Human Development Report 2005New York/Berlin (epo). - Eine Woche vor dem Millennium+5-Gipfel der Vereinten Nationen in New York hat das UN-Entwicklungsprogramm (UNDP) drastische Änderungen bei der Entwicklungshilfe, im Welthandel und in der Sicherheitspolitik gefordert. Allein die unfaire Handelspraxis hindere Millionen Menschen daran, der extremen Armut zu entrinnen, heißt es im "Bericht über die menschliche Entwicklung 2005" (Human Development Report), der am Mittwoch veröffentlicht wurde. Die Geberländer unterstützten die Landwirtschaft in den Entwicklungsländern mit einer Milliarde US-Dollar pro Jahr, gäben aber für die Subventionierung der eigenen Agrarindustrie eine Milliarde Dollar pro Tag aus. Der Agraprotektionismus der reichen Länder koste die sich entwickelnden Länder 72 Milliarden Dollar jährlich - fast soviel, wie sie insgesamt an Entwicklungshilfe erhalten.

"Die Welt hat das Wissen, die Ressourcen und die Technologie, um die extreme Armut zu beenden", sagte UNDP-Administrator Kemal Dervis in New York. Die Zeit, die Millenniums-Entwicklungsziele (MDG) der Vereinten Nationen zu erreichen, werde aber knapp. Die Staatengemeinschaft hatte sich im Jahr 2000 unter anderem dazu verpflichtet, die Zahl der Menschen, die von weniger als einem Dollar pro Tag leben müssen, bis 2015 auf die Hälfte zu reduzieren.

Der Human Development Report (HDR) 2005 mit dem Titel "Internationale Zusammenarbeit am Scheideweg - Hilfe, Handel und Sicherheit in einer ungleichen Welt" wurde den UN-Botschaftern der 191 Mitgliedsstaaten am Mittwoch zugestellt. Darin heißt es, trotz Fortschritten seien "die meisten Länder nicht auf dem Weg, die meisten der Millenniums-Entwicklungsziele zu erreichen". Die menschliche Entwicklung stagniere in einigen Schlüsselbereichen, und die bereits jetzt vorhandenen tiefen Gräben der Ungleichheit würden noch größer. Die simple Wahrheit sei: "Das Versprechen an die Armen der Welt wird gebrochen".

Unter den Begriff "menschliche Entwicklung" fasst das UNDP nicht nur wirtschaftliche Größen wie die Entwicklung des nationalen Einkommens, sondern auch allgemeine Rahmenbedingungen, unter denen "die Menschen ihr volles Potenzial entwickeln können, um ein produktives, kreatives Leben im Einklang mit ihren Bedürfnissen und Interessen" führen zu können. Dazu gehören eine lange Lebenserwartung, Gesundheitsfürsorge, Zugang zu Bildung, ein angemessener Lebensstandard und die Partizipation in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.

Nach den statistischen Länderdaten verbessere sich die menschliche Entwicklung "zu langsam, um die Millenniums-Entwicklungsziele erreichen zu können", heißt es im HDR 2005:

  • 50 Länder mit einer Bevölkerung von insgesamt 900 Millionen Menschen seien hinsichtlich mindestens einem der MDG zurückgefallen. 24 von ihnen seien Länder in Subsahara-Afrika
  • In weiteren 65 Ländern mit einer Bevölkerung von 1,2 Mrd. Menschen bestehe das Risiko, dass mindestens eines der MDG erst 2040 oder später erreicht werde
  • Im Jahr 2015 werden nach den gegenwärtigen Trends 827 Millionen Menschen in extremer Armut leben - 380 Millionen mehr als im Rahmen der MDG vorgesehen. Weitere 1,7 Mrd. Menschen müssten von weniger als 2 US-Dollar pro Tag leben
  • Das Ziel, die Sterblichkeitsrate von Kindern unter 5 Jahren um zwei Drittel zu verringern, werde erst im Jahr 2045 erreicht werden. Damit seien 41 Millionen Kinder zum Tod verurteilt

"Dieser Bericht über die menschliche Entwicklung zeigt uns eine klare Warnung auf", sagte UNDP-Administrator Kemal Dervis. "Wir wissen, dass die Millenniums-Entwicklungsziele erreichbar sind, aber wenn wir mit dem 'business as usual' weitermachen, wird das Versprechen der Millenniums-Erklärung gebrochen. Das würde vor allem für die Armen der Welt eine Tragödie bedeuten, aber auch die reichen Länder wären gegen die Folgen nicht gefeit. In einer interdependeten Welt hängen unser Wohlergehen und unsere kollektive Sicherheit vom Erfolg des Krieges gegen die Armut ab."

