misereorAachen. - Nach der Wahl des neuen brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro hat sich die Bedrohungslage insbesondere für die indigene Bevölkerung in dem lateinamerikanischen Land weiter verschärft. Das hat das katholische Werk für Entwicklungszusammenarbeit MISEREOR unter Verweis auf alarmierende Nachrichten von Partnerorganisationen aus Brasilien berichtet. Besonders gravierend ist die Situation im Bundesstaat Mato Grosso do Sul.

In einem Drohbrief an den MISEREOR-Partner CIMI (Conselho Indigenista Missionário), die brasilianische Fachstelle für Indigene der dortigen Bischofskonferenz, riefen Anhänger Bolsonaros die indigenen Frauen dazu auf, sich mit ihnen zu verbünden, weil sie ansonsten "niedergemetzelt" würden. Schon am Abend des Wahlsiegs Bolsonaros hätten sich Großgrundbesitzer mit mehr als 40 Fahrzeugen aufgemacht und Indigene an den Grenzen von deren Territorien eingeschüchtert. Dabei fielen laut CIMI auch Schüsse, es gab zahlreiche Verletzte. Am Wahltag selbst wurden Indigene den Angaben zufolge überfallen, als sie auf dem Weg zur Wahlurne waren.

"Die Tötung von Menschen, Vertreibungen aus den indigenen Gebieten sowie Plünderungen aus den Geschäftsstellen der CIMI sind keine Einzelfälle. Die Häufung von Gewalttaten am Volk der Guaraní-Kaiowá seit Beginn der 1990er Jahre bis zum heutigen Tag deuten darauf hin, dass die Angriffe sich bis hin zum Völkermord ausweiten könnten", warnte MISEREOR-Hauptgeschäftsführer Pirmin Spiegel.

Im Bundestaat Mato Grosso do Sul im Süden Brasiliens leben zurzeit etwa 77.000 Indigene aus neun Volksgruppen in 124 Territorien. Lediglich 14 dieser Territorien sind demarkiert und damit als Schutzzonen ausgewiesen. "Die übrigen 83 werden wohl keine Besitztitel erhalten“, kritisierte Spiegel. "Sie sind in den Händen von Großgrundbesitzern. Bedingt durch unzureichende Präsenz des Staates werden in diesen Gebieten immer wieder Menschenrechte verletzt, der Schutz der Umwelt wird in inakzeptabler Weise vernachlässigt." Holzindustrie und industrielle Landwirtschaft beuteten die Region massiv aus, Goldsucher und Großindustrielle trügen ebenfalls dazu bei, dass die Rechte der Ureinwohner auf ein würdevolles Leben in gesicherten Arealen kaum noch beachtet werden. Es drohe der Ausverkauf Amazoniens.

CIMI arbeitet seit 1972 für die Verbesserung der Lebensbedingungen und für die Stärkung der kulturellen Identitäten der indigenen Bevölkerung. In den vergangenen zwölf Jahren wurden in Brasilien mehr 570 Indigene im Kampf um ihr Recht auf Land ermordet, über die Hälfte davon in Mato Grosso do Sul. Laut Spiegel hat sich die brasilianische Regierung schon im Jahre 2007 verpflichtet, den Guaraní-Kaiowá einen Teil ihres angestammten Landes in Mato Grosso do Sul zu überlassen. Doch angesichts großer Widerstände von Plantagenbesitzern sei dieser Plan nur selten umgesetzt worden.

"Der Schrei der Betroffenen angesichts dieser großen Ungerechtigkeiten darf nicht ungehört bleiben", mahnte der MISEREOR-Chef. "Es darf nicht dazu kommen, dass die Interessen etwa von Soja- und Fleisch-Produzenten mehr zählen als die in der brasilianischen Verfassung garantierten Rechte der Indigenen."

Die MISEREOR-Partnerorganisationen in Brasilien signalisierten unterdessen, dass sie trotz Bedrohungen und Verfolgungen unbeugsam an der Seite der Verletzlichsten für die Einhaltung der Menschenrechte kämpfen werden. Delci Franzen von der Organisation CAIS (Centro de Assessoria a Projetos e Iniciativas Sociais) sagt: "Wir müssen Hoffnung stiften. Wir setzen uns für die Demokratie und die Freiheit ein. Wir haben vor der Stichwahl des neuen Staatspräsidenten ein Fest der Demokratie in den Straßen erlebt. Die Nähe zwischen den Sozialbewegungen, den Basisgemeinden, den Territorien der Bevölkerung, die am stärksten bedroht ist, war spürbar und wird die Kraft sein, um eine gerechte, demokratische Gesellschaft aufzubauen."

Quelle: www.misereor.de 


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