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UNICEF: Kinderarmut in reichen Ländern steigt

UNICEFKöln (epo). – Der Anteil der Kinder, die in Armut leben, steigt in den meisten reichen Nationen an. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (UNICEF). Sie zeigt, dass sich die Situation von Kindern in 17 von 24 OECD-Staaten verschlechtert hat. Mit 2,7 Prozentpunkten sei Kinderarmut in Deutschland seit 1990 stärker gestiegen als in den meisten anderen Industrienationen, heisst es in der Untersuchung.

 Jedes zehnte Kind in Deutschland lebt laut UNICEF in relativer Armut – mehr als 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. In den OECD-Staaten insgesamt wachsen über 45 Millionen Kinder in einer Familie auf, die mit weniger als 50 Prozent des Durchschnittseinkommens auskommen muss.

Der UNICEF-Vergleich zeigt krasse Unterschiede zwischen den reichen Ländern auf. Am niedrigsten ist die Kinderarmut in Dänemark und Finnland (unter drei Prozent). Besonders hoch ist der Anteil armer Kinder in den USA (über 20 Prozent). Deutschland liegt im Mittelfeld auf Platz 12. Vergleiche man die Entwicklung der Kinderarmut seit 1990, so UNICEF, falle Deutschland aber auf Platz 18 von 24 OECD-Staaten zurück. Die Rate der Kinderarmut wachse hierzulande schneller als unter Erwachsenen, und Kinder seien häufiger von Armut betroffen. Vor allem Kinder aus Zuwandererfamilien und Kinder Alleinerziehender litten unter Armut. 40 Prozent der Kinder Alleinerziehender seien arm.

"Kinder sind in Deutschland kein Armutsrisiko. Alarmierend aber ist die überdurchschnittliche Armut von Kindern Alleinerziehender und aus Zuwandererfamilien", sagte Reinhard Schlagintweit, Vorsitzender von UNICEF Deutschland. "Die Bundesregierung sollte mehr tun, um ein Auseinanderdriften der Gesellschaft zu verhindern – auch auf dem Gebiet der Bildung."

"Die Regierungen haben es selbst in der Hand, ob Kinder in Armut aufwachsen müssen. Sie können ihre großen Probleme wie Arbeitslosigkeit nur in den Griff bekommen, wenn sie Kinder vor Ausgrenzung und Benachteiligung insbesondere bei der Ausbildung bewahren", sagte Peter Adamson, der Autor der internationalen UNICEF-Studie.

Die UNICEF-Studie zeigt einen klaren Zusammenhang zwischen der Höhe staatlicher Aufwendungen und der Kinderarmut. In Ländern wie den USA und Italien, die weniger als fünf Prozent ihres Bruttosozialprodukts in Sozialleistungen investieren, leben über 15 Prozent der Kinder in relativer Armut. Staaten, die wie Dänemark, Schweden, Finnland oder Belgien mehr als zehn Prozent ihres Bruttosozialprodukts für Sozialleistungen ausgeben, schaffen es durchweg, Kinderarmut auf unter zehn Prozent zu drücken.

Doch die Höhe der Sozialausgaben entscheidet nicht allein über das Ausmaß von Kinderarmut. So geben zehn OECD-Länder, darunter auch Deutschland, einen ungefähr gleich hohen Teil ihres Bruttosozialprodukts – zwischen sieben und zehn Prozent – für die soziale Absicherung von Familien aus. Trotzdem gibt es zwischen diesen Ländern beträchtliche Unterschiede bei der Armutsrate: Sie variiert von 3,4 Prozent in Norwegen über 10,2 Prozent in Deutschland bis zu über 15 Prozent in Neuseeland und Großbritannien. Oft fließen Sozialausgaben aber vorwiegend in Altersvorsorge und das Gesundheitssystem.

Eine Teilstudie für Deutschland, erstellt vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) Essen, ergänzt die internationale UNICEF-Vergleichsstudie "Child Poverty in Rich Countries 2005". Die Teilstudie liefert erstmals eine Analyse der langfristigen Veränderungen von Kinderarmut auf der Basis von Haushaltsdaten. In Westdeutschland hat sich Kinderarmut seit 1989 demnach mehr als verdoppelt – von 4,5 Prozent auf 9,8 Prozent in 2001. In Ostdeutschland hat sich der Anteil armer Kinder auf 12,6 Prozent in 2001 erhöht. Zwar reduziert die Bundesregierung durch Kindergeld, Steuererleichterungen und andere sozialpolitische Maßnahmen die Kinderarmut erheblich. Doch sie tut weniger als andere Staaten und das mit nachlassender Wirkung. Die Folge: Kinderarmut steigt in Deutschland schneller als die Armutsrate im Schnitt der Bevölkerung und Kinder sind häufiger arm als Erwachsene.

Unter Kindern aus Zuwandererfamilien verdreifachte sich in den neunziger Jahren die Armutsrate von fünf auf 15 Prozent. Dieser Zuwachs trägt maßgeblich zum Gesamtanstieg bei.

Am häufigsten von Armut betroffen sind die Kinder Alleinerziehender. Kinder Alleinerziehender sind nicht nur häufiger arm, sondern bleiben es auch über längere Zeiträume. Ihre Chance, der Armut wieder zu entkommen, liegt deutlich niedriger als bei allen anderen untersuchten Bevölkerungsgruppen. Zum Vergleich: Paare mit bis zu zwei Kindern sind nur zu etwas mehr als drei Prozent von Armut betroffen.

Der UNICEF-Bericht gibt den Regierungen klare Empfehlungen, was sie tun sollten, um Kinderarmut wirksam zu bekämpfen. Demnach sollte jede Regierung ihre Haushalts- und Sozialpolitik nach den Bedürfnissen von Kindern ausrichten und dabei vor allem auf das Zusammenwirken der Faktoren achten, die das wirtschaftliche Wohlergehen von Kindern bestimmen: Familie, Markt und Staat. Für die Reduzierung von Kinderarmut müsse jede Regierung Ziele und Zeitvorgaben festsetzen, fordert UNICEF. Eine ähnliche Ausgangslage wie in Deutschland gebe es in Schweden. Mit seiner Sozialpolitik schaffe es der Staat dort, Kinderarmut auf nur 3,4 Prozent zu senken – ein Drittel der Rate in Deutschland.

 UNICEF

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