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Entwicklungsträger in der DR Kongo

Manfred Schulz (Hg.), Entwicklungsträger in der DR Kongo – Entwicklungen in Politik, Wirtschaft, Religion, Zivilgesellschaft und Kultur, LIT Verlag, Berlin, Reihe Spektrum Band 100, 2008, 754 Seiten, 49.90 EUR.

 
CoverDas wachsende Interesse an Afrika nennt Manfred Schulz, emeritierter Professor für Entwicklungssoziologie der Freien Universität Berlin, als Anlass für seine Herausgabe dieses umfangreichen Kongo-Kompendiums. Das öffentliche Interesse an der Demokratischen Republik Kongo (DR Kongo) nahm sogar sprunghaft zu, als dort 2006 die Bundeswehr den unerwartet friedlichen Verlauf der ersten demokratischen Wahl nach fast einem halben Jahrhundert sichern half. Angesichts verbreiteten Staatsversagens bis hin zu Staatszerfall und schweren Menschenrechtsverletzungen, für die der Kongo gern als Musterbeispiel angeführt wird, haben in Afrika ausländische Interventionen mit und ohne UN-Mandat Hochkonjunktur. Da sind tiefgründige Problemanalysen, die auf die Entwicklungsproblematik fokussieren, dringend notwendig. Und sie für einen breiter werdenden Interessentenkreis zugänglich zu machen, ist höchst verdienstvoll.
 
Das Buch enthält eine Sammlung von 51 Beiträgen, die zu fünf Themenblöcken zusammengefasst sind. Der erste Abschnitt mit 14 Beiträgen führt im Sinne einer Situationsanalyse in die Hauptprobleme der Entwicklung der DR Kongo ein. Dabei liegt ein Schwerpunkt auf der Darstellung des Rohstoffreichtums: Holz – im Kongobecken befinden sich nach dem Amazonasgebiet die größten tropischen Regenwälder der Erde -, Diamanten in der Provinz Kasai, Kupfer und Kobalt in Katanga, Coltan in Kivu.

Der zweite Abschnitt mit 17 Beiträgen widmet sich den aktuellen Entwicklungen in den Funktionsbereichen Politik, Wirtschaft, Religion, Zivilgesellschaft und Kultur. Die gemeinsame Klammer ist das Problem mangelhafter Staatlichkeit. Es zeigt sich jedoch, dass eine Fixierung auf dieses Problem dazu tendiert, die Potenziale der nicht-staatlichen Akteure zu vernachlässigen.

Zehn weitere Beiträge befassen sich mit der multilateralen, bilateralen und zivilgesellschaftlichen Entwicklungszusammenarbeit: IWF, Weltbank, EU, UNDP und die UN-Friedensmissionen sowie deutsche staatliche und nichtstaatliche Organisationen. Im folgenden Kapitel mit sechs Beiträgen werden Ergebnisse des Entwicklungsprozesses im nationalen, aber auch regionalen und internationalen Rahmen dargestellt.

Den Schluss bilden Einschätzungen drei deutscher Bundestagsabgeordneter, die sich für die DR Kongo engagieren. Gerade in diesen persönlichen Sichtweisen und Erfahrungsberichten zeigt sich eine Stärke des Buchs: seine Realitätsnähe.

Als Anhang gibt der Herausgeber einen Überblick über die zahlreichen Beiträge mit kurzer Inhaltsangabe, der hilft, je nach Interessen und Bedarf selektiv zu lesen, was angesichts der großen Zahl der Beiträge notwendig und vom Herausgeber auch empfohlen wird.
 
Zu den Highlights des Buchs gehören die Beiträge von Salua Nour, einer aus Ägypten stammenden Politikwissenschaftlerin, die nach Afrikaforschung und Lehrtätigkeit an der Freien Universität Berlin 17 Jahre in der DR Kongo bzw. Zaire zur Zeit des Diktators Mobutu wirkte. Sie wendet sich vehement gegen das “dominante Kongo-Paradigma”, das die Krise in der DR Kongo zur Ursache der Krise in der Region der großen Seen erklärt, während nach ihrer Analyse die Misere der DR Kongo eher eine Folge der Probleme, Interessen und daraus folgenden militärischen Interventionen vor allem der Nachbarstaaten Ruanda und Uganda ist.
 
Der angesichts von Staatsversagen enorm gewachsenen Bedeutung der zivilgesellschaftlichen Entwicklungsaktivitäten wird mit einer größeren Zahl von Beiträgen Rechnung getragen, darunter auch zur Rolle der Kirchen. Dem wachsenden Zulauf zu den charismatischen Kirchen und religiösen Strömungen versuchen die Großkirchen mit verstärktem sozialen und Entwicklungsengagement zu begegnen. Ohne ihr Engagement in der Bildung und bei der Gesundheitsversorgung gäbe es in der DR Kongo keine Schulen mehr und die durchschnittliche Lebenserwartung wäre noch weiter zurück gegangen.

Salua Nour verdeutlicht in ihrem Beitrag die Stärken und Schwächen der kongolesischen Zivilgesellschaft. Sie unterstreicht: In den Auseinandersetzungen mit den autokratischen Regimes sei sie weiter gereift, als in vielen anderen afrikanischen Ländern.
 