Der UNDP-Bericht verweist auf die Verantwortung der Regierungen der Entwicklungsländer, die Ungleichheit zu beseitigen, die Menschenrechte zu beachten, Investitionen zu fördern und Korruption auszumerzen. Bezüglich der Handlungsfelder der Industriestaaten konzentriert er sich auf Entwicklungshilfe, Handel und Sicherheit. "Das Versagen in einem dieser Gebiete würde die Grundlagen für weitere Fortschritte unterminieren", betonte der Chef-Autor des Berichts, Kevin Watkins. "Effektivere Regeln im internationalen Handel zählen nichts in Ländern, in denen gewaltsame Konflikte die Möglichkeiten zur Teilnahme am Handel einschränken. Mehr Entwicklungshilfe ohne fairere Handelsregeln wird suboptimale Ergebnisse bringen. Und Frieden wird ohne Aussicht auf ein besseres Wohlergehen und weniger Armut durch Entwicklungshilfe und Handel eine zerbrechliche Größe bleiben."

EXTREME UNGLEICHHEIT

Die extreme Ungleichheit ist nach der Überzeugung der Autoren des HDR eines der größten Hindernisse bei der Erreichung der Millenniumsziele. Die ärmsten 40 Prozent der Weltbevölkerung verfügen nur über fünf Prozent des globalen Einkommens. Diese 2,5 Milliarden Menschen haben weniger als zwei Dollar pro Tag zum Leben.

Welteinkommen laut HDR 2005
Welteinkommen verteilt nach regionalen Gruppen. Quelle: UNDP
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In Ländern mit großen Einkommensdisparitäten habe das Wirtschaftswachstum nur wenig Einfluss auf die Verbreitung der Armut, argumentieren die Autoren des Berichts. So seien die ärmsten zehn Prozent im Schwellenland  Brasilien ärmer als die ärmsten zehn Prozent der Bevölkerung in Vietnam. Deshalb müsse mehr Augenmerk darauf gelegt werden, wie die Armen ihren Anteil am nationalen Einkommen vergrößern könnten.

Der Bericht fordert nicht nur eine Erhöhung der Entwicklungshilfeleistungen der reichen Länder, sondern auch eine Verbesserung der Qualität der Hilfe. Fünf bis sieben Milliarden Dollar der offiziellen Entwicklungshilfe (ODA) - bis zu zehn Prozent - seien ohnehin an die Lieferung von Waren oder Dienstleistungen der Geberländer gebunden.

HUMAN DEVELOPMENT INDEX

Bewaffnete Konflikte sind dem Bericht zufolge eine der Hauptursachen geringer menschlicher Entwicklung. 22 der 32 Länder mit einem niedrigen Index menschlicher Entwicklung (Human Development Index, HDI) hätten seit 1990 gewaltsame Konflikte erlebt. Das Land mit dem höchsten HDI ist Norwegen, den geringsten HDI hat Niger. Deutschland liegt auf Platz 20 der 177 Länder umfassenden Liste. Der HDI berücksichtigt neben wirtschaftlichen Messgrößen wie dem Einkommen auch soziale Indikatoren wie Lebenserwartung und Bildung.

Dem HDI zufolge sind vor allem Länder in Subsahara-Afrika in der Rangliste zurückgefallen. Südafrika fiel um 35 Plätze, vor allem aufgrund der grassierenden HIV/AIDS-Pandemie. Simbabwe fiel um 23, Botswana um 21 Plätze zurück, aber auch Gebiete der ehemaligen Sowjetunion mussten Rückschläge in der Lebensqualität hinnehmen. Tadschikistan fiel um 21 Plätze, die Ukraine um 17 und die russische Förderation um 15.

Im Durchschnitt seien in vielen Entwicklungsländern aber in den letzten 15 Jahren Fortschritte zu verzeichnen, so der Bericht. Die durchschnittliche Lebenserwartung sei um zwei Jahre gestiegen, 100 Millionen Menschen seien der extremen Armut entronnen, die durchschnittliche Alphabetisierungsrate sei in den letzten zehn Jahren von 70 auf 76 Prozent geklettert.

? Human Development Report 2005
? icon Human Development Index 2005 (49.60 KB)  (PDF)
? UNDP


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