LeeGenf/Franfurt a.M. (epo). - Zum Auftakt der Weltgesundheitsversammlung in Genf haben die Frankfurter Hilfsorganisation medico international und die BUKO Pharma-Kampagne in Bielfeld einen grundlegenden Richtungswechsel in der Gesundheitsforschung gefordert. "Es gibt gegenwärtig kein System, dass die Forschung und Entwicklung von lebensnotwendigen Medikamenten insbesondere für nichtzahlungskräftige Patienten sicher stellt", sagte medico-Geschäftsführer Thomas Gebauer. Überschattet wurde die Jahresversammlung der Weltgesundheitsorganisation vom plötzlichen Tod des WHO-Direktors Lee Jong-wook (Foto). Der 61jährige Südkoreaner starb am Montag an einem Blutgerinnsel im Gehirn.

Auf der Weltgesundheitsversammlung der WHO in Genf, die am Montag begann, sei eine heftige Debatte über die Zukunft von essentieller Forschung und Entwicklung im Gesundheitsbereich zu erwarten, so medico. Ausgangspunkt ist eine Resolution von Kenia und Brasilien, die einen grundlegende Richtungswechsel in der Gesundheitsforschung vorschlägt. Die beiden Länder fordern ein globales  Rahmenprogramm, das die Prioritäten bei Forschung und Entwicklung zugunsten öffentlicher Gesundheitsinteressen setzt und  dabei insbesondere die Bedürfnisse der Menschen in den armen Ländern berücksichtigt.

Bislang setze man auf Patente, die die finanziellen Anreize  für Innovationen sicherstellen sollen, erläuterte Gebauer die Diskussion. Tatsächlich aber würden die Gesundheitsinteressen von Millionen Menschen in dieser auf Privatisierung setzenden Forschungs- und Entwicklungspolitik unberücksichtigt gelassen. Der Zugang zu lebensnotwendigen Medikamenten werde durch die im Rahmen der WTO vereinbarten Trips-Regelungen sogar noch erschwert. "Gesundheit ist zu einem Anhängsel der Wirtschafts- und Handelspolitik geworden", sagte Gebauer. Nicht die WHO, sondern die WTO bestimme die globale Gesundheit.

Umso bedauerlicher sei es, dass die Kenia-Brasilien-Initiative, die der Politik mehr Gestaltungsspielraum zugunsten von Millionen armer Menschen sicher solle, von der deutschen Bundesregierung abgelehnt werde, kritisierte medico. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt habe die  Ablehnung in einem Brief an medico international mit dem Hinweis begründet, dass es angesichts unterschiedlicher Systeme in den einzelnen Ländern keine globalen Regelungen geben könne. "Das sagt die Vertreterin einer Regierung", so Thomas Gebauer, "die ansonsten keinen Zweifel daran lässt, wie sehr ihr an den globalen WTO-Regeln und TRIPS-Abkommen zum Schutz von Pharmapatenten gelegen ist."

medico international forderte die Bundesregierung auf, ihre Haltung zu überdenken und die Kenia-Brasilien-Initiative zu unterstützen. Die bundesdeutschen Vertreter auf der Weltgesundheitsversammlung sollten sich außerdem dafür einsetzen, "dass das brisante Thema in einer breiten Debatte auf der WHA öffentlich gemacht wird und nicht Ränkeschmieden in der Lobby zum Opfer fällt".

Für 90 Prozent der weltweiten Krankheitslast würden nur 10% der Forschungsausgaben aufgewendet, kritisierte die BUKO Pharma-Kampagne in Bielefeld. "Zwischen 1975 und 2004 wurden weltweit 1556 neue Medikamente entwickelt. Davon waren nur 20 Medikamente zur Behandlung tropischer Krankheiten und Tuberkulose geeignet. Das sind nur 1,3%, jedoch sind diese Krankheiten für 12 Prozent der weltweiten Krankheitslast verantwortlich."

Aber auch im Prinzip verfügbare Medikamente, z.B. zur Behandlung von HIV/AIDS, seien wegen der hohen Kosten für einen Großteil der Menschheit nach wie vor unbezahlbar, so die Pharma-Kampagne. Dabei sei die Problematik der Preisgestaltung sehr eng mit Fragen des Patentschutzes verknüpft. Die Commission on Intellectual Property Rights, Innovation and Public Health der Weltgesundheitsorganisation habe in ihrem Abschlussbericht vom 3. April 2006 betont, dass Patente die Entwicklung neuer Medikamente erschweren könnten.

Überschattet wurde die Jahresversammlung vom Tod des WHO Direktors Lee Jong-wook, der am Montagmorgen überraschend nach einer Hirnoperation gestorben war. Der 61-Jährige Südkoreaner hatte sich im Krankenhaus ein Blutgerinnsel im Gehirn entfernen lassen. Lee leitete die WHO seit Juli 2003.

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