Berlin. – 1.300 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werfen den deutschsprachigen „Leitmedien“ Provinzialität vor. Ihr Vorwurf: 85 Prozent der Weltbevölkerung kommen kaum in den Medien vor: „Führende deutschsprachige Medien berichten in lediglich etwa 10 % ihrer journalistischen Beiträge über die Länder des Globalen Südens, obwohl dort etwa 85 % der Weltbevölkerung leben.“ Der journalistische Blick in TV-Sendungen und Publikationen in der ARD-Tagesschau, bei ZDF-heute, in der FAZ, Süddeutschen Zeitung oder im SPIEGEL sei nach wie vor eurozentrisch. Insbesondere öffentlich-rechtliche Sender müssten ihren Auftrag erfüllen, „umfassend“ auch über das internationale Geschehen zu berichten. Der Brandbrief des „Netzwerk Globaler Süden“ ging an rund 400 Medienredaktionen, 1.200 Abgeordnete und die Regierungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
„Nachrichtensendungen, Reportagen und politischen Diskussionsendungen fällt eine wichtige Rolle bei der privaten und öffentlichen Meinungsbildung zu“, heißt es in einem Positionspapier, das die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Mängel in der medialen Berichterstattung lenken soll. Unter anderen haben rund 750 Professorinnen und Professoren, Privatdozenten, Postdoktoranden, Doktoranden, Wissenschaftliche Mitarbeitende, Lehrpersonal sowie Medienschaffende unterzeichnet. Mehr als 150 wissenschaftliche Institutionen, Nichtregierungs- und Hilfsorganisationen unterstützen das Papier ebenfalls. (Auch Entwicklungspolitik Online hat unterschrieben.)
Neben der medialen Vernachlässung der Länder des Südens kritisiert das Netzwerk Globaler Süden die Art und Weise der Medienberichterstattung: „Die komplexen historischen, politischen, religiösen und kulturellen Aspekte nicht-europäischer Gesellschaften bleiben häufig außer Acht, auch solcher, aus denen Menschen nach Europa migrieren.“ (…) „Fundamentale Ereignisse mit dramatischen menschlichen, aber auch soziopolitischen Auswirkungen, werden in der Berichterstattung weitgehend ausgeblendet oder sogar vollständig übergangen.“
„Beispiele sind die große Hungersnot von 2011, in der mehr als eine Viertel Million Menschen, zur Hälfte Kinder unter fünf Jahren, am Horn von Afrika (Somalia) starben, der Bürgerkrieg im Jemen, den die Vereinten Nationen jahrelang als »weltweit schlimmste humanitäre Krise« bezeichneten, sowie der Bürgerkrieg in der nordäthiopischen Region Tigray, der als »tödlichster Krieg des 21. Jahrhunderts« gilt. Über alle drei Ereignisse wurde in deutschsprachigen Medien kaum oder gar nicht berichtet. Sie sind hierzulande im kollektiven Bewusstsein und Gedächtnis praktisch nicht präsent. Dabei kann die Nichtbeachtung von Ereignissen im Globalen Süden fatale humanitäre, aber auch globalpolitische Auswirkungen haben.“
Wer noch Fernsehen schaut, kennt das: In ARD und ZDF beschränkt sich die Auslandsberichterstattung meist auf die USA, den Ukraine-Krieg und den Krieg im Nahen Osten. Die USA bestehen fast nur aus dem Weißen Haus, den Republikanern und den Demokraten. Dass es eine breite außerparlamentarische Opposition außerhalb dieser Machtzentren gibt, erfährt hierzulande aus den öffentlich-rechtlichen Medien niemand. Dauerkrisen wie die Flüchtlingskrisen im Südsudan, in der Demokratischen Republik Kongo oder der aus Myanmar vertriebenen Rohingya geraten nahezu völlig aus dem Blick. Wieviele Menschen jeden Tag auf der Suche nach einem besseren Leben im Mittelmeer ertrinken, interessiert in den Redaktionen kaum noch. Stattdessen ist das Migranten-Bashing en vogue.
Quantitative Studien als Grundlage
Hauptverfasser des Positionspapiers sind der Kulturwissenschafler Dr. Ladislaus Ludescher, der Filmemacher und Medienanthropologe Dr. Thorolf Lipp sowie der Soziologe und Medienwissenschaftler Prof. Dr. Hermann Rotermund. Insbesondere der Heidelberger und Frankfurter Kulturwissenschaftler Ladislaus Ludescher hat mit einer Reihe von quantitativen Studien ein eindeutiges Bild gezeichnet: „Mit Ausnahme des ARTE Journal und im Printbereich der taz weisen alle untersuchten Medien dieselbe geographische Konzentration bei gleichzeitiger massiver Marginalisierung des Globalen Südens auf: Im Durchschnitt entfallen lediglich etwa 10 % der Beiträge auf den Globalen Süden, obwohl dort etwa 85 % der Weltbevölkerung leben.“

Grafik: Positionspapier Globaler Süden
Der ehemalige UN-Sondergesandte für Ernährung, der Schweizer Jean Ziegler, hat einmal gesagt: „Jedes Kind, das heutzutage an Hunger stirbt, wird ermordet!„. Angesichts der aktuellen Situation in Gaza ist das richtiger denn je.
Im Positionspapier heißt es dazu: „Auch der Globale Hunger, den das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) als »das größte lösbare Problem der Welt« bezeichnet, da sowohl die Ressourcen als auch die technischen Möglichkeiten zur Verfügung stehen und vergleichsweise nur geringe finanzielle Mittel notwendig wären, um dieses Problem zu lösen, gehört zu den medial eklatant und konsequent vernachlässigten Themen.„
Foto: Graffitiy auf einer Parkbank im Südschwarzwald. © Klaus Boldt







