Göttingen. – Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) warnt vor den katastrophalen Folgen der aktuellen Waldbrände in Bolivien für die dort lebenden indigenen Gemeinschaften und fordert umgehende Schutzmaßnahmen.
„Indigene Territorien liegen im Epizentrum der Brände. Der Druck auf diese Territorien wird jedes Jahr größer. Statt umfassend zu informieren und zu schützen, spielt die bolivianische Regierung das Ausmaß der Zerstörung herunter und setzt damit das Leben indigener Völker aufs Spiel“, erklärte Jan Königshausen, Referent für indigene Völker bei der GfbV. Bis einschließlich 12. September 2025 wurden laut einem Bericht der bolivianischen NGO CEJIS 7.865 Feuer‑Hotspots registriert. Demnach gab es in 45 von 58 indigenen Territorien im bolivianischen Tiefland Waldbrände.
„Die bolivianische Regierung muss umgehend Sofortmaßnahmen in den Brandgebieten ergreifen. Bereits am 20. August wurde der nationale Notstand ausgerufen. Dennoch fehlen bis heute verlässliche Flächendaten zur laufenden Brandsaison und zielgerichtete Unterstützungsmaßnahmen für Gemeinden und Einsatzkräften“, sagte Königshausen. „Damit Indigene Völker besser geschützt werden, braucht es die konsequente Durchsetzung von Brandverboten in und um indigene Gebiete, einen Stopp illegaler Brandrodungen und die Stärkung gemeindebasierte Prävention.“
Abholzung eine Ursache
Einer der Hauptgründe für die immer verheerenderen Waldbrände ist laut der Menschenrechtsorganisation die fortschreitende Abholzung der Wälder. „Entwaldung ist kein vorherbestimmtes Schicksal, sondern Folge politischer und wirtschaftlicher Entscheidungen – sie kann gestoppt werden“, so Königshausen. Boliviens Regierung verweise hingegen auf „illegale Akteure“ – etwa illegalen Bergbau oder Narkokriminalität – als Hauptursache einzelner Großbrände, wie zuletzt im Fall des Waldbrands im UNESCO‑Welterbe Nationalpark Noel Kempff Mercado. Öffentlich nachvollziehbare Ermittlungsberichte blieben jedoch aus. Zudem verstärke die staatliche Ineffizienz im Umgang mit dem Feuer die verheerenden Folgen. Im Welterbe Nationalpark Noel Kempff Mercado habe dies dazu geführt, dass der Brand auch 44 Tage nach seinem Ausbruch nicht gelöscht war, kritisierte die staatliche Ombudsstelle Defensoría del Pueblo.
Bolivien müsse dringend seinen Verpflichtungen zum Schutz der Bevölkerung nachkommen, fordert die Menschenrechtsorganisation. Ein historisches Urteil des Tribunal Agroamniental, der staatliche Ombudsmann-Stelle Boliviens, vom 8. September 2025 ordnet Sofortmaßnahmen an – darunter 48‑Stunden‑Berichte und Transparenz über den Mitteleinsatz in der Brandbekämpfung. Diese Anordnungen müssten umgehend umgesetzt werden, fordert die GfbV. Die Menschenrechtsorganisation wies darauf hin, dass sich Bolivien als Mitgliedsstaat des Escazú‑Abkommens dazu verpflichtet habe, zeitnahe, vollständige und zugängliche Umweltinformation bereitzustellen.
„Bolivien erlebt seit Jahren Rekordbrände. Doch statt strukturelle Präventionsmechanismen aufzubauen, werden Zahlen geschönt und die Krise verharmlost. Eine Besserung ist trotz der bevorstehenden Stichwahl am 19. Oktober nicht in Sicht. Vieles deutet auf die Fortführung eines export‑ und rohstofforientierten Wirtschaftsmodells in Bolivien hin, das Landnahme, Waldumwandlung und das Eindringen in Schutzgebiete und indigene Territorien begünstigt, während die Verantwortung gleichzeitig ausgerechnet jenen ‚illegalen‘ Akteuren zugeschoben wird, die das System selbst hervorbringt“, so Königshausen.
Quelle: gfbv.de







