Hühneraufzucht auf Madagaskar. Foto: FAO„Solange auch nur ein Mensch hungert, kann kein Mensch in Frieden leben“ lautet eine Losung indischer Bauernorganisationen. In den letzten Monaten zeigt sich immer deutlicher, wie viel Wahrheit diese Devise bis heute birgt: In immer mehr Ländern treiben steigende Lebensmittelpreise die Menschen zu Demonstrationen auf die Straße und zwingen ihre Regierungen zu oft kostspieligen Interventionen. Eine – wahrscheinlich nicht vollständige - Liste von Ländern, in denen allein in den letzten Tagen und Wochen Unruhen aufflammten, schließt Ägypten, Bangladesch, Burkina Faso, die Elfenbeinküste, Guinea, Haiti, Jemen, Kamerun, Mauretanien und Mexiko ein. Noch hat es keine massiven Hungerrevolten gegeben, aber die Weltbank schätzt, dass soziale Unruhen in bis zu 33 Ländern ausbrechen könnten.

Reis, Grundnahrungsmittel für die Hälfte der nun über 6,6 Milliarden Menschen, kostete an der Chicagoer Warenterminbörse CBOT (Chicago Board Of Trade) Anfang April 19,79 US-Dollar pro Zentner. Vor knapp einem Jahr waren es noch etwa 11,50 und Anfang 2008 knapp 14 US-Dollar gewesen. Damit vollzieht der Reispreis eine Entwicklung nach, die viele Getreidesorten, Milch und Milchprodukte aber auch Soja bereits in 2006 und 2007 durchgemacht haben.

Steigende Energiepreise sind eine wesentliche Ursache für die Preisexplosion – insbesondere in den Industrieländern, wo der Energiebedarf der Landwirtschaft hoch ist. Aber auch Dünger und andere Vorprodukte werden teurer. Gleichzeitig steigt die weltweite Nachfrage – einerseits nach veredelten Produkten wie Fleisch und Milch andererseits nach Agrarrohstoffen, die Energie liefern. Schätzungen zufolge sind in 2007 etwa 100 Millionen Tonnen Getreide für die Energieerzeugung eingesetzt worden. Insgesamt lag die Jahresproduktion bei etwa 1650 Millionen Tonnen.

Auf der Angebotsseite muss die jahