Berlin (epo.de). – Der CDU-Politiker Heiner Geissler hat angesichts der aktuellen Bemühungen zur Regulierung der Finanzmärkte einen radikalen Umbau des globalen Finanzsystems gefordert. Das Platzen der Spekulationsblase habe gezeigt, dass das herrschende kapitalistische Finanzsystem „nicht nur krank und unsittlich, sondern auch ökonomisch falsch ist“, sagte Geissler auf dem „Vision Summit“ am Sonntag in Berlin. Das Kapital müsse „den Menschen dienen und nicht umgekehrt“, betonte Geissler, der besonders die Verdienste des Friedensnobelpreisträgers Muhammad Yunus um eine ökosoziale Marktwirtschaft im Dienste der Armen hervorhob. Yunus stellte beim „Vision Summit“ die „Social Business“-Initiativen seiner Grameen Bank vor, die mittlerweile das größte Unternehmen in Bangladesch ist.
Dass sich Ökonomie mit Humanität vereinen lasse, werde von Wirtschaftsexperten und Mainstream-Medien heute weitgehend bestritten, sagte Geissler beim Vision Summit an der Freien Universität (FU) Berlin. Begriffe wie Solidarität und Nächstenliebe seien in der öffentlichen Diskussion „nach Strich und Faden lächerlich gemacht worden.“ Für sein Überleben sei aber jeder Mensch auf andere angewiesen.
„Menschenliebe ist nicht Gefühlsduselei, noch nicht einmal Barmherzigkeit, sondern die knallharte Pflicht, denen zu helfen, die in Not sind“, sagte Geissler im vollbesetzten Auditorium Maximum der FU in der Garystraße. Die Wirtschaft habe jedoch erklärt, Solidarität sei in einer globalen Welt nicht mehr möglich. „Jeder sorgt für sich selber, am besten, indem er einen Kapitalstock bildet“, sei die Maxime. „Diese kriminelle Illusion ist vor den Augen der Welt geplatzt“, sagte Geissler.
„Jeder sorgt für sich selber, das ist der menschenfeindliche Slogan des Kapitalismus“, kritisierte Geissler. Ein „hündisches Kriechen vor der Macht des Geldes“ sei an der Tagesordnung, wetterte der CDU-Politiker, der von 1977 bis 1989 Generalsekretär seiner Partei war und im Mai 2007 der globalisierungskritischen Organisation Attac beitrat. Die Menschen müssten sich besinnen „auf die beste ökonomomische Philosophie, die der Mensch je geschaffen hat: die soziale Marktwirtschaft“
„Was wir brauchen, ist social business und internationale sozialökologische Marktwirtschaft“, erklärte Heiner Geissler. Er dankte Muhammad Yunus „dafür, was er in dieser Hinsicht geleistet hat“.
VORREITER DER SOZIALEN WIRTSCHAFT
Muhammad Yunus, der Gründer der Grameen Bank in Bangladesch, die Kleinstkredite an die Armen vergibt, berichtete in seinem humorvollen Vortrag von den Widerständen, die ihm von der etablierten Wirtschaft, der Bankenwelt und der Bürokratie entgegengebracht wurde. Die „Bank der Armen“, die heute mehr zehn Millionen Kreditnehmer (96% davon Frauen) vorweisen kann, ist heute im Besitz der Armen selbst. Jeder Kreditnehmer erwirbt automatisch Anteile an der Bank, die das größte Unternehmen des bitter armen Landes geworden ist.
Yunus zufolge wurde er, als er der ersten armen Frau in Bangladesch Geld für ein Mobiltelefon lieh, von einem Regierungsbeamten gefragt: „Wen will diese Frau anrufen?“ Er machte ihm klar, dass das Geschäftsmodell darin bestehe, dass die Frau ihr Telefon für Gespräche anderer Dorfbewohner vermietet und mit dem Erlös ihr Geschäft aufbaut. Der Beamte habe eingewandt, die Analphabetin könne die Zahlen auf dem Telefon nicht erkennen. Yunus daraufhin: „There are only ten numbers in the world. If she knows this numbers bring money, she will learn it in ten minutes.“
Yunus sagte, er sei ein starker Befürworter der Informationstechnologie geworden. „Das Problem der Armut ist die Isolation“, betonte der 68jährige Wirtschaftswissenschaftler, der 2006 den Friedensnobelpreist erhielt. Die Kommunikation von Mensch zu Mensch durchbreche diese Isolation.
Yunus plädierte für mehr Investitionen in ein „social business“. Nicht Mildtätigkeit (charity), sondern Investitionen in die Armen seien der Weg. Es gelte „Institutionen statt Projekte zu gründen“. Als Beispiel nannte Yunus eine von der Grameen Bank gegründete Augenklinik, die durch eine einfache Operation den weit verbreiteten Grauen Star behandelt. Die Klinik benötige keine laufenden Zuschüsse, weil die Kranken einen Kleinkredit aufnehmen und in ein oder zwei Jahren wieder abzahlen könnten. Das investierte Geld werde dadurch „recycelt“ und stehe für die Investition in weitere Kliniken wieder zur Verrfügung.
SORRY, WAIT A MINUTE
Die Grameen Bank investiere derzeit insbesondere in die Solarenergie, berichtete Muhammad Yunus. Erstes Ziel sei es gewesen, 100 Solarenergieanlagen für Privathaushalte pro Monat zu verkaufen. Mittlerweile setze man mehr als 8.000 „home solar systems“ monatlich ab. Die Menschen in den armen Dörfern hätten so Elektrizität zur Verfügung und könnten jetzt nicht mehr nur bei Tageslicht ihrem Broterwerb nachgehen.
Den Erfolg seiner Ideen liest Yunus nicht nur an den Geschäftszahlen der Grameen Bank ab, an der er selbst keine Anteile besitzt. Als er die Frau, der er per Kredit das erste Mobiltelefon geliehen hatte, nach sechs Monaten wieder aufsuchte, klingelte während des Gespächs das Telefon. „Sorry, wait a minute“, habe sie gesagt, und sich erst einmal ihren Geschäften gewidmet.




