Stuttgart (epo.de). - Der Reifenindustrie geht der Rohstoff aus. Seit der Jahrtausendwende stiegen die Preise für Naturkautschuk auf fast das Sechsfache: sie liegen bei über 2000 Euro pro Tonne. Doch der Kautschukboom geht zu Lasten von Natur und biologischer Vielfalt. Forscher aus Deutschland und China starteten deshalb ein Projekt, das Kautschukanbau und Naturschutz in Übereinstimmung bringen soll. Im deutsch-chinesischen Forschernetzwerk entwickeln sie eine integrierte Landschaftsplanung, die ökonomische, soziale und ökologische Ziele vereint.

Partner in Deutschland sind die Universitäten Gießen, Hannover, Hohenheim, die Humboldt-Universität Berlin, Kassel und Passau. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert die Kooperation mit 2,3 Millionen Euro. Das Pekinger Ministerium für Wissenschaft und Technologie unterstützt die chinesischen Partner entsprechend.

"Auslöser für diesen Anstieg ist eine starke Nachfrage insbesondere der Reifen- und Autoindustrie", erklärt Prof. Dr. Joachim Sauerborn, Leiter des Fachgebiets Agrarökologie der Tropen und Subtropen an der Universität Hohenheim. "Vor allem in den Schwellenländern China und Indien boomt die Wirtschaft. Ein zunehmender Teil der Bevölkerung kann sich heute ein eigenes Auto leisten."

Leidtragende des Booms ist die Natur: Mit den neuen Gummiplantagen breiten sich Monokulturen aus, die vielerorts den natürlichen Wald verdrängen. Die Folge ist der Verlust biologischer Vielfalt. Gleichzeitig kann der Wald seiner Funktion in Klimaregulation, Wasserspeicherung und anderen Ökosystemdiensten nur noch eingeschränkt nachkommen. Für die verschiedenen Volksgruppen vor Ort bedeutet der einseitige Anbau von Kautschuk auch ein höheres ökonomisches Risiko: Da sie ihr Einkommen aus dem Anbau nur einer Kulturpflanze beziehen, sind sie von Preisschwankungen besonders abhängig.

Hier setzt das deutsch-chinesische Forschungsvorhaben "Living Landscapes China" (LILAC) an. In dem Projekt entwickeln Ökonomen, Ökologen und Soziologen gemeinsam ein integriertes Computer-Modell. "Gemeinsam mit den Entscheidungsträgern vor Ort wollen wir verschiedene Szenarien entwerfen, wie das Land genutzt werden könnte. Mit Hilfe des Modells können wir dann für jede Option die ökonomischen, ökologischen und gesellschaftlichen Konsequenzen analysieren ", erklärt Prof. Dr. Sauerborn.

Angesiedelt ist das Forschungsprojekt "Südlich der Wolken" in der Provinz Yunnan. Diese südwestlichste Provinz Chinas ist zugleich die geographisch und kulturell vielfältigste sowie Heimat seltener Pflanzen und Tiere, darunter der Indische Elefant und der Kleine Panda. Die am Mekong gelegene Präfektur Xishuangbanna ist von der Ausweitung des Kautschukanbaus besonders stark betroffen. Die tropische Region beherbergt vielfältige Landschaften mit einzigartiger Pflanzen- und Tierwelt, sowie fünfzehn Volksgruppen mit jeweils eigener Kultur und Landnutzung. Auf 0,2% der Landesfläche Chinas sind hier 18% aller Pflanzenarten des Landes zu finden.

NEUE CHANCEN DURCH NEUE PRODUKTE

Die Erschließung des einst abgelegenen Gebietes über transnationale Straßen und Infrastrukturprojekte sowie der Vormarsch des Kautschukanbaus gefährden diese Vielfalt, so die Forscher. Der Schwund an biologischer Vielfalt bedeutet einen erheblichen Verlust auch ökonomisch wertvoller natürlicher Ressourcen. Es ist davon auszugehen, dass die hohe Biodiversität in der Projektregion mit derzeit unter- oder ungenutzten genetischen Ressourcen verbunden ist, die in einer wissensbasierten Bioökonomie von hohem Wert sein können. Der jetzt stattfindende Wandel bietet auch Chancen: Regionale Produkte wie Heil-, Gewürz- und Zierpflanzen können nun über die Grenzen hinweg vermarktet werden.

"Der Spagat zwischen ökonomischen, sozialen und ökologischen Zielen wirft Fragen auf, für die wir vernetzte Antworten brauchen", erläutert Sauerborn. "Wie müsste zum Beispiel ein Mosaik von Nutz- und Schutzzonen aussehen, das die biologische Vielfalt erhält? Welche alternativen Einkommensmöglichkeiten für die Landbevölkerung bieten sich? Wie können die unterschiedlichen Kulturen der Volksgruppen bei voranschreitender Globalisierung fortbestehen?"

Drei Jahre lang wollen die deutschen und chinesischen Wissenschaftler Ansätze für die Landnutzungsplanung entwickeln, mit denen die wirtschaftliche Entwicklung und der Erhalt des natürlichen und kulturellen Erbes in Einklang gebracht werden können. Besonderen Wert legen die Wissenschaftler darauf die Bevölkerung vor Ort einzubinden.

Gemeinsam entwerfen Forscher und lokale Akteure sogenannte 'Storylines'. In einem weiteren Schritt sollen Szenarien künftiger Landnutzung in einer 3D-Visualisierung umgesetzt werden: Ein wichtiger Schritt, um Entscheidungsträgern die Folgen der aktuellen und geplanten Landnutzung für Mensch und Umwelt bildhaft darzustellen. Die Akteure können so mehr wissensbasierte Entscheidungen treffen. "Dadurch soll in China auch die Expertise deutscher Forscher und Unternehmen in der Landnutzungs- und Umweltplanung demonstriert und ihre Position gestärkt werden, denn für die chinesische Entwicklung wird der Umweltsektor immer wichtiger", sagt Sauerborn.

www.uni-hohenheim.de


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