Berlin/Zürich. - Ein Jahr nach dem Einsturz des Rana Plaza-Gebäudes in Bangladesch fällt die Bilanz über die seither von der Textilindustrie geleisteten Anstrengungen gemischt aus. Zwar haben mehr als 150 Unternehmen das Abkommen über Gebäudesicherheit unterschrieben. Die ersten Fabrikinspektionen hatten im Winter begonnen. Bei der Entschädigung der Opfer und Hinterbliebenen herrscht jedoch Stillstand. Bis heute kamen erst 15 Millionen der benötigten 40 Millionen US-Dollar zusammen.

Rana Plaza markiert das bisher schlimmste Unglück der Textilindustrie. Dennoch weigern sich zahlreiche Textilfirmen nach wie vor, für das Leid der Überlebenden und der Hinterbliebenen der 1.138 Opfer Verantwortung zu übernehmen. Zwar kam ein bis anhin einzigartiges Abkommen zustande: das "Rana Plaza-Arrangement", das auf Standards der Internationalen Arbeitsorganisation ILO beruht und zwischen der bangladeschischen Regierung, Gewerkschaften, Arbeitsrechts-NGOs und globalen Markenfirmen abgeschlossen wurde. Dennoch hat bis heute nur die Hälfte der Unternehmen, die von Rana Plaza Waren bezogen, in den Entschädigungsfonds eingezahlt.

Das Rana Plaza Arrangement ist ein Übereinkommen, das die Entschädigung der Verletzten und der Opferfamilien des Rana Plaza Fabrikeinsturzes regelt. Das Übereinkommen wurde von der Clean Clothes Campaign mitinitiiert und wird, wie das Sicherheitsabkommen, von der ILO begleitet. Die bangladeschische Regierung, lokale sowie internationale Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen sowie die Textilfirmen El Corte Ingles, Bonmarché, Primark und Loblaw haben das Arrangement unterzeichnet und sich damit verpflichtet, einen Beitrag zur Kompensation der Betroffenen zu leisten. Die Entschädigungszahlungen laufen über einen von der ILO verwalteten internationalen Solidaritätsfonds.


Das eingestürzte Rana Plaza Gebäude in Dhaka, Bangladesch. Foto: Wikmedia Commons/rijans


Bis heute sind in den Fonds lediglich 15 Millionen der 40 Millionen US-Dollar eingezahlt worden, die nötig sind, um für die Lohnausfälle und die medizinischen Kosten der Betroffenen aufzukommen. Dieser Betrag stehe im krassen Gegensatz zum Gesamtprofit von 22 Milliarden US-Dollar, den die involvierten Firmen* 2013 erwirtschafteten, kritisierte die Erklärung von Bern am Mittwoch in Zürich.

Textilunternehmen müssten gesetzlich verpflichtet werden offenzulegen, wo und unter welchen Bedingungen ihre Produkte hergestellt werden, forderte terre des hommes in Osnabrück. Nur so könnten Menschen- und Kinderrechtsverstöße entlang der langen Lieferkette vom Baumwollfeld bis zur Ladentheke sichtbar gemacht werden. Bei dem Einsturz des Rana Plaza-Gebäudes in Dhaka, der Hauptstadt Bangladeschs, waren am 24. April 2013 mehr als 1.100 Arbeiterinnen und Arbeiter ums Leben gekommen.

DGB-Chef Michael Sommer sagte, es sei "nicht hinnehmbar, wenn westliche Unternehmen so tun, als ginge es sie nichts an, was in den Fabriken ihrer Lieferanten passiert. Es geht sie sehr wohl etwas an. Sie sind mitverantwortlich und dazu sollen sie sich bekennen. Die soziale Verantwortung eines Unternehmens offenbart sich nicht in Hochglanzbroschüren über Corporate Social Responsibility, sondern im praktischen Handeln. Die Arbeitsbedingungen, der Arbeitsschutz und die Bezahlung in Bangladesch müssen sich deutlich verbessern und daran müssen sich auch die westlichen Firmen messen lassen."

Im Nachgang der Tragödie konnte dennoch ein gewisser Fortschritt hin zu mehr Gebäudesicherheit verzeichnet werden. Mehr als 150 Firmen unterzeichneten das Sicherheitsabkommen, einen rechtlich verbindlichen Vertrag, der unabhängige Fabrikinspektionen vorschreibt und die Unterzeichnerfirmen dazu verpflichtet, sich finanziell an den notwendigen Renovationsarbeiten zu beteiligen. Erste Inspektionen wurden im Winter vorgenommen. Bis September 2014 sind weitere Inspektionen in 1.500 Fabriken geplant.

TEXTILFIRMEN MÜSSEN VERANTWORTUNG ÜBERNEHMEN

Die Wirkung dieses historischen Abkommens zwischen den Firmen, der Regierung Bangladeschs, sowie lokalen und internationalen Gewerkschaften könnte nach Auffassung der Erklärung von Bern weiter verstärkt werden, würden alle Textilfirmen ihre Verantwortung wahrnehmen. Bisher seien jedoch Switcher, Charles Vögele und Vistaprint die einzigen Schweizer Firmen, die das Abkommen unterschrieben haben.

Tally Weijl habe zwar Ende Mai 2013 in einer Pressemitteilung angekündigt, das Sicherheitsabkommen zu unterzeichnen. Bis heute sei allerdings nichts geschehen. Auch Chicorée habe das Sicherheitsabkommen nicht unterschrieben, genauso wenig wie Coop, Migros und Zebra, die alle in Bangladesch produzieren lassen.

Unter den weiteren Firmen, welche sich bislang weigern, dem Abkommen beizutreten, sind auch Branchengrössen wie Gap und Walmart. Diese hätten es vorgezogen, gemeinsam und ohne Beteiligung der Gewerkschaften ihr eigenes, unverbindliches Abkommen voranzutreiben, berichtete die Erklärung von Bern. Dieses "verantwortungslose Verhalten" habe Gap im Januar den "Public Eye Award" eingebracht.

"Die teilweise unmenschlichen Arbeits- und Lebensverhältnisse in der Textilindustrie in Ländern in Asien oder Afrika sind nicht länger hinnehmbar!", sagte der deutsche Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) am Donnerstag in Berlin. "Deutschland kann und muss eine Vorreiterrolle einnehmen, damit sich diese Arbeitsbedingungen verbessern."

HINTERGRUND

30 Firmen hatten nach Angaben der Erklärung von Bern Geschäftsbeziehungen (Bestellungen oder Testaufträge) zu Rana Plaza zum Zeitpunkt oder kurz vor dem Unglück: Adler Modemärkte (Deutschland), Auchan (Frankreich), Ascena Retail (USA), C&A (Belgien), Benetton (Italien), Bonmarché (England) , Camaïeu (Frankreich), Carrefour (Frankreich), Cato Fashions (USA), The Children’s Place (USA), LPP (Cropp, Polen), El Corte Inglès (Spanien), Gueldenpfennig (Deutschland), Iconix (Lee Cooper, USA),  Inditex (Spanien), JC Penney (USA), Loblaws (Kanada), Kids for Fashion (Deutschland), Kik (Deutschland), Mango (Spanien), Manifattura Corona (Italien), Mascot (Dänemark), Matalan (England),  NKD (Deutschland),  Premier Clothing (England), Primark (England/Irland), Grabalok (England), PWT (Dänemark), Walmart (USA) und YesZee (Italien).

http://www.ranaplaza-arrangement.org


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