Berlin. – Künstliche Intelligenz (KI) hat sich in einem schwindelerregenden Tempo entwickelt. Während die Leistungen der KI für Schlagzeilen sorgen, privilegieren sie die Technologie in einem luftleeren Raum und verdecken, worauf es wirklich ankommt: die Wahlmöglichkeiten der Menschen. Das geht aus dem Bericht über die menschliche Entwicklung (Human Development Report, HDR) 2025 des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen hervor, der am Dienstag veröffentlicht wurde. Laut dem Bericht sind die Fortschritte bei der menschlichen Entwicklung indes auf den niedrigsten Stand seit 35 Jahren gesunken. Der HDR will aufzeigen, wie Künstliche Intelligenz „die Entwicklung wieder neu entfachen“ könnte.
Die Wahlmöglichkeiten, die die Menschen haben und die sie im Rahmen immer größerer Freiheiten wahrnehmen können, sind für die menschliche Entwicklung von entscheidender Bedeutung, betont das UN-Entwicklungsprogramm (United Nations Development Program, UNDP). Deren Ziel sei es, dass die Menschen ein Leben führen, das sie schätzen und für das sie einen Grund haben, es zu schätzen. Eine Welt mit künstlicher Intelligenz sei voll von Wahlmöglichkeiten, deren Ausübung sowohl eine Frage der menschlichen Entwicklung als auch ein Mittel zu deren Förderung sei.
In Zukunft hängt die Entwicklung aus der Sicht von UNDP weniger davon ab, was KI leisten kann – und auch nicht davon, wie menschenähnlich sie wahrgenommen wird -, sondern vielmehr davon, die Vorstellungskraft der Menschen zu mobilisieren, um Wirtschaft und Gesellschaft so umzugestalten, dass sie das Beste daraus machen. Anstatt vergeblich zu versuchen, vorherzusagen, was passieren wird, stelle der diesjährige Bericht über die menschliche Entwicklung die Frage, „welche Entscheidungen getroffen werden können, damit neue Entwicklungspfade für alle Länder am Horizont auftauchen und jeder eine Chance hat, in einer Welt mit KI zu gedeihen“.
Nur schwache Fortschritte
Statt einer nachhaltigen Erholung nach der Zeit der außergewöhnlichen Krisen von 2020-2021 folgten unerwartet schwache Fortschritte, heißt es in dem Bericht. Selbst wenn man diese Corono-bedingten Krisenjahre aus der Berechnung herausnehme, sei die globale menschliche Entwicklung die geringste seit 1990 gewesen.
Der Bericht über die menschliche Entwicklung 2025 – „Eine Frage der Wahl: Menschen und Möglichkeiten im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz (KI)“ analysiert den Entwicklungsfortschritt anhand einer Reihe von Indikatoren, die als Human Development Index (HDI) bekannt sind und Errungenschaften in Gesundheit und Bildung sowie Einkommensniveaus umfassen. Hochrechnungen für 2024 zeigen nur geringe Fortschritte beim HDI in allen Regionen der Welt.
Über die alarmierende Verlangsamung der globalen Entwicklung hinaus konstatiert der Bericht einen Anstieg der Ungleichheit zwischen reichen und armen Ländern. Da traditionelle Wege zur Entwicklung durch globale Einflüsse unterdrückt würden, sei entschlossenes Handeln erforderlich, um die Welt von der anhaltenden Stagnation des Fortschritts zu befreien.
„Seit Jahrzehnten sind wir auf dem besten Weg, bis 2030 einen sehr hohen menschlichen Entwicklungsstand zu erreichen, aber die Entschleunigung signalisiert eine sehr reale Bedrohung für den globalen Fortschritt“, sagte UNDP-Administrator Achim Steiner. „Wenn der schleppende Fortschritt 2024 zur ’neuen Normalität‘ wird, könnte der Meilenstein 2030 um Jahrzehnte verzögert werden – was unsere Welt weniger sicher und anfälliger für ökonomische und ökologische Schocks macht.“
Trend zu mehr Ungleichheit zwischen armen und reichen Ländern
Im vierten Jahr in Folge nimmt die Ungleichheit zwischen Ländern mit geringer menschlicher Entwicklung und sehr hoher Entwicklung weiter zu, so der Bericht. Dies kehre einen langfristigen Trend um, der durch einen Rückgang der Ungleichheit zwischen wohlhabenden und armen Ländern geprägt gewesen sei. Besonders gravierend seien Entwicklungsherausforderungen für Länder mit den niedrigsten HDI-Werten – getrieben durch zunehmende Differenzen beim Handel, eine sich verschärfende Schuldenkrise und den Anstieg der Arbeitslosigkeit.
