rog Berlin. – Reporter ohne Grenzen (ROG) hat das aktuell wieder verschärfte Klima der Gewalt und Einschüchterung gegen Journalistinnen und Journalisten in Kolumbien kritisiert. Der konservative Präsident Iván Duque hat seit seinem Amtsantritt im August 2018 das Friedensabkommen mit der linken FARC-Guerilla in Frage gestellt, was den internen Konflikt im Land wieder zugespitzt hat. Zwei Journalisten wurden dieses Jahr bereits ermordet, zwei kritisch Berichterstattende sahen sich gezwungen, das Land zu verlassen.

Auch knapp drei Jahre nach Abschluss des Friedensabkommens werden Medienschaffende, die im Kreuzfeuer zwischen linken Splittergruppen, rechten Paramilitärs und dem Staat berichten, von allen Konfliktparteien gezielt angegriffen und verfolgt. "Die systematischen Angriffe auf Journalistinnen und Journalisten zeigen deutlich, wie fragil die Einhaltung des Friedensabkommens ist", sagte ROG-Geschäftsführer Christian Mihr. "Drohungen und Angriffe gegen Medienschaffende müssen ernst genommen und strafrechtlich verfolgt werden. Die Regierung muss sich für die Sicherheit von Journalistinnen und Journalisten einsetzen, die finanziellen Mittel zum Schutz von Medienschaffenden erhöhen und die Umsetzung der im Friedensabkommen vereinbarten Regelungen zum Schutz der Pressefreiheit rasch vorantreiben."

Die Arbeitsbedingungen für Medienschaffende in Kolumbien haben sich in den vergangenen Monaten deutlich verschlechtert, so ROG. Dies zeigten unter anderem die Morde an zwei Medienschaffenden seit Mai: Der Dokumentarfilmer Mauricio Lezama wurde am 9. Mai in der Gemeinde Arauquita bei Drehvorbereitungen von unbekannten Bewaffneten erschossen. Er wollte einen Kurzfilm über die Überlebenden des Bürgerkrieges in der Region drehen. Einige Wochen darauf wurde der Bürgerjournalist und Menschenrechtsaktivist José Libardo Montenegro vom Gemeinschaftsradio Samaniego Estéreo ermordet. Schwerpunkt seiner Sendung waren Lokalnachrichten aus seiner Gemeinde Samaniego. Vor seinem Tod war er nicht bedroht worden.

Ebenfalls im Mai gerieten mehrere Journalisten nach der Aufdeckung eines Militärskandals massiv unter Druck. Die New York Times berichtete am 18. Mai über vertrauliche Beweisdokumente zu armeeinternen Anweisungen, die Anzahl von Festnahmen und Tötungen von Rebellinnen und Rebellen zu verdoppeln, selbst um den Preis, dass dabei Zivilistinnen und Zivilisten ums Leben kommen. Bereits in früheren Jahren war das kolumbianische Militär so vorgegangen.

Sowohl der Autor des Artikels – Nicholas Casey, der von Kolumbien aus arbeitende Leiter des NYT-Büros für die Andenregion – als auch der freie kolumbianische Fotograf Federico Ríos sahen sich nach massiven Diffamierungen über Twitter gezwungen, aus dem Land zu fliehen. Ex-Präsident Álvaro Uribe Vélez hatte die New York Times scharf für den Artikel attackiert, eine ultrarechte Senatorin und Anhängerin Uribes, María Fernanda Cabal, hatte Casey Bestechlichkeit und Nähe zu den FARC-Rebellen vorgeworfen.

Kolumbien war lange eins der gefährlichsten Länder der Welt für Journalistinnen und Journalisten. Zwischen 1977 und 2015 wurden in Kolumbien 152 Medienschaffende getötet. Ab 2016 schien sich die Lage zu verbessern: 2016 wurde in Kolumbien kein Journalist ermordet, 2017 einer. 2018 und ersten Halbjahr 2019 gab allerdings wieder jeweils zwei Morde.

Knapp drei nach dem Friedensabkommen ist kritische Berichterstattung in den ländlichen Regionen noch immer schwierig und gefährlich. Verschiedene bewaffnete Gruppen versuchen, medienschaffende zum Schweigen zu bringen, die über ihre Aktivitäten berichten. Gefahr droht nicht nur von verschiedenen Abspaltungen der FARC, sondern auch von den paramilitärischen Vereinigten Bürgerwehren AUC, der Nationalen Befreiungsarmee ELN, den Drogenkartellen und einer Vielzahl lokaler Mafiagruppen. Besonders betroffen sind laut ROG alternative und zivilgesellschaftliche Medien. Das kolumbianische Verfassungsgericht bestätigte am 27. Mai, das lokal Berichterstattende besonders gefährdet sind, und betonte, dass der Staat Angriffe auf Journalistinnen und Journalisten verhindern müsse.

Nach Mexiko ist Kolumbien weiterhin das gefährlichste Land Lateinamerikas für Journalistinnen und Journalisten. Auf der Rangliste der Pressefreiheit steht Kolumbien auf Platz 129 von 180 Staaten.

Quelle: www.reporter-ohne-grenzen.de 


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