
Ein Deutscher isst durchschnittlich elf Kilogramm Schokolade pro Jahr, ein Schweizer zehn. Dass sowohl die Kinder als auch die Plantagenbesitzer in völliger Abhängigkeit von den internationalen Kakaopreisen leben, wisse kaum jemand, so das Südwind-Institut und die Steyler Mission. Die Schokoladenindustrie mache weltweit einen Umsatz von rund 70 Milliarden Euro pro Jahr. Die Bauern erhielten von den Aufkäufern der Kakaobohnen, den „Pisteurs“, im Schnitt 75 Cent pro Kilo – die Grundlage für rund 40 Tafeln Schokolade. Preisgarantien gebe es keine.
Die Bauern könnten nur bei der einzigen kalkulierbaren Größe sparen: der Arbeitskraft, so die NGOs. „Für viele von ihnen ist das Anheuern von Aushilfen während der Erntezeit schlichtweg nicht finanzierbar“, sagt Friedel Hütz-Adams von Südwind. Und Kinder seien am billigsten. In der Regel seien es die eigenen Kinder, die die Bauern bei der Ernte einsetzen. Ganz unten in der Hierarchie der Arbeiter stünden jedoch fremde Kinder aus den umliegenden, noch ärmeren Ländern wie Mali, Burkina Faso, Togo oder Benin. Sie würden von Menschenhändlern auf die Plantagen der Elfenbeinküste verkauft. Ihre Besitzer würden sie unbegrenzt ausbeuten und wie Sklaven halten. Ein Kind, um die zehn Jahre alt, koste 120 Euro. Je niedriger der Kakaopreis, desto eher bedienten sich die Plantagenbesitzer bei den Menschenhändlern.
Das Problem der Kinderarbeit sei bei den großen Schokoladenherstellern schon lange bekannt, berichtet Südwind. 2001 hätten die Verbände der Kakao- und Schokoladenindustrie das Harkin-Engel-Protokoll unterzeichnet. In der freiwilligen Vereinbarung verpflichteten sie sich, bis 2004 die schlimmsten Formen der Kinderarbeit zu beenden: Zwangsarbeit, Tätigkeiten, die ein Kind dauerhaft vom Schulbesuch abhalten, das Tragen schwerer Lasten sowie der Umgang mit giftigen Substanzen und mit der Machete.
Die Wirklichkeit sehe jedoch anders aus, so Friedel Hütz-Adams: „Die Umsetzungsfristen des Protokolls wurden mehrfach verlängert, und es zeichnet sich bis heute nicht ab, wann es vollständig erfüllt sein wird.“ Auch von der Schokoladen-Industrie initiierte Projekte wie die International Cocoa Initiative (ICI), die Bildungsveranstaltungen zum Thema Kinderarbeit durchführt, seien höchstens ein Tropfen auf den heißen Stein. Lediglich 2,4 Prozent der Kinder im Alter zwischen fünf und 17 Jahren in den Kakaoanbaugebieten der Elfenbeinküste hatten überhaupt Kontakt zu einem der Projekte, ergab eine Studie des Payson Center for International Development and Technology Transfer an der Tulane University in New Orleans.
Das Südwind-Institut und die Steyler Mission raten den Verbrauchern, sich über Ursprung und Anbaubedingungen von Kakao- und Schokoladeprodukten zu informieren. Derzeit gibt es im Kakaobereich neben einigen kleinen Organisationen drei größere Zertifizierer, die die Einhaltung von sozialen und ökologischen Standards überprüfen und die Produkte mit entsprechenden Siegeln versehen: Fairtrade Labelling Organizations International (FLO), Rainforest Alliance und Utz Certified. Das Siegel garantiert, dass beim Anbau des Kakaos soziale und ökologische Mindeststandards eingehalten wurden.
Die Bauern erhalten für den zertifizierten Kakao von Fairtrade einen garantierten Mindestpreis, der ihnen ein menschenwürdiges Mindesteinkommen sichert, sowie eine Prämie, mit der Sozialleistungen finanziert werden. „Allerdings“, so Friedel Hütz-Adams, „hat der faire Handel bisher nur knapp ein Prozent Anteil am deutschen Markt für Produkte aus Kakao.“




