
Die Flüchtlinge aus dem Bürgerkriegsland Somalia und dem einstigen Hoffnungsträger – und heute zunehmend autoritär regierten – Eritrea hatten Medienberichten zufolge ihr Boot angezündet, um auf sich aufmerksam zu machen, weil sie in Seenot geraten waren. Rund 500 Menschen waren an Bord. Die Zahl der Opfer, die am Ufer der italienischen Insel Lampedusa aufgebahrt wurden, dürfte weiter nach oben klettern. Nur etwa 150 Flüchtlinge konnten gerettet werden.

„Es ist eine Schande“, sagte der Papst jetzt zu den neuen Toten. Er hätte einige der Schuldigen benennen können. Etwa die Politiker, die sich Lobbygruppen beugen und Europas Hochsee-Fischereiflotte dabei unterstützen, die Küsten vor Westafrika leerzufischen. Westafrikanische Regierungen und die Entourage der Reichen und Mächtigen erhalten Millionensummen von der Europäischen Kommission, um sie für die entgangenen Einnahmen aus der Fischerei zu entschädigen. Viel Geld verschwindet in dunklen Kanälen.
Den arbeitslosen Fischern und ihren Familen bleibt nur die Hoffnung, dass ein Sohn oder Vetter in Europa einen miesen Job ergattert. Oft wird im Familienkreis gesammelt, um das Fluchtgeld zusammenzubringen, das die Banden von Fluchthelfern für ihre Dienste einstreichen. Wer von den Migranten Europa erreicht, gilt als „Scheinasylant“ oder „illegaler Flüchtling“, dem das Asylrecht zu verweigern ist. Doch „kein Mensch ist illegal„!
Die Statistiken widersprechen sich. Rund 7.800 Migranten haben nach Schätzungen des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) allein im ersten Halbjahr 2013 Asyl an Italiens Küste gesucht. 40 Flüchtlinge starben beim Versuch, mit einfachen Booten die euroäische Küste zu erreichen – oder besser: 40 der verzweifelten Afrikaner sind bekanntermaßen dabei ums Leben gekommen. 6.700 starteten in Libyen und anderen Regionen Nordafrikas. Viele von ihnen hatten schon einen weiten Weg hinter sich, stammen von der Ostküste (Eritrea, Somalia) oder schwarzafrikanischen Ländern südlich der Sahara. Auch Migranten aus Ägpten, Pakistan oder Syrien sind unter ihnen.
Zu Zeiten von Diktator Muammar al-Gaddafi war Libyen selten der Ausgangspunkt der Reise über das Mittelmeer. Die europäischen Staaten bezahlten den Despoten dafür, die Flüchtlinge in Lager zu sperren und an der Überfahrt in unser gelobtes Land zu hindern. Nicht wenige von ihnen wurden nach dem Sturz Ghaddafis zwangsweise auf die Rückreise durch die Sahara geschickt – zu Fuss. Seit nationalistische Rebellen und islamische Stammeskrieger die Macht übernommen und chaotische Verhältnisse geschaffen haben, kümmert sich in Libyen kaum mehr jemand um die Armuts- und Bürgerkriegsflüchtlinge aus Schwarzafrika.
Unsere europäischen Regierungen – und viele ihrer Bürgerinnen und Bürger – wollen die Migranten nicht in Italien, Deutschland oder Österreich. Viel Geld wird dafür ausgegeben, sie in Afrika zu belassen – Entwicklungshilfe, humanitäre Hilfe, Militär- und Polizeihilfe. Geheimdienste und eine eigene europäische Grenztruppe namens FRONTEX – überwachen die Grenzen der Festung Europa, um ja keinen der „illegalen“ Flüchtlinge ins Land zu lassen.
Seit vergangenem Jahr befassen sich zwei neue EU-Initiativen mit der Grenzüberwachung: das „Europäische Grenzkontrollsystem“ (EUROSUR) und die Initiative „smart borders“ („intelligente Grenzen“), die im Kern die Einrichtung eines „Einreise-/Ausreisesystems“ EES (Entry-Exit System) vorbereiten sollen. Aber es regt sich auch Protest gegen die Aufrüstung Europas zur elektronischen Festung.
Mit Drohnen und hochauflösenden Kameras, Satellitensystemen und Offshore-Sensoren soll FRONTEX im Rahmen von EUROSUR Flüchtlingsboote aufspüren, bevor sie die europäischen Grenzen erreichen. Was aber mit den Aufgegriffenen geschehen soll, geht aus den Papieren der EU-Kommission nicht hervor. Seenotrettungseinheiten sind laut einer Studie der Heinrich-Böll-Stiftung nicht in den Datenaustausch mit den Grenzschützern eingebunden.

Europa ist der Hort von Vernunft und Aufklärung, wir verwalten das Erbe klassisch-griechischer Humanität und predigen christliche Nächstenliebe. Und wir sind Scheinheilige. Die Landkreise und Kommunen suchen verzweifelt nach Unterkünften für die wenigen Asylbewerber – derzeit vor allem Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien, auch einige Armutsflüchtlinge aus zugrunde gewirtschafteten „Reformländern“ Osteuropas. Finden Sie einen Platz, ist prompt eine neue Bürgerinitiative zur Stelle, die dagegen protestiert. Deutschland braucht Zuwanderer, damit die Nation nicht ausstirbt – aber nicht in unserer Nachbarschaft.
Na dann Prost, am Tag der Deutschen Einheit.




