Demokratie Trends weltweit. Bertelsmann Transformation AtlasDie US-Administration unter George W. Bush zieht ihn zu Rate. Global aufgestellte Banken und internationale Organisationen nutzen ihn. Das deutsche Entwicklungsministerium lässt sich bei Regierungsverhandlungen mit Entwicklungsländern von ihm inspirieren. Die Medien zitieren ihn. Wissenschaftler und Studenten an Universitäten rund um den Globus pauken ihn. Denn er ist kompakt, präzise, prägnant, transparent und politisch korrekt. Das Wunderwerk nennt sich Bertelsmann Transformation Index (BTI) und ist so etwas wie eine universale Messlatte in Sachen Demokratie und Marktwirtschaft.

Für 119 sogenannte Transformationsländer steht der BTI zur Verfügung. Die Messlatte gibt es jetzt in elektronischer Form, als "Bertelsmann Transformation Atlas" (BTA), mit großem Aufwand als Flash-Animation grafisch und informations-architektonisch aufbereitet, um noch schneller und eingängiger aufzeigen zu können, worum es geht: um "politische Gestaltung im internationalen Vergleich".

Der "Bertelsmann Transformation Atlas" liegt seit einigen Tagen auf dem Server der Bertelsmann Stiftung (www.bertelsmann-transformation-index.de) zum Download bereit. Er ist ein gelungenes Beispiel, wie Information im Medienzeitalter optisch ansprechend und inhaltlich einprägsam aufbereitet werden kann.

Der BTA, vor wenigen Tagen von Verantwortlichen und Machern in Berlin präsentiert, bietet das grafische und technische Instrumentarium, um Information in Wissen verwandeln zu können. Er spart Zeit, ist einfach zu handhaben, alle zugrunde liegenden Kriterien sind transparent, der Öffentlichkeit zugänglich. Der BTA wird den Einfluss, den der Bertelsmann Transformation Index in Kreisen der politischen und ökonomischen Elite geniesst, weiter verstärken. Man wird ihn dank seiner Nutzerfreundlichkeit und aufgrund der genial einfach gehaltenen Visualisierung komplexer Inhalte gerne verwenden. Aber ein verantwortlicher politischer Umgang mit dem Atlas setzt ein wenig mehr Wissen voraus, als Index und Atlas bieten können. 

Bertelsmann Transformation Atlas
Bertelsmann Transformation Atlas (BTA)

Die Gefahr liegt in der Bequemlichkeit, zu der der Atlas verleiten kann.  Ihr werde "unbehaglich", wenn sie daran denke, dass der BTI "eins zu eins in praktische Politik umgesetzt" wird und eine zentrale Rolle etwa bei der Vergabe von Entwicklungshilfe-Geldern erhalten könnte, merkte eine Mitarbeiterin der Friedrich Ebert Stiftung an.

WIE ALLES ANFING

Holen wir etwas weiter aus. Alles fing damit an, so Professor Dr. Werner Weidenfeld, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung in Gütersloh, dass der Gründer der Bertelsmann Stiftung, Reinhard Mohn, vor zehn Jahren die Frage aufwarf, warum man eigentlich bei der Bewältigung von Krisen wie in Somalia oder auf dem Balkan nicht auf die Erfahrungen vergangener Krisen und Konflikte zurückgreifen könne.

Die Stiftung brachte internationale "Experten für Transformation" zusammen, diskutierte sechs Jahre lang mit einer Kerngruppe von ihnen, um ein "Raster" zu entwickeln, sandte Expertengruppen in 60 Transformationsländer, verfeinerte die Methodik, liess rund 300 Wissenschaftler alle greifbaren Statistiken auswerten und knapp 7.000 Einzelbewertungen verfassen, nahm 119 Transformationsländer ins Visier, liess 119 Ländergutachten erstellen und 119 Transformations-Experten - häufig aus diesen Ländern - Kommentare verfassen, diskutierte mit zwei Dutzend Mitgliedern des BTI Board über Bewertungen, Methodik und Kriterien - und legte schliesslich ein Ranking vor: Erfolgreiche marktwirtschaftliche Demokratien und aufstrebende Länder, die es noch werden wollen, stehen einem "harten Kern von Transformationsverweigerern" gegenüber.

Wie es der Zufall will, sind das auch die "bad guys" in George W. Bushs einfachem Weltbild von Gut und Böse: Nordkorea, "zahlreiche arabische Staaten", Simbabwe und Kuba haben "bislang jeglicher Liberalisierungsdynamik widerstanden" (Weidenfeld).

