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AWZ: Ländliche Entwicklung von großer Bedeutung für Armutsbekämpfung

Foto: Bauer in Bangladesch (c) GTZ/Heine

Berlin (epo.de). – Die Bedeutung der ländlichen Entwicklung für die Armutsbekämpfung und die Ernährungssicherheit haben Experten bei einer öffentlichen Anhörung des Ausschusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (AWZ) im Deutschen Bundestag betont. Die Sachverständigen wiesen auch darauf hin, dass bei allen Programmen zur Unterstützung der ländlichen Entwicklung insbesondere in Entwicklungsländern die lokale Bevölkerung mit eingebunden werden müsse. Die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen forderte, die Produktionsbedingungen für die kleinbäuerliche Landwirtschaft müssten verbessert werden.



Die Landwirtschaft sichert in vielen Entwicklungsländern das Einkommen von 80 Prozent der Bevölkerung. Professorin Suman Sahai vom International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development (IAASTD) verwies auf Erfahrungen aus Indien. Dort sei beim Bau von Verbindungsstraßen vom Land in die Stadt auf die Empfehlungen der dort lebenden indigenen Bevölkerung eingegangen worden. Gleiches sei beim Bau eines großen Staudammes passiert.

„Ein externer Ingenieur kann niemals das Wissen der Einheimischen vor Ort ersetzen“, sagte Sahai, die den „integrativen Ansatz“ im Bericht des Weltagrarrates zur ländlichen Entwicklung begrüßte. Demnach dürfe es nicht nur um die Erhöhung der Produktivität der Bauern gehen, sondern auch um deren Ernährung, Bildung, die Infrastruktur und die Gesundheit: „Die besten Programme sind nutzlos, wenn die Menschen krank werden.“

Von Intensivierungsanreizen bei der ländlichen Entwicklung angesichts steigender Agrarpreise sprach Professor Theo Rauch vom Institut für Geographische Wissenschaften in Berlin. Rauch stellte jedoch fest: „Wir werden von der Entwicklung auf dem falschen Fuß erwischt.“ Männer würden vielfach in die Städte gehen, da dort ein besseres Einkommen zu erzielen sei. Die Landwirtschaft müsse vielfach von Frauen und Kindern bewältigt werden. Auf dieses Problem hatte auch Professorin Sahai verwiesen, die forderte, das „Prestige“ für Berufe in ländlichen Bereichen zu stärken.

KLEINBAUERN OHNE PERSPEKTIVE?

Leitbild bei der ländlichen Entwicklung könne nicht der Kleinbauer sein, sagte Michael Brüntrup vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE) in Bonn. Aus seiner Sicht biete dies „keine Perspektive“, da Kleinbauern auf dem Markt nicht bestehen könnten. Große Zukunft hingegen hätten Familienbetriebe, die kommerziell orientiert sind.

Grundsätzlich sei es schwierig, allgemeine Empfehlungen für die ländliche Entwicklung zu geben, so Brüntrup, da es oft „starke kulturelle Eigenheiten und Diversität“ gebe. Nötig seien daher „standortspezifische Lösungsansätze“, die gemeinsam mit der ländlichen Bevölkerung erarbeitet und umgesetzt werden müssten.

Auf die Bedeutung eines „Landrechtes“ im Rahmen des traditionellen Gefüges verwies Ides de Willebois vom International Fund for Agricultural Development (IFAD). Seine Organisation, so de Willebois, biete Finanzdienstleistungen für ländliche Regionen an, um den Kauf von Düngemittel, Transportmöglichkeiten und Bewässerungsanlagen zu gewährleisten.

Im Jahre 2006 hätten die Industrienationen 300 Milliarden Dollar für Entwicklungsländer zur Verfügung gestellt. Die IFAD sorge dafür, dass dieses Geld dort auch ankomme. Dabei sehe man in Bauernverbänden wichtige Partner, die einen Beitrag zu mehr Demokratie und „Good Governance“ leisten könnten.

Gegen eine weitere Liberalisierung des Agrarmarktes wandte sich Bernhard Walter von Brot für die Welt. Wie auch der Evangelische Entwicklungsdienst und das Hilfswerk Misereor sei man der Ansicht, dass dies weder zur ländlichen Entwicklung noch zur Lösung der Hungerproblematik beitrage. Vielmehr müssten die EU-Exportsubventionen für Agrarprodukte beendet und eine Wende in der europäischen Agrarpolitik herbeigeführt werden.

JAHRELANG VERNACHLÄSSIGT

„Zur Lösung der Welternährungskrise bedarf es dringend einer Rückbesinnung auf die Bedeutung der ländlichen Entwicklung“, erklärte Thilo Hoppe, Sprecher der AG Globalisierung, Global Governance und Welthandel der Fraktion der Grünen und AWZ-Vorsitzender, zu den Ergebnissen der Anhörung. Jahrzehntelang sei der ländliche Raum von der herrschenden Politik in Entwicklungsländern und von der Entwicklungszusammenarbeit vernachlässigt worden. Jetzt sei ein grundsätzlicher Perspektivenwechsel notwendig, der zwei Dinge miteinander verbinde: „die Bereitschaft, mehr Geld für die ländliche Entwicklung einzusetzen und neue Ansätze der Förderung zu erarbeiten, die der Herausforderung des Klimawandels für die Welternährung gerecht werden“.

Hoppe forderte, die Produktionsbedingungen für die kleinbäuerliche Landwirtschaft müssten verbessert werden. Dabei sei zu beachten, dass eine nachhaltige Entwicklung von lokalen Voraussetzungen abhängig sei. „Weltweite Blaupausen funktionieren hier nicht.“ Bei der notwendigen Produktionssteigerung müssten standortspezifische sowie ökologische und soziale Belange berücksichtigt werden – ganz im Sinne des Ansatzes des Weltagrarrates (IAASTD).

Grüne Gentechnik werde „keinen Beitrag zur Lösung für die Welternährungskrise liefern“, betonte Hoppe. „Im Gegenteil: Gentechnik ist mit hohen ökologischen Risiken behaftet. Zudem treibt sie Kleinbauern in die Abhängigkeit von Saatgutmonopolisten und damit in eine Schuldenfalle.“

Eine zentrale Gefahr besteht aus der Sicht der Grünen in der „fehlgeleiteten Agrarexportpolitik der Industrieländer, wie sie beim internationalen Agrarministertreffen vergangenes Wochenende in Berlin propagiert wurde: Die Wiederaufnahme der EU-Exportbeihilfen für Milchprodukte für europäische Bauern zerstört Agrarmärkte der Entwicklungsländer und forciert den Hunger, den alle vorgeben, bekämpfen zu wollen.“

Foto: Bauer in Bangladesch © GTZ/Heine

 

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