Voluntourismus: Freiwillige in einem Entwicklungsland. Foto: Brot für die Welt

Berlin. – Mittlerweile sind fast 30.000 Freiwillige als Helfer in Projekten im Ausland eingesetzt. 20.000 von ihnen realisieren ihr Engagement durch kommerzielle Anbieter. "Voluntourismus" - eine Mischung aus Tourismus und Freiwilligendienst – ist ein wachsender Markt in der Tourismusbranche. Die Risiken und Herausforderungen des neuen Sektors wurden am Freitag im Rahmen der Internationalen Tourismus Börse diskutiert. Die Auswirkungen und der Nutzen von Freiwilligeneinsätzen sind umstritten. Kommerzielle Anbieter und Entwicklungs-und Menschenrechtsvertreter haben unterschiedliche Vorstellungen.

Die zu Beginn der Woche von Brot für die Welt, Tourism Watch und Ecpat veröffentlichte Studie analysierte den Voluntouriusmus-Markt.

Laut der Studie bedingen die Trends bei Angebot und Nachfrage, dass die Freiwilligendienstangebote immer touristischer und kommerziell marktfähiger werden. Es bestehe so die Gefahr, dass die Bedürfnisse zahlender Touristen zunehmend im Mittelpunkt stehen und die Interessen der lokalen Bevölkerung in den Hintergrund treten.

Seit 2008 gibt es immer mehr Möglichkeiten für einen kurzen Einsatz in einem Entwicklungsland. Kommerzielle Anbieter ermöglichen kurze und flexible Aufenthalte, meist ohne große Anforderungen an die zahlenden Kunden zu stellen. Es wird suggeriert, beziehungsweise direkt vermittelt, dass jeder ohne jegliche Fähigkeiten innerhalb von 2 Wochen das Leben von Menschen in einem anderen Land verbessern kann.

Als positiv wird empfunden, dass es immer mehr Möglichkeiten gibt, über Tourismus hinaus mehr über ein Land zu erfahren und mit Menschen vor Ort zu leben und zu arbeiten. Tourism Watch betonte die langfristig positiven Auswirkungen für die Freiwilligen, die ihren Horizont erweitern können, kulturellen Austausch erfahren und sich meist nach ihrem Auslandsaufenthalt weiterhin zivilgesellschaftlich engagieren.

Kritisch sehen die Verfasser der Studie, dass Freiwillige sich nicht ausreichend über die Anbieterorganisationen und deren Projekte informieren beziehungsweise informieren können.

Antje Monshausen von Toursim Watch bemängelte, es sei von außen schwer festzustellen wie die Anbieter lokal arbeiten. So veröffentlichten nur ein Viertel der untersuchten Organisationen ihren "Code of Conduct" bei der Zusammenarbeit mit Kindern. Auch Bep von Sloten, eine niederländische Kinderrechtsexpertin, kritisierte, dass viele Anbieter kaum Anforderungen an die Freiwilligen stellen. Oft werden weder Sprachkenntnisse, noch Unterrichtserfahrung oder Erfahrung im Umgang mit Kindern, noch Motivationsschreiben und polizeiliche Führungszeugnisse verlangt. Projekte würden den Bedürfnissen der Freiwilligen angepasst, statt qualifizierte Freiwillige einzusetzen, von denen die Communities profitieren könnten.

Christine Plüss vom Arbeitskreis Tourismus und Entwicklung der Schweiz stimmte dem zu, vor allem im Zusammenhang mit "Waisenhaus-Tourismus". Als Beispiel wurde Kambodscha genannt, wo Waisenhäuser als Einsatzort für Freiwillige aufgebaut werden, obwohl laut van Sloten 80% der Kinder gar keine Waisen sind.

Paul Miedema von Calabash Tours (Südafrika) vermittelt Freiwilligeneinsätze. Er betonte, dass die Logik der Tourismusbranche - Wachstum und Effizienz - nicht auf Voluntourismus als Schnittstelle von Entwicklungszusammenarbeit und Tourismus übertragen werden kann. Calabash Tours nehme niemanden an, der keine relevanten Fähigkeiten anzubieten hat. "If you can't do it at home, you can't do it with us." Nicht jeder sei für den Freiwilligendienst geeignet. Die Bedürfnisse der Communities müssten im Vordergrund stehen. Der Freiwillige reist ab, das Problem bleibt.

Frank Seidel, Gründer des Portals wegweiser-freiwilligenarbeit.com, sieht Freiwilligendienste im Ausland weniger kritisch. Jeder sollte die Möglichkeit haben zu "helfen", sowie entwicklungspolitische und interkulturelle Erfahrungen zu machen. Die Lösung für mangelnde Transparenz über Finanzen und die tatsächliche Arbeit der Organisationen sieht er in einem Qualitäts-Siegel. So könnten sich Freiwillige ohne viel Aufwand und Hintergrundrecherche orientieren.

Mediema, Plüss und der Abgeordnete des Bundestages Markus Tressel (GRÜNE) erwarten von den Freiwilligen mehr Eigeninitiative sich zu informieren. Eine aufgeklärte Kundschaft sei Voraussetzung für eine gute Zusammenarbeit. Sowohl Regierungen des globalen Nordens, als auch des Südens sollten sich auf Richtlinien einigen und Kinderschutzgesetze berücksichtigen.

Die Persönlichkeitsentwicklung der Jugend des Nordens dürfe nicht über den Bedürfnissen der Communities stehen und der Austausch sollte in beide Richtungen stattfinden. Van Sloten berichtete von einem Schulaustauschprojekt in den Niederlanden, bei dem Schulklassen aus den Niederlanden und aus dem Süden sich gegenseitig besuchen und zusammen an Projekten arbeiten, wie zum Beispiel der Tafel in den Niederlanden.

Eine berechtigte Frage aus dem Publikum machte darauf aufmerksam, dass nur das ungleiche Machtgefälle zwischen Nord und Süd überhaupt dazu führe, dass hierzulande diskutiert wird, wie und ob Menschen aus dem Norden Zugang zu Schulen und Waisenhäusern im Süden haben sollten. Auf der anderen Seite haben Touristen aus anderen Ländern des Nordens oder aus Entwicklungsländern auch keinen ungehinderten Zugang zu Schulen in Deutschland.

=> Studie: "Vom Freiwilligendienst zum Voluntourismus"

Foto: © Brot für die Welt

Quelle: tourism-watch.de | brot-fuer-die-welt.de


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