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„Gandhi versus Rambo“: Was kann ziviler Friedensdienst leisten?

Flüchtlinge in Goma, Kongo. Foto: Salesianer

Berlin (epo.de). – Das Plakat zeigt eine Landschaft, eine Straße, eine Hütte. “Keine Gewehre. Kein Minenfeld. Keine Leichen. Keine Flüchtlinge. Kein Krieg. Das ist auch unser Erfolg”, hat der Weltfriedensdienst (WFD) darauf gepinselt. Der WFD begann vor 50 Jahren damit, friedliche Wege der Konfliktlösung zu konzipieren und umzusetzen. Auch bei der Verwirklichung von Projekten des Zivilen Friedensdienstes (ZFD), die von der Bundesregierung seit zehn Jahren unterstützt werden, ist der WFD dabei. Anlass genug, in der Berliner Urania zu feiern. Da wirkt das Statement ernüchternd, das die prominente Ökonomin und Friedensforscherin Mary B. Anderson aus Cambridge abgibt: “Wir wissen nicht wie Frieden entsteht und wie Konflikte verhindert werden.”


“Gandhi versus Rambo – Was schafft zivile Friedensarbeit, was militärische Einsätze nicht leisten können?”, ist die Podiumsdiskussion beim internationalen WFD-Symposium überschrieben, an der Mary Anderson teilnimmt. Sie setzt noch eins drauf: “Wir sind nicht so gut, wie wir sein sollten.” Auch zivile Friedensarbeit müsse sich an ihrer Effektivität messen lassen.

Für Tilman Evers, den Vorsitzenden des Forums Ziviler Friedensdienst, sind die “failing states nicht die Ausnahme, sondern die Regel”. In “nur fünf Staaten” habe es seit dem 2. Weltkrieg keinen Konflikt gegeben, in 40 Ländern gebe es UN-Militärmissionen und -Friedenseinsätze.

KONFLIKT IST NICHT KONFLIKT

Die Fakten sprechen eine unterschiedliche Sprache, je nachdem, was man unter „Konflikt“ versteht. Seit 1945 und vor allem seit dem Ende des Kalten Krieges ist die Zahl der mit Waffen ausgetragenen zwischenstaatlichen Konflikte drastisch zurückgegangen, die Zahl der Toten in diesen Konflikten sowieso. “Diese Fakten sind noch weithin unbekannt, teilweise weil es keine verlässlichen, offiziellen globalen Statistiken gibt”, so das Human Security Resource Center im letzten Bericht über menschliche Sicherheit. Ein anderer Grund: Die Medien berichten stets über neue oder neu entflammte politische Gewalt, aber selten über Konflikte, die mehr oder weniger stillschweigend eingestellt werden. Allein zwischen 1989 und 2002 gingen so rund 100 bewaffnete Auseinandersetzungen zu Ende.

Konflikte 1946-2005. Quelle: HRS

Die Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung (AKUF) am Institut für Politische Wissenschaft der Universität Hamburg kam im Dezember 2008 zu dem Ergebnis, die Zahl der Kriege und bewaffneten Konflikte sei “auf dem niedrigsten Stand seit 1993”. Ende 2008 gab es demnach weltweit 40 gewaltsame Auseinandersetzungen. Das Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung (HIIK) hingegen misst Konflikte niedriger, mittlerer und hoher Intensität für seinen “Conflict Barometer” und zählte 2008 zu den “insgesamt 345 beobachteten Konflikten” 39 “hochgewaltsame Auseinandersetzungen, darunter neun Kriege”, sowie “95 gewaltsame Krisen, d.h. Konflikte, in denen sporadisch Gewalt eingesetzt wird”. Nach diesem Ansatz ist die Zahl der Konflikte seit 1945 weltweit kräftig gestiegen (siehe Grafik). 

Konflikte 1945-2008. Quelle: HIIK

FRÜHWARNUNG VERSAGT

Die Diskussion in der Urania dreht sich unter anderem um die Frage, wie Konflikte so rechtzeitig erkannt werden können, dass sie nicht zu kriegerischen Auseinandersetzungen werden. Ein bis eineinhalb Jahre vergehen in der Regel, räumt Tilman Evers ein, ehe eine Friedensfachkraft so gut ausgebildet ist, dass sie in ein Konfliktland entsandt werden kann.

