Berlin/Gaza-Stadt. – Die Zahl der unter fünfjährigen Kinder mit akuter Unterernährung, die in den Kliniken von Save the Children in Gaza behandelt werden, ist laut Angaben der Hilfsorganisation innerhalb von vier Monaten um das Zehnfache gestiegen. Jedes dieser Kinder wird nach den Worten von Ernährungsexperten sterben. Die durch das israelische Militär ausgelöste Hungerkatastrophe in Gaza sei nicht mehr aufzuhalten, berichteten am Dienstag fünf Expertinnen und Experten, die in Gaza tätig sind und von Save the Children International per Video zugeschaltet wurden.
Viele dieser Kinder hätten gerettet werden können, wenn europäische Politiker und Medien früher reagiert und damit Druck auf die rechtsextreme israelische Regierung und auf US-Präsident Trump ausgeübt hätten. Jetzt, da die Hungerkrise in Gaza um sich greift, scheint es zu spät zu sein. Bundeskanzler Friedrich Merz kann sich noch immer nicht dazu durchringen, Menschlichkeit zu zeigen. Er ordnet den Abwurf von ein paar Hilfsgütern aus Flugzeugen an – eine Maßnahme, die laut Experten nicht mehr als Show ist.
Die Hungerkrise ist nicht mehr abzuwenden
Die Experten, die an der Online-Pressekonferenz teilnehmen, sprechen Klartext. Ghada Al Haddad von Oxfam Gaza schildert, welchen Horror Eltern durchmachen, die ihre Kinder nicht mehr ernähren können. Währenddessen, so sagt sie, gehen die Luftangriffe und der Beschuss durch die israelischen Streitkräfte weiter, werden Hilfslieferungen verhindert, flüchtende Menschen in Lager gesperrt. Die Täter sind ausgerechnet jene, die ständig an den Holocaust vor 80 Jahren erinnern.
«Das ist eine geplante Hungersnot, vom ersten Tag an», bekräftigt Amjad Shawwa, Direktor des Palestinian Non-Governmental Organizations Network (PNGO) in Gaza. Die Blockade von Hilfslieferungen dauere seit Anfang März an. 2,2 Millionen Menschen seien auf 45 Quadratkilometer zusammengedrängt, 48.000 Menschen pro Quadratkilometer.
Rachel Cummings, Leiterin der humanitären Hilfe von Save the Children International in Gaza, sagt, sie arbeite seit 25 Jahren im humanitären Sektor, aber eine Katastrophe diesen Ausmaßes habe sie auch bei Hungersnöten in Afrika nicht erlebt. Das Medizinerteam in der Klinik, die sie am Vortag besuchte, habe geweint, weil es nicht wusste, was es noch tun könnte. Jedes einzelne der Kinder sei von Unterernährung gezeichnet.
Dr. Tarek Loubani, Notfallmediziner und Ärztlicher Direktor des Hilfsprogramms Glia, verweist darauf, dass Israel die palästinensische Bevölkerung nicht nur hungern lasse, sondern ihr seit langem systematisch die Lebensgrundlagen entziehe. Loubanis Eltern waren 1948 aus Palästina vertrieben worden; er ist Kanadier. Gaza habe noch vor einigen Jahren eine sehr effiziente organische Landwirtschaft gehabt und habe sich selbst versorgen können, berichtet er. Jetzt sei jeder einzelne Patient, den er in der Klinik behandle, unterernährt. Er selbst habe in zwei Monaten in Gaza rund 20 Kilogramm an Gewicht verloren. Selbst Ärzte hätten nur eine Handvoll Reis pro Tag.
Auf die Gesundheitsprobleme, die die Psyche betreffen, geht Rob Williams ein, CEO der War Child Alliance. Das erlittene Trauma insbesondere der Kinder habe ein Ausmaß erreicht, das er bisher nicht erlebt habe. Es sei wichtig zu verstehen, dass Hunger bei Kindern den Entwicklungsprozess des Körpers und auch des Gehirns stoppt, um die lebenswichtigen Organe weiter versorgen zu können. «Dieser Prozess ist unumkehrbar», betont Williams. Hunderttausende Kinder werden davon betroffen sein.
43 Prozent der schwangeren und stillenden Frauen, die im Juli in den Kliniken von Save the Children untersucht wurden, waren unterernährt, fast dreimal so viele wie im März, als die israelische Regierung eine vollständige Blockade des Gazastreifens verhängte. Die Daten stammen aus dem jüngsten Bericht der Integrated Food Security Phase Classification (IPC), der feststellt, dass «derzeit im Gazastreifen das schlimmste Szenario einer Hungersnot eintritt». Mehr als 70.000 Kinder unter fünf Jahren und 17.000 schwangere und stillende Frauen im Gazastreifen sind von akuter Unterernährung betroffen. 470.000 Menschen in Gaza sind unmittelbar vom Hungertod bedroht.
Dr. Tarek Loubani macht klar: «Jedes Kind, das jetzt unterernährt ist, wird sterben.» Das lasse sich nicht mehr verhindern. Das Wichtigste sei jetzt, jeden weiteren Zustrom von Waffen zu unterbinden.
Während Bundeskanzler Friedrich Merz so tut, als wüsste er nicht, welche Ziele sich die israelische Militärführung gesetzt hat, schafft Premier Nethanyahu Tatsachen. Es geht längst um ein Groß-Israel, längst nicht mehr um das Recht der Verteidigung gegen einen terroristischen Angriff durch die Hamas. Deshalb die völkerrechtswidrigen israelischen Angriffe auf Ziele im Libanon, im Jemen, in Syrien und im Iran.
Nach UN-Angaben sind mittlerweile 88 Prozent des Gazastreifens unter direkter israelischer Militärkontrolle oder einer «Evakuierungszone». Für die mehr als zwei Millionen Palästinenser bleibt eine Fläche, die nur wenig größer ist als der Berliner Bezirk Mitte, durchzogen von Militärkorridoren.
Trump, Macron, Starmer, Merz und andere Vertreter «westlicher Werte» lassen Nethanyahu gewähren, während sie der Öffentlichkeit vorgaukeln, sie unternähmen alles, um den Krieg zu beenden. Denn Israel ist der westliche Brückenkopf im Nahen Osten, der die Region im Zaum halten soll. Einzig der politisch irrlichternde Trump wäre in der Lage, Nethanyahu zu stoppen. Ebenso wie die Hamas, die den Gaza-Krieg durch ihren Terrorangriff auf unschuldige Israelis ausgelöst hat, kann sich Nethanyahu nur durch Krieg an der Macht halten.
=> Videomitschnitt der Online-Pressekonferenz (60′): Press Briefing on the Gaza Starvation Emergency .mov – Google Drive
Weitere Infos:
=> Gaza: „Unsere Kinder sterben vor unseren Augen“ (SPIEGEL)
=> Interview from Gaza: Dr. Tarek Loubani on the War’s Impact on Patients, Medics, and the Human Spirit (Video by Glia/Democracy Now)
=> Gaza’s Children Face Severe Psychological Toll Amid Catastrophic War (WarChild)







