Scholz, Jorge, Der Pakistan-Komplex: ein Land zwischen Niedergang und Nuklearwaffen. München [etc.]: Pendo, 2008, 176 S., Euro 16,90
Das Pakistan-Buch von Jorge Scholz, Pakistan-Spezialist und langjähriger verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift "SÜDASIEN", ist brandaktuell: Es rollt die Entwicklung Pakistans von der Situation nach der Ermordung Benazir Bhuttos am 27. Dezember 2007 aus von den Anfängen im Unabhängigkeitskampf her auf. Das Buch darf aber auch als summa einer zwanzigjährigen Beschäftigung des Autors mit Pakistan gelten.
Nach der aktualitätsbezogenen Einführung ("Pakistan nach der Ermordung Benazir Bhuttos") geht es im zweiten Kapitel ("Die Pakistanfrage im Spiegel der deutschen Medien") mit den hiesigen Pakistanbildern, ihren Voraussetzungen und Folgen weiter. Darauf bezieht sich auch der reißerische Buchtitel, der den potentiellen Leser mit dem bewusst evozierten Negativimage des Landes abholen will. Andererseits vermeidet das Buch, dem ein einseitiges "Positivimage" gegenüberzustellen.
"Der Pakistan-Komplex" argumentiert dagegen im wesentlichen bemerkenswert unaufgeregt und aufklärerisch im guten Sinn: Er macht deutlich, dass Pakistan trotz "Islam, Islamisierung, Talibanisierung", trotz einer "turbulenten Geschichte", trotz "Bhutto-Saga" und Pakistan "im Fadenkreuz der Weltpolitik" – so die journalistisch routinierten Kapitelüberschriften – keineswegs ein Dämon, sondern eine Realität ist, die durchaus mit etwas gutem Willen begreiflich zu machen ist.
Die Risikofaktoren für die gegenwärtige und zukünftige Entwicklung des Landes werden vom Verständnis der Vergangenheit her beleuchtet: Das Militär, das zu einer alles beherrschenden Kriegerkaste mutiert (S.59) und die Kalaschnikow-Kultur (S.65ff), die Gefahr einer schlingernden Nuklearmacht (S.11), die Komplexitäten des Islam in Gesellschaft und Politik und das komplizierte Verhältnis zwischen Militär und Islamisten (vgl. S.94ff), nationale Traumata (Unabhängigkeit 1947, Sezession Bangladeschs 1971), das schwierige Verhältnis ("Waffenbruder und Feindbild", S.137ff) zu den USA. Sehr gut gelingt es dem Autor, die pakistanischen Perspektiven auf die verschiedenen Ebenen des Konflikts um Kaschmir zwischen Indien und Pakistan deutlich zu machen, die in der deutschen Publizistik oft zu einseitig von den indischen Perspektiven bestimmt werden.
Bei aller Rationalisierung wird deutlich, dass der Autor Pakistan wohl tatsächlich vor die Alternative "Aufbruch oder Untergang" (Kapitelüberschrift S.144) gestellt sieht. Dabei sieht er das Land insgesamt selbst weniger als Akteur, sondern eher in der Opferrolle: Auch Taliban und Terrorismus werden dieser Perspektive entsprechend weniger als Gefahr für andere Staaten, als für Pakistan selbst dargestellt (S.145).
Im Schlusskapitel kommt dann doch noch eine eindeutige Empfehlung an die internationale Politik: "Nur über einen Stopp von Waffenlieferungen und auch von Finanzhilfen, die nicht zuverlässig dort ankommen, wo sie gebraucht werden, ließe sich die Armee in eine richtige Richtung bewegen." (S.146) Also: Schluss mit der Budgethilfe, stattdessen "Aufbau einer parlamentarischen Demokratie", wobei der Westen lernen müsse, dass nun einmal "als verbindender emotionaler Kitt … die islamische Kultur und ihre Werte" (S.147) herhalten müssen. Zwar ist es erfreulich, wie der Autor der Dämonisierung des Islam entgegentritt, andererseits fragt sich, ob sich der Islam als solcher tatsächlich in diesem Sinne als "Kitt" für den nationalen Zusammenhalt des Vielvölkerstaats instrumentalisieren lässt, also sozusagen in Form eines domestizierten Islam für zivilreligiöse Anwendungsgebiete.
Dieses Buch mit seinem sympathischen, zugleich besorgten und erklärenden Blick auf Pakistan füllt sicher eine wichtige Lücke im Buchmarkt. Angesichts der wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte Indiens droht der südasiatische Zwilling auch auf dem Buchmarkt noch weiter ins Hintertreffen zu geraten.
Das Buch schließt mit einer Zeittafel der pakistanischen Geschichte, einem Abkürzungs- und Literaturverzeichnis. Jedem, der sich ein Bild von den Komplexitäten Pakistans machen will, sei "Der Pakistan-Komplex" – trotz reißerischem Titels – zur Lektüre nahe gelegt.
Heinz Werner Wessler




