Berlin/Paris (epo.de). – Anlässlich des fünften Jahrestages der Ankunft der ersten Gefangenen im US-Militärgefängnis Guant?namo hat Reporter ohne Grenzen (ROG) die Freilassung von Sami Al-Haj gefordert. Der Kameramann des Satellitensenders „Al Dschasira“, der aus dem Sudan stammt, werde seit Juni 2002 ohne Anklage in Guant?namo festgehalten, erklärte die internationale Menschenrechtsorganisation in Berlin.
Mehrere Hundert Personen, die die US-Armee im Laufe der „Operation Enduring Freedom“ in Afghanistan entführte, seien am 11. Januar 2002 nach Guant?namo gebracht worden, so Reporter ohne Grenzen. „Insgesamt rund 770 Gefangene sind seitdem in den tropischen Gulag verschleppt worden, derzeit sind dort noch ca. 400 Menschen inhaftiert.“
Al-Haj wurde nach Angaben von ROG im Dezember 2001 von der pakistanischen Armee an der Grenze zu Afghanistan festgenommen und an das US-Militär übergeben. In mehr als 150 Verhören habe das Militär ihn zu Geständnissen über Verbindungen zwischen „Al Dschasira“ und Al Quaida gezwungen. Er sei mehrfach gefoltert worden, etwa durch Schlafentzug, Wasserfolter und stundenlangem Aufenthalt unter der tropischen Sonne. Ohne jeglichen Beweis werde ihm vorgeworfen, Osama Bin Laden interviewt und islamistische Terroristen mit Waffen versorgt zu haben.
Der Fall des Kameramannes Sami Al-Haj ist ROG zufolge typisch für viele der in Guant?namo Internierten. „Die meisten werden ohne jegliche Beweise und ohne Anklage unter völlig menschenunwürdigen Bedingungen festgehalten“, so Reporter ohne Grenzen. Als Al-Haj im April 2006 erstmalig einen Anwalt sehen durfte, habe er das Bedürfnis geäußert, sich das Leben zu nehmen. Seit seiner Festnahme sei ihm jeder Kontakt zu seiner Familie verweigert worden.
Die US-Regierung hatte im Februar 2002 erklärt, die Genfer Konvention für Kriegsgefangene, die etwa eine menschenwürdige Behandlung gewährleisten soll, gelte für die auf Guant?namo Internierten nicht. Damit hatten sie keinen rechtlichen Status. Diese Direktive wurde erst im Juli 2006 aufgehoben.
Nach einer langen Debatte urteilte der Oberste Gerichtshof der USA im Juni 2006, dass Prozesse gegen die Gefangenen vor Militärtribunalen nicht zulässig seien. Doch am 28. September 2006 legalisierte der US-Kongress diese Tribunale. Ein weiteres Gesetz vom 17. Oktober erlaube zudem Folter, so ROG.
„Die Freilassung von rund 30 Gefangen Ende 2006 ändert nichts an der humanitären und rechtlichen Katastrophe, für die ein demokratisches Land verantwortlich ist“, erklärte Reporter ohne Grenzen. „Wir hoffen, dass die neue Mehrheit im US-Kongress die Regierung dazu bringt, das Lager zu schließen.“
Nach Informationen von ROG sind demnächst Prozesse gegen 60 bis 80 Gefangene geplant. Ob Sami Al-Haj zu ihnen gehört, ist nach Informationen seines Anwaltes Clive Stafford-Smith nicht sicher. „Die Gefangenen sind physisch und psychisch am Ende. Seit fünf Jahren werden sie ohne die geringste Aussicht auf ein faires Verfahren unter fürchterlichen Bedingungen festgehalten. Viele von ihnen in Einzelhaft, ohne jegliche Beschäftigung.“