POLITIK PER MAUSKLICK

Ein weiteres Jahr Teamarbeit und eine sechsstellige Summe kostete der Bertelsmann Transformation Atlas. Per Mausklick lassen sich nun die Länder darstellen, die das Etikett "Democracies on the rise" tragen oder "Autocracies restistant to reform" (Status Index). Vor allem lassen sich aber Vergleiche und anstellen und Trends darstellen: Welche Länder haben in den vergangenen Jahren hinsichtlich "good governance" Fortschritte gemacht? So lernt man durch "Cross-Checks" beispielsweise, dass Benin bei der Demokratisierung (Rang 27 von 119) mehr Fortschritte macht als beim Übergang zu einer sozialverträglichen Marktwirtschaft (Rang 76) und dass Niger hinsichtlich seiner marktwirtschaftlichen Performance nur Rang 95 einnimmt, bei der Bewertung der "Qualität politischer Führung" (Management Index) aber auf Platz 28 liegt.

China, formal noch kommunistisch regiert, aber bereits jetzt sechstgrößte Wirtschaftsmacht der Welt, kommt als "Autokratie" abgeschlagen auf Rang 106 der Demokratie-Hitliste und nimmt bei der Marktwirtschaft Rang 50 ein. Dennoch wird das Land - bei weiterhin stabilen Wachstumsraten von jährlich 15 Prozent im Außenhandel - Deutschland in drei Jahren als zweitgrößte Handelsnation der Welt ablösen. Bei der Qualität politischer Führung landen die Politbürokraten in Peking auf Platz 70.

Was kann ein Politiker mit dem Bertelsmann Transformation Index anfangen? Wird er angesichts der schlechten Performance Chinas beim BTI-Ranking künftig keine Wirtschaftsdelegationen mehr in die Volksrepublik begleiten? Das ist unwahrscheinlich, denn es geht um den größten Massenmarkt der Zukunft.

SCHLECHTES BTI-RANKING - KEINE ENTWICKLUNGSHILFE?

Aber werden Politiker und Staatsbeamte bei "unbedeutenderen" Ländern gründlich nachdenken und recherchieren? Oder verlässt man sich im politischen Tagesgeschäft schon einmal auf das BTI-Ranking zu Good Governance, das - so Bertelsmann-Vorstand Weidenfeld - "eine gezielte Ausrichtung von Außenunterstützung und Entwicklungspolitik nahelegt und erleichtert".

Unstrittig ist Good Governance ein erstrebenswertes Ziel und in der Entwicklungspolitik zu einem der wichtigsten Kriterien bei der Mittelvergabe geworden. Aber genügt ein Blick auf den Bertelsmann Transformation Atlas, um einem Land schlechte Regierungsführung zu bescheinigen und die Entwicklungshilfe zu streichen?

Professor Weidenfeld ist auf Kritik eingestellt. "Wir stülpen den Ländern nicht einfach etwas über", sagt er bei der Vorstellung des "Bertelsmann Transformations Atlas" im futuristischen axica-Gebäude am Pariser Platz in Berlin.

Folgt man der herrschenden Meinung in der Transformationswissenschaft, gibt es freilich kein ideales Bürokratiemodell und keine universal anwendbare Schablone für "gute Regierungsführung". Zu unterschiedlich sind von Land zu Land geografische, ökonomische und soziale Voraussetzungen, politische und (multi-)ethnische Rahmenbedingungen, über Jahrtausende gewachsene Werte und historische Erfahrungen. (Das gilt übrigens auch für das "ideale" Management eines Unternehmens. Weswegen Top-Manager für ihre Intuition und manches Quentchen Glück auch gut bezahlt werden.)

WIE MISST MAN DEMOKRATIE?

"Der politische und wirtschaftliche Entwicklungsstand eines Landes sowie die Gestaltungsleistungen der politischen Entscheidungsträger sind messbar und weltweit vergleichbar", postuliert Bertelsmann. Die Stiftung bemängelt: "Das Modell des leistungsfähigen, marktwirtschaftlich orientierten und demokratischen Rechtsstaates ist jedoch noch längst nicht zum globalen Standard geworden."

Deutsche Bank Chef Josef Ackermann erhielt Schelte von allen Seiten, als er bei der Vorlage des Geschäftsergebnisses 2004 eine Steigerung des Reingewinns um 87 Prozent auf 2,5 Milliarden Euro verkündete und zugleich den Abbau von weltweit 6.400 Stellen bekannt gab. Ackermann verwies auf auf die Tatsache, dass im internationalen Vergleich eine Rendite von 25 Prozent erzielt werden müsse. In der freien Marktwirtschaft ist "Erfolg" eben klar messbar.

