschichte der Klimadebatten seit dem Umweltgipfel in Rio de Janeiro 1992 zeigt, dass nationale Egoismen, geostrategische Interessen oder die Dynamik einer entfesselten Wirtschaft häufig stärker sind als die schlichte ökologische Vernunft. Dennoch ist das Buch ein vielversprechender Ansatz mit einer klaren Botschaft: Soll die Klimakatastrophe noch aufgehalten werden, ist es jetzt an der Zeit umzudenken und schnell zu handeln.
[Fotos: Buchcover; Peter Spiegel (li.) und Lutz Wicke bei der Vorstellung des Berichs in Berlin. Copyright by epo.de ]
Lutz Wicke, Peter Spiegel, Inga Wicke-Thüs: Kyoto Plus. So gelingt die Klimawende. C.H.Beck Verlag, München 2006, 251 S.