„Inmitten dieser globalen Turbulenzen müssen wir dringend neue Wege erkunden, um die Entwicklung voranzutreiben“, sagte Steiner. „Da die künstliche Intelligenz ihren rasanten Fortschritt in so vielen Aspekten unseres Lebens fortsetzt, sollten wir ihr Entwicklungspotenzial berücksichtigen. Fast täglich entstehen neue Fähigkeiten, und obwohl KI kein Allheilmittel ist, haben die Entscheidungen, die wir treffen, das Potenzial, die menschliche Entwicklung wieder anzukurbeln und neue Wege und Möglichkeiten zu eröffnen.“
Umfrage: 60 % glauben, dass KI neue Arbeitsplätze schaffen kann
Der Bericht enthält die Ergebnisse einer Umfrage, die laut UNDP gezeigt hat, dass die Menschen realistisch und dennoch hoffnungsvoll hinsichtlich der Veränderung sind, die KI mit sich bringen kann. Die Hälfte der Befragten glaubt, dass ihre Arbeitsplätze automatisiert werden könnten. Sechs von zehn Menschen erwarten dennoch, dass die KI ihre Beschäftigung positiv beeinflusst und Chancen bei Arbeitsplätzen eröffnet, die heute vielleicht noch gar nicht existieren.
Nur 13 Prozent der Befragten befürchten, dass KI zu Arbeitsplatzverlusten führen könnte. Im Gegensatz dazu erwarten 70 Prozent in Ländern mit niedrigem und mittlerem HDI, dass die KI ihre Produktivität steigern wird, und zwei Drittel erwarten, dass sie im nächsten Jahr KI in Bildung, Gesundheit oder Arbeit einsetzen werden.
Der Bericht setzt sich für einen menschenzentrierten KI-Ansatz ein, der das Potenzial hat, Entwicklungsansätze grundlegend neu zu gestalten. Die Umfrageergebnisse zeigten, dass Menschen auf der ganzen Welt für diese Art von „Reset“ bereit seien.
Der Bericht skizziert drei kritische Handlungsfelder:
- Aufbau einer Wirtschaft, in der Menschen mit KI zusammenarbeiten, anstatt dagegen zu konkurrieren
- Einbetten von Humanagenturen über den gesamten KI-Lebenszyklus, vom Design bis zum Einsatz
- Modernisierung von Bildungs- und Gesundheitssystemen, um den Anforderungen des 21. Jahrhunderts gerecht zu werden
Die Demokratisierung der KI sei bereits im Gange, glauben die Autoren des Berichts. Etwa jeder Fünfte der Befragten gebe bereits an, KI zu verwenden. Und zwei Drittel der Befragten in Ländern mit geringerer menschlicher Entwicklung rechneten im nächsten Jahr mit KI in Bildung, Gesundheit oder Arbeit. Das mache die Schließung von Strom- und Internet-Engpässen dringender denn je, so dass niemand von künftigen Möglichkeiten ausgeschlossen wird. Doch der Zugang allein reiche nicht aus: Es komme darauf an, wie effektiv KI ergänzt und erweitert, was Menschen tun.
„Die Entscheidungen, die wir in den kommenden Jahren treffen, werden das Vermächtnis dieses technologischen Übergangs für die menschliche Entwicklung definieren“, sagte Pedro Conceo, Direktor des UNDP-Berichtsbüros für menschliche Entwicklung. „Mit der richtigen Politik und dem Fokus auf Menschen kann KI eine entscheidende Brücke zu neuem Wissen, neuen Fähigkeiten und Ideen sein.“
=> Der Bericht über die menschliche Entwicklung 2025 ist unter https://hdr.undp.org/content/human-development-report-2025 verfügbar.