Doch gibt es auch bei der Bewertung von Demokratie "harte" Kriterien, die unabhängig von Kultur, Geschichte oder Geografie universell gelten können?

Rund 50 Staaten sind nach der Bertelsmann-Schablone "defekte Demokratien", zum Beispiel, so Projektmanager Hauke Hartmann, wegen "fehlender Rechtssicherheit". Der Einwand, Rechtssicherheit gebe es auch, wenn lokale Autoritäten etwa in einem afrikanischen Land eine Entscheidung im Konsensprinzip fällen, trifft nicht den Kern des Bertelsmann-Vorhabens. Denn es geht um die internationale Durchsetzung des bislang vor allem nationalstaatlich verbrieften Eigentums- und Vertragsrechts, etwa im Rahmen der Welthandelsorganisation (WTO).

Das kann auch für ärmere Länder Vorteile haben, zum Beispiel bei der Konkurrenz um ausländische Investitionen. Aber es gibt auch die Bemühungen der Patentierung von Lebewesen durch multinationale Konzerne und den als "Gen-Diebstahl" bezeichneten Versuch, die verrücktesten Patente auf Pflanzen anzumelden, die aus den tropischen "Gen-Pools" der Erde stammen.

Internationalem Recht wird auch zum Durchbruch verholfen, wenn die WTO Maßnahmen zum Schutz der verbliebenen Regenwälder - etwa Einfuhrverbote von Holz aus nicht nachhaltig bewirtschafteten Urwäldern oder die Kennzeichnung von Öko-Holz - als Wettbewerbsverzerrung verbietet. Sie widersprechen den WTO-Regeln des Freihandels. Der Verdacht liegt nahe: Es geht nicht um Rechtssicherheit per se, sondern um Rechtssicherheit im Sinne marktwirtschaftlicher Verwertungsinteressen.

ÄPFEL UND BIRNEN

Ein Ranking wie der BTI impliziert, dass Vergleiche mit Unvergleichbarem gezogen werden. Und dass ein Land sich auf etwas wie einen Idealzustand hin entwickeln sollte. Wie das in Sachen Demokratie und Marktwirtschaft ideale Land aussieht, wird man in der nächsten Auflage des Bertelsmann Transformation Index erfahren - wenn mit den OECD-Staaten auch die Nationen des Westens sich dem Vergleich stellen müssen. Das Fehlen der führenden Industrienationen im BTI, so Weidenfeller, hatte vielfach herbe Kritik ausgelöst.

Indiens Staatspräsident, kolportiert Werner Weidenfeller, habe sich über das schlechte Abschneiden Chinas im Vergleich zu Indien (Rang 21 im Demokratie-Index und 39 beim Übergang zur Marktwirtschaft) gewundert. "Sie bewerten die Demokratie viel zu hoch", habe sein Kommentar gelautet.

Kapitalanteile bei Bertelsmann. Grafik: Bertelsmann
Kapitalanteile bei Bertelsmann (Website)

Es könnte auch das Gegenteil stimmen. Denn beim "Zielpunkt marktwirtschaftliche Demokratie", den Bertelsmann nach den Worten von Weidenfeller mit dem BTI anstrebt, steht für den Konzernriesen zweifellos die Marktwirtschaft und die Öffnung von Märkten im Vordergrund. Eine rein altruistische Motivation nimmt den Bertelsmännern kaum jemand ab. Schliesslich ist die Bertelsmann Stiftung mit 57,6 Prozent der Kapitalanteile Haupt-Anteilseigner der Bertelsmann AG.

Bertelsmann AG
Grafik: Bertelsmann Website

"Bertelsmann macht Medien, leistet Dienste rund um die Medien und vertreibt Medien. Die herausragenden Inhalte kommen von RTL Group, der Nummer eins im europäischen Rundfunkgeschäft, von Random House, der größten Buchverlagsgruppe der Welt, von Gruner Jahr, dem stärksten Zeitschriftenhaus Europas, sowie von BMG, Dach von Sony BMG Music Entertainment und BMG Music Publishing. Mediendienstleistungen steuert Arvato bei, und die Direct Group ist der weltweit führende Betreiber von Buch- und Musikclubs."
(Bertelsmann Website)

 Bertelsmann Transformation Index
 Bertelsmann Transformation Atlas (Download, 4 MB)

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