rsfBerlin. - Weniger als eine Woche nachdem die Taliban behauptet haben, die Pressefreiheit respektieren zu wollen, häufen sich die Berichte über Drohungen, Schikanen und Gewalt gegen Journalistinnen und Journalisten in Afghanistan. Medienschaffende berichteten Reporter ohne Grenzen (RSF) von Einschüchterungsversuchen und inhaltlichen Vorgaben durch die Extremistengruppe. Seit der Machtübernahme der Taliban haben rund 100 private Lokalmedien insbesondere in den Provinzen fernab der Hauptstadt ihre Arbeit eingestellt. Die Zukunft der in den vergangenen 20 Jahren entstandenen lebendigen und durchaus pluralen Medienlandschaft Afghanistans mit Dutzenden TV- und Radiosendern und nahezu 200 Printmedien ist mehr als ungewiss.

Die privaten afghanischen Fernsehsender, die noch aus der Hauptstadt senden, sind RSF zufolge mittlerweile täglich Drohungen ausgesetzt. Ein Produzent, der für einen überregionalen Privatsender arbeitet, sagte RSF: "In der vergangenen Woche haben die Taliban fünf Reporterinnen und Reporter und Kameraleute unseres Senders geschlagen und sie als 'takfiri' [in diesem Zusammenhang etwa 'Ungläubige'] bezeichnet. Sie kontrollieren alles, was wir senden. Vor Ort sammeln die Taliban systematisch die Telefonnummern unserer Reporterinnen und Reporter und sagen ihnen: 'Wenn ihr diesen Beitrag vorbereitet, werdet ihr dies und jenes sagen'. Machen sie das nicht, werden sie bedroht."

Viele Sender sind gezwungen, Teile ihres Programms einzustellen, weil die neuen Machthaber in Kabul ihnen befohlen haben, die Scharia zu respektieren. "Serien und gesellschaftspolitische Sendungen wurden abgesetzt, stattdessen übertragen wir nur noch Nachrichtenmeldungen und Dokumentationen aus den Archiven", sagte ein Mitarbeiter eines Fernsehsenders, der sich als Vorsichtsmaßnahme einen Bart wachsen lässt und jetzt traditionelle Kleidung trägt.

Der Besitzer eines privaten Radiosenders nördlich von Kabul bestätigte RSF, dass die Taliban ihre Kontrolle über die Berichterstattung ausweiten würden. "Vor einer Woche sagten sie uns: 'Ihr könnt frei arbeiten, solange ihr die islamischen Regeln einhaltet', aber dann begannen sie, uns 'anzuleiten', welche Nachrichten wir senden dürfen und welche nicht, und was sie als 'faire' Berichterstattung betrachten," sagte der Journalist, der schließlich seinen Radiosender schloss und untergetaucht ist.

Zwei Medienschaffende, die für den privaten Fernsehsender Shamshad arbeiten, wurden von einem Taliban-Kämpfer daran gehindert, einen Bericht vor der französischen Botschaft zu drehen, weil ihnen eine vom "Islamischen Emirat Afghanistan" unterzeichnete Genehmigung fehle. Als sie ihn fragten, wohin sie gehen oder wen sie um eine solche Genehmigung bitten sollten, antwortete er: "Ich weiß es nicht".

In den vergangenen Tagen haben die Taliban die einflussreichsten afghanischen Rundfunkmedien angewiesen, Video- und Audioaufnahmen mit Taliban-Propaganda zu senden. Wenn sich Medien weigern, "sagen die Taliban, es handele sich nur um Werbung und sie seien bereit, für die Ausstrahlung zu bezahlen. Sie bestehen darauf und verweisen auf unsere nationale oder islamische Pflicht", so ein Journalist.

In der vergangenen Woche wurden mindestens zehn Journalistinnen und Journalisten bei ihrer Arbeit auf den Straßen von Kabul und Dschalalabad körperlich angegriffen oder bedroht. Der Sprecher der Taliban kündigte am 21. August auf Twitter an, dass ein Komitee zur "Beruhigung der Medien" eingesetzt werden solle. Der Ausschuss, der sich aus Vertreterinnen und Vertretern der Kulturkommission und von Journalistenverbänden sowie einem hochrangigen Kabuler Polizeibeamten zusammensetzt, soll laut offiziellen Angaben "die Probleme der Medien in Kabul angehen". Was tatsächlich dahinter steckt, ist unklar.

In den Provinzen, die weit von der Hauptstadt entfernt sind, ist der Druck auf Medienschaffende noch größer. Alle lokalen Büros des privaten Fernsehsenders Tolonews TV wurden geschlossen. In Masar-i-Scharif, der viertgrößten Stadt, wurden Journalistinnen und Journalisten gezwungen, ihre Arbeit einzustellen. Der Korrespondent eines überregionalen Radiosenders sagte: "Hier im Süden muss ich ständig unter der Drohung der Taliban arbeiten, die alles, was ich mache, kommentieren: 'Warum hast du diesen Beitrag gemacht? Und warum hast du uns nicht nach unserer Meinung gefragt?'"

Diese Erfahrung teilt auch der Leiter eines Radiosenders in der Provinz Herat, der vor der Machtübernahme der Taliban viele Hörerinnen und Hörer hatte. Er berichtete zudem von einem Treffen zwischen Medienmitarbeitenden und dem neuen Gouverneur der Provinz am 17. August. Dieser sagte demnach, er sei nicht ihr Feind und sie würden gemeinsam neue Arbeitsregeln definieren. Vor schweigenden Journalistinnen und Journalisten habe der Gouverneur dann gesagt: "Die Scharia definiert alles: 'Befiehl, was gut ist, und verbiete, was schlecht ist.' Man muss es nur praktisch anwenden." Der Radiodirektor fügte hinzu: "Danach haben die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen die Stadt verlassen, und diejenigen von uns, die geblieben sind, müssen ständig beweisen, dass das, was wir senden, das Gute befiehlt und das Böse verbietet."

Am vergangenen Wochenende ordnete die Abteilung für Jugend und Informationen des "Islamischen Emirats Afghanistan" (IEA) an, dass internationale Journalistinnen und Journalisten sich mit der IEA abstimmen müssten, bevor sie Interviews mit IEA-Kämpfern oder der lokalen Bevölkerung führen. Ansonsten riskierten sie, festgenommen zu werden.

"Es gibt im Moment keine klaren Regeln und wir wissen nicht, was in Zukunft passieren wird", sagte ein europäischer freiberuflicher Journalist in Kabul. Ein weiterer Korrespondent sagte: "Wir profitieren von der Tatsache, dass die Taliban immer noch nach Legitimität suchen. Die Ankunft großer internationaler Fernsehsender in den vergangenen Tagen schützt uns. Die Schwierigkeiten beginnen, wenn wir wieder auf uns allein gestellt sind."

Auf der Rangliste der Pressefreiheit steht Afghanistan auf Platz 122 von 180 Staaten. Vergangene Woche berichtete die Deutsche Welle, dass Taliban-Kämpfer auf der Suche nach einem afghanischen Mitarbeiter des Senders einen Angehörigen des Mannes erschossen haben. Demnach hatten die Taliban von Haus zu Haus nach dem Journalisten gesucht, der zur Zeit in Deutschland arbeitet. Ein weiteres Familienmitglied sei schwer verletzt worden.

Quelle: www.reporter-ohne-grenzen.de 


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