Klaus Liebetanz, Major a.D. und Fachberater für Katastrophenmanagement beim Auswärtigen Amt, sieht im Referat 210 des Entwicklungsministeriums (BMZ) „das einzige gute humanitäre Lagezentrum“. Doch BMZ-Staatssekretär Erich Stather dementiert sogleich: „Wir schaffen es im BMZ nicht, entstehende Konflikte rechtzeitig zu erkennen und langfristig zu verfolgen“. Und auf die Berichte der deutschen Botschaften im Ausland will er sich auch nicht verlassen: „Die lesen das auch nur in der Zeitung.“

Der sicherheitspolitische Sprecher der Bündnisgrünen im Bundestag, Winfried Nachtwei, führt den „CNN-Faktor“ an: Erst wenn die großen Fernsehnetzwerke über Konflikte berichten, reagieren Öffentlichkeit und Politik. Die Frage ist deshalb, ob es etwas ändert, wenn die Zivilgesellschaft in den entsprechenden Ländern besser in Frühwarnsysteme eingebunden wird. In Kenia hätten die blutigen Auseinandersetzungen nach den Wahlen 2008 gezeigt, dass die Gewalt mit Hilfe ziviler Netzwerke schnell angegangen werden kann, sagt Mary Anderson.

AFGHANISTAN – EIN DESASTER

Mary B. Anderson ist die Erfinderin des „Do No Harm“-Ansatzes, der weltweit als Blaupause für die Planung und Umsetzung von Hilfsmaßnahmen in Konfliktsituationen verwendet wird. Die 69jährige leitet die Organisation „Collaborative for Development Action“ (CDA) und wurde von der New York Times zur „einflussreichsten Theoretikerin der humanitären Welt“ erkoren. Sie spricht einen wunden Punkt an, als es um Afghanistan geht: Die Afghanen kennen traditionell keine Zentralregierung und es fehlt die vereinende Infrastruktur. Die Hilfe von außen ist nicht nur militärlastig, sie zersplittert das Land auch immer mehr. Sie raubt der ohnehin schwachen Regierung unter Hamid Karsai zusätzlich Kapazität, das Heft im eigenen Land in die Hand zu nehmen.

Die Fachleute sind sich mit Klaus Liebetanz einig, der beklagt, dass den NATO-Militärs in Afghanistan 570 Millionen Euro zur Verfügung stünden, den Entwicklungshelfern und Friedensfachkräften aber nur 170 Millionen. „Das Verhältnis müsste umgekehrt sein.“

„Das war von vornherein ein militärisch dominierter Ansatz“, sagt Staatssekretär Stather. Und er spricht offen an, was jeder informierte Beobachter weiß, die NATO-Führung aber ungern zugeben würde: „Die Taliban haben mehr Rückhalt in der Bevölkerung als die Regierung Karsai.“ Und: „Auch die Bundeswehr wird dort als Besatzungsarmee gesehen.“

Wo bleiben die Friedensfachkräfte für Afghanistan? „Der Zivile Friedensdienst kann keine verfahrende Situation rausreißen!“, sagt Tilman Evers. Und er findet, dass auch die UN-Blauhelm-Einsätze schon vom Ansatz her falsch sind. “Eine Art Völkerrechtspolizei” müsste her. Soldaten, die einen Feind brauchen, seien fehl am Platz, wenn es darum geht, nicht gewaltfrei, aber unter Wahrung der Verhältnismäßigkeit der Mittel das geltende Recht wiederherzustellen.

Nur einmal meldet sich Mduduzi Molefe zu Wort, ein Peacebuilding-Experte aus Südafrika, der die Organisation Sinani in KwaZulu-Natal leitet und sich aktiv am Kampf gegen die Apartheid beteiligt hat. Er rät den deutschen Freunden, die eigenen Ansprüche etwas niedriger zu schrauben. „Es ist nicht Deutschlands Aufgabe, sich überall in der Welt einzumischen.“

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