Berlin (epo.de). – Manuel Vermeer und Clas Neumann haben ein „Praxishandbuch Indien“ vorgelegt, das neben Vorschlägen, wie mittelständische Unternehmen sich auf dem wachsenden indischen Markt engagieren können, auch eine politische Landeskunde und Tipps in Sachen kultureller Sensibilität bietet. Ein nüchtern und kenntnisreich verfasstes „Pfadfinderhandbuch“ für Investoren, urteilt Heinz Werner Wessler in seiner Rezension.
Das „Praxishandbuch“ beginnt zunächst mit einer politischen Landeskunde (S.17-30). Es folgt ein allgemeiner historischer Überblick über Indien seit den Anfängen (S.31-70), „Kulturelle Einflussfaktoren“ (S.71-94). Dann erst ist von Wirtschaft die Rede: Ein Kapitel über die verschiedenen Formen unternehmerischen Engagements in Indien vom „Outsourcing“ zur „100-Prozent-Tochter“ (S.95-118), „Personalmanagement“ (S.119-164), „Organisationsaufbau“ (S.165-176), „Verhandlungsführung in Indien“ (S.177-196) sowie praktische „Hinweise für den Indienaufenthalt“ (S.197-192). Es folgen Glossar, kommentierte Literaturliste und Anhänge.
Indische Geschichte und Verhandlungsstrategien, Dresscode und Entlohnungssysteme, Outsourcing und „Indian Stretchable Time“ – ein Pfadfinderhandbuch für deutsche Investoren in Indien und sonstige Indieninteressierte jenseits der Touristenpfade – und solche, die es werden wollen bzw. sollen. Dieses Handbuch, nüchtern und kenntnisreich zugleich verfasst, ist ein Band zum Durchlesen und Nachschlagen, zugleich ein eindrückliches Dokument des neuartigen Indien-Images im beginnenden 21. Jahrhundert: Indien als Investitionsstandort für mittelständische Unternehmen.
Hier wird dem zukünftigen Investor ein Kompendium mit wesentlichen Informationen in die Hand gedrückt: Leg los, Investor – diese praxisorientierte Botschaft kommt eher indirekt „rüber“, doch spürbar ist sie überall. Und dabei geht es nicht nur um billige „low level Arbeiten“, die man nach Indien auslagert, sondern um Arbeiten, die „zur verbesserten Profitabilität des eigenen Unternehmens beitragen“ (S.157). Zentrale betriebswirtschaftliche Fragen sind daher: Welche Unternehmensform? „Überwinden der kulturellen Barrieren“ (S.152), „Wie forme ich schlagkräftige und innovative Teams in Indien?“ (S.253) etc.
Vielleicht kann ein solches Kompendium nicht anders, als Indien als Land der unbegrenzten unternehmerischen Möglichkeiten darstellen. Das Indien der Armut oder der spirituellen Sinnsuche ist mega-out. Hyderabad „sorgte dafür, dass die Bettler aus dem Straßenbild verschwanden“ (S.24). New Delhi „ist eine weitgehende [sic] grüne Stadt ohne Slums, in der die Hütten der Armen gewaltsam entfernt wurden“ (S.28), heißt es lakonisch. Zum Thema Religion empfehlen die Autoren den pragmatischen Ansatz: Grundsteinlegungen etc. sollten immer in Abstimmung „mit einem Priester“ (S.72) – das heißt: mit einem hinduistischen Priester – vorgenommen werden: „Fragen Sie indische Priester, was beim Bau einer Halle, eines Büros etc. zu beachten ist. Und kommunizieren Sie, dass Sie diese Hilfe in Anspruch genommen haben!“ (S.93).
POLITISCHE RISIKEN AUSGEBLENDET
Vier Risiken werden unter den ökonomischen Rahmenbedingungen genannt: Landreform, Defizit an Arbeitskräften, Infrastruktur und Inflation (S.52ff). Politische Großrisiken – Verhältnis zu Pakistan, Ökologie, soziales Gefälle, religiöser Fundamentalismus etc. – werden in der Themenliste dieses „Handbuchs“ ausgeblendet. Trotzdem: Hier ist viel Erfahrung eingeflossen. Interessanterweise wird dem deutschen Geschäftsmann anstelle von Joint Ventures eher zu einer 100-Prozent-Tochter (Unternehmensgründung) geraten (S.99ff).
Gelegentlich mag man ein gründlicheres Lektorat vermissen. So heißt das höhere Beamtencorps heute „Indian Administrative Service“ (IAS, früher ICS, S.84). Verschreiber bei der Transkription indischer Namen und Wörter hätten sich leicht vermeiden lassen (S.45, 73 etc.).
Vermeer, Manuel; Neumann, Clas, Praxishandbuch Indien: Wie Sie ihr Indiengeschäft erfolgreich managen – Kultur verstehen, Mitarbeiter führen, Verhandlungen gestalten. Wiesbaden: Gabler 2008. 241 S., Euro 39,90
(Eine Kurzfassung dieser Rezension von Heinz Werner Wessler ist zuerst in einer Kurzfassung in der Zeitschrift „Südasien“ erschienen)