Bei den Beiträgen zur Kultur, die manche Theoretiker zum wichtigsten Faktor von Entwicklung oder Unterentwicklung erklären, werden ebenfalls Stärken und Schwächen deutlich. Einerseits wäre angesichts der extremen Widrigkeiten im Kongo ein Überleben der Menschen ohne den von Pamphile Mabiala Mantuba-Ngoma betonten starken Gemeinschaftsgeist, die soziale Solidarität, die spirituelle und positive Lebenssicht, eine uralte Praxis der partizipativen Demokratie und des kulturellen Pluralismus schwer vorstellbar. Andererseits müsse leider festgestellt werden, dass die Unterentwicklung Kongos wegen einiger kultureller Faktoren weiterbesteht, zu denen besonders Magie und Hexenwahn zählen; auch Christentum und Islam würden durch solche traditionellen religiösen Vorstellungen unterwandert.
 
Ein eindrucksvolles Dokument ist der Bericht des Vorsitzenden der Wahlkommission der Wahl von 2006, Apollinaire Malu Malu, zeigt er doch einen großen, von vielen Beobachtern nicht erwarteten Erfolg demokratischer Staatlichkeit, der das Fundament der neueren politischen Entwicklung der DR Kongo bildet. Dieser Erfolg international konzertierter Anstrengungen wird im Vergleich zu den ersten demokratischen Wahlen von 1960 und dem Debakel, das darauf folgte, deutlich. Franz Ansprenger, Doyen der deutschen Afrika-Politikwissenschaft, zeichnet den damaligen Einsatz der Vereinten Nationen (MONUC) nach.  
 
Die Orientierung des Buchs auf die Entwicklungsproblematik in einem umfassenden Verständnis von Entwicklung, das politische, historische, soziale, ökonomische, kulturelle, insbesondere auch religiöse Dimensionen umschließt, hat nicht nur den Vorzug, für Akteure besonders der Entwicklungszusammenarbeit relevante Problemanalysen und Einschätzungen zu liefern. Sie vermeidet auch einzelwissenschaftliche Sackgassen, in die vor allem die afrikabezogene Politikwissenschaft immer wieder gerät, mit reduktionistischen Theoremen wie z.B. dem vom “Neopatrimonalismus”, der vermeintlich eine afrikanische Besonderheit sei.

Sehr wichtig ist die Einbeziehung vieler kongolesischer Autorinnen und Autoren – trotz des Mangels, dass ihre Beiträge in Französisch veröffentlich sind. Sie bringen eine dringend notwendige Erweiterung der Sichtweise und verleihen dem Buch einen Dialogcharakter. Damit unterscheidet sich der Band wohltuend von der üblichen wissenschaftlichen Afrikaliteratur in Deutschland, der Afrikaberichterstattung in den Medien und dem entwicklungspolitischen Diskurs insgesamt, die allesamt in hohem Maß selbstreferentiell sind. Das heißt: Afrikanische Wissenschaftler, Journalisten und Entwicklungsexpertinnen und Experten sind in der Regel kaum beteiligt und werden als inkompetent abgetan.

Diese intellektuelle Inzucht ist so weit fortgeschritten, dass sie gar nicht gemerkt wird. Angesichts tatsächlicher Schwächen auf der afrikanischen Seite fördert dieser beschränkte Horizont neokoloniale Sicht- und Herangehensweisen. Vor dem Hintergrund dieser Defizite kann der von Schulz gewählte Ansatz kaum hoch genug eingeschätzt werden.
 
Angesichts der heftigen – leider ja sehr blutigen – Auseinandersetzung über das, was Saloua Nour das “dominante Paradigma” bezeichnet, wäre es zu begrüßen gewesen, die Vertreter des “dominanten Paradigmas” wären in dem Buch selbst ausführlicher zu Wort gekommen. Zwar scheinen die Kongolesen relativ einig gegen die militärischen Interventionen und wirtschaftlichen Raubzüge aus Ruanda und Uganda – indirekt stärken diese sogar das kongolesische Nationalgefühl. Aber ein Sieg der einen über die andere Seite ist auf absehbare Zeit schwer vorstellbar. Deshalb sollte daran gearbeitet werden, einen Ausgleich der Positionen zu erreichen, ohne den Stabilität und Frieden im Kongo langfristig nicht erreicht und gesichert werden können.
 
Im Kongo und der kongolesischen Diaspora ist auch eine Position populär, die die politische Entwicklung in der DR Kongo als Ergebnis von Rivalitäten externer Großmächte, früher zwischen den USA und der Sowjetunion, heute zwischen den USA und Frankreich sieht. Auch hier wäre eine Auseinandersetzung mit solchen, in der heutigen Situation oft verschwörungstheoretischen Positionen in Teilen der kongolesischen Intelligenz nützlich, vor allem für die, die mit ihr zusammenarbeiten.

Trotz solcher kritischen Randnotizen – angesichts des schon vorhandenen Umfangs des Buchs – bleibt festzuhalten: Der Sammelband ist für diejenigen, die sich in der Entwicklungszusammenarbeit mit der DR Kongo engagieren, von großem Nutzen und eine Pflichtlektüre. Es wäre sehr wünschenswert, sein Dialogcharakter würde auch noch dadurch erhöht, dass die Beiträge in deutscher Sprache für die überwiegend frankophonen Kongolesen und für internationale Kongointeressierte in Französisch übersetzt würden.

Dr. Konrad Melchers

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