
„Wir sehen unsere Aufgabe nicht nur in der Rehabilitation traumatisierter Flüchtlinge durch Diagnostik und Therapie, sondern wir unterstützen und begleiten sie auch mit vielen Angeboten, die ihre Integration erleichtern“, sagt Dr. Mercedes Hillen, die ärztliche Leiterin des bzfo. „Das beginnt mit sozialarbeiterischer Hilfestellung und reicht von Deutschkursen bis hin zu ausbildungs- und berufsvorbereitenden Maßnahmen.“ Am 23. Oktober 2012 feiert das bzfo sein 20-jähriges Bestehen.
Die Nachfrage nach Therapieplätzen im bzfo ist größer als die vorhandenen Kapazitäten – daher sind die Wartelisten immer lang. Der Blick allein auf die Krisenregionen im Nahen Osten, zur Zeit besonders Syrien, zeigt, dass der Bedarf an Einrichtungen für die Versorgung von Opfern massiver Menschenrechtsverletzungen nicht geringer wird. Im bzfo fragen vermehrt Flüchtlinge an, die aus Syrien eingereist sind.
Die aufgenommenen syrischen Folterüberlebenden seien akut belastet, berichtet das bzfo. „Wenn die EU und damit auch Deutschland nicht eine strikte Abschottungspolitik fahren würden, wäre die Zahl der Anmeldungen aus Syrien sicherlich um einiges höher“, kritisiert die Organisation. Die Türkei, die selbst ca. 80.000 Flüchtlinge aufgenommen hat, stelle jetzt klare Forderungen an die EU, Menschen aus Syrien aufzunehmen.
Im Januar 2012 lief die Förderung der EU für die Behandlung von Folteropfern aus, die einen wesentlichen Baustein der Finanzierung ausmachte. Vor diesem Hintergrund fordert Richard Grünberg, kaufmännischer Leiter des bzfo: „Die zunehmenden Flüchtlingsströme erfordern von Brüssel eine weitere Förderung. Wenn hier kein Umdenken stattfindet, ist die Bundesregierung auf nationaler Ebene gefragt.“
Heute betreut das bzfo etwa 500 Patientinnen und Patienten aus rund 50 Ländern, die in ihrer Heimat körperliche und seelische Verletzungen erlitten haben. Die Ambulanzen für Erwachsene sowie für Kinder und Jugendliche behandeln besonders häufig chronische Schmerzzustände, Schlafstörungen, unkontrollierbare Erinnerungen, psychosomatische Beschwerden, Gedächtnisstörungen und schwere Depressionen.
Der multidisziplinäre Mitarbeiterstab leistet medizinische und psychotherapeutische Hilfe nach einem ganzheitlich psychosomatisch orientierten Konzept. Psychisch schwer Erkrankte finden in der Tagesklinik des bzfo Deutschlands einzige interkulturell abgestimmte, teilstationäre Therapiemöglichkeit. Die Tagesklinik arbeitet in Kooperation mit der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité Berlin Campus Mitte. Ein vom bzfo eigens dafür ausgebildetes Dolmetscher-Team begleitet alle Behandlungen. Insgesamt beschäftigt das Behandlungszentrum sechzig feste Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
1992 hatten engagierte Ärzte das bzfo gegründet. Seit 1998 hat das bzfo im deutschen Sprachraum als einzige Einrichtung für Folter- und Kriegsopfer eine eigene Forschungsabteilung, die praxisnah Module für Diagnostik und Therapie entwickelt. Die hauseigene Bibliothek verfügt über eine einzigartige Sammlung von heute mehr als 38.000 Medieneinheiten zu Verletzungen der Menschenrechte und den Folgen.
2005 übernahm das bzfo die Trägerschaft für das Zentrum für Flüchtlingshilfen und Migrationsdienste (zfm). Damit wurde die bis dahin hauptsächlich auf Rehabilitation ausgerichtete Arbeit des bzfo um ein breites Angebot zur sozialen und beruflichen Integration von Flüchtlingen erweitert. 2007 wurde ein betreuter Wohnverbund für Migrantinnen eingerichtet. Hier erhalten schwer traumatisierte Frauen bei Bedarf ein geschlechtsspezifisches Betreuungs- und Behandlungsangebot.
International engagiert sich das bzfo ebenfalls stark: Um traumatisierte Menschen auch vor Ort versorgen zu können, gründete das bzfo 2005 als weltweit erste Organisation ein Rehabilitationszentrum für Folteropfer im Nordirak. Weitere Gründungen folgten, heute sind es insgesamt sechs Zentren im kurdischen Teils des Irak. Außerdem nutzen viele Menschen aus dem arabischen Sprachraum das bzfo-Projekt „Ilajnafsy“, eine Online-Schreibtherapie. Sie ermöglicht Menschen, die unter einer posttraumatischen Belastungsstörung oder einer Depression leiden, auf diesem Weg therapeutische Hilfe.




