ILOBerlin/Genf (epo). - Afrika, Europa und Amerika sind nach einer Studie der International Labour Organisation (ILO) die Verlierer nach dem Auslaufen des Welttextilabkommens, während kleinere asiatische Entwicklungsländer nicht die erwartet hohen Einbußen hinnehmen mussten. China und Indien verzeichneten laut ILO starke Zugewinne, die aber bereits wieder abgeschwächt worden seien.

Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) veranstaltet derzeit in Genf Gespräche zwischen hochrangigen Vertretern von Unternehmen, Gewerkschaften und Regierungen über den globalen Handel mit Textilien. Thema der bis Mittwoch tagenden Konferenz ist die Zukunft der Industrie und der darin Beschäftigten nach dem Ablaufen des Welttextilabkommens. In der Branche mit einem weltweiten Jahresumsatz von rund 350 Mrd. US-Dollar sind mehr als 40 Millionen Menschen beschäftigt.

"In einer Welt ohne Welttextilabkommen stehen Unternehmen und Arbeiter in diesem Sektor unter enormem Druck, das richtige Produkt zum richtigen Preis und unter den richtigen Bedingungen herzustellen", sagte ILO-Generaldirektor Juan Somavia. "Auf diesem Treffen werden die Elemente besprochen, um neue ökonomische und politische Strategien entlang der gesamten globalen Lieferkette zu entwickeln."

Sorgen, dass das Auslaufen des Welttextilabkommens eine arbeitsmarkt- und handelspolitische Katastrophe für viele Entwicklungsländer darstellen würde, sind weit verbreitet. Eine Studie über den Textilsektor zeichne dagegen ein differenzierteres Bild, erklärte die ILO. Auf den ersten Blick erschienen Indien und China als die größten Gewinner der Handelsliberalisierung. In China seien die Textilausfuhren in den ersten vier Monaten dieses Jahres um 18,4 Prozent angestiegen. Indien habe einen Zuwachs von 28 Prozent in den ersten drei Monaten verzeichnet. Weitere Untersuchungen zeigten jedoch, dass die Wachstumsrate von Exporten aus China Monat für Monat rückläufig gewesen sei, während Indien bei Konfektionsware zugleich einen Rückgang der Ausfuhren um 24 Prozent verzeichnet habe.

Die Entwicklung in einer Reihe asiatischer Länder, die oft als Verlierer der Textilhandelsliberalisierung genannt wurden, seien dagegen nicht so negativ wie vermutet. "In Bangladesh brachen die Textilausfuhren im Januar 2005 zwar ein, erholten sich jedoch im Februar und März schon wieder. In Pakistan erreichten die Textilexporte in den ersten vier Monaten des Jahres sogar ein Rekordniveau, das 22 Prozent über dem Vorjahreswert lag", so die ILO.

Die tatsächlichen Verlierer seien offenbar in Europa, Amerika und Afrika zu finden, urteilt die ILO in ihrer Studie. In den USA sei die Zahl der im Textilsektor Beschäftigten zwischen Mai 2004 und Mai 2005 um 6,5 Prozent gesunken; in der EU habe der Rückgang in den zwölf Monaten bis Februar 2005 fünf Prozent betragen. Die Exporte aus afrikanischen Staaten in die USA unter einem Entwicklungsabkommen zwischen diesen Ländern seien in den ersten drei Monaten 2005 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 25 Prozent gefallen. In Kenia seien seit Oktober 2004 bereits 6.000 der zuvor 39.000 Arbeitsplätze in der Textilindustrie verloren gegangen. "Der Stellenabbau könnte hier bis zu 50 Prozent der Arbeitsplätze betreffen", warnt die ILO.

Die ILO-Studie über den Textilsektor stellt beispielhaft einige Länder und Unternehmen vor, in denen mit innovativen Ansätzen die Wettbewerbsfähigkeit gestärkt werden konnte. In Kambodscha etwa unterstützte das ILO-Projekt "Better Factories Cambodia" (http://www.betterfactories.org/ilo) die Industrie bei der Umstellung auf die Wettbewerbsbedingungen nach Auslaufen des Welttextilabkommens. In der EU wiederum konnten mit Hilfe des 1999 eingerichteten Komitees für sozialen Dialog in der Textil- und Bekleidungsindustrie die Sozialpartner und insbesondere die Gewerkschaften an der notwendigen Restrukturierung der Branche beteiligt werden.

"Gelingt es nicht, die Übergangsphase auf zufrieden stellende Weise zu bewältigen, würde dies die Annahme von Entwicklung durch Handel in Frage stellen, ebenso wie die Bereitschaft transnationaler Unternehmen, die sozialen Herausforderungen der Globalisierung zu bewältigen", warnt der Bericht. "Zudem würde den betroffenen Arbeitern und ganzen Volkswirtschaften schwerer Schaden zugefügt."

? ILO-Bericht "Promoting Fair Globalization in Textiles and Clothing in a Post-MFA Environment"
? ILO


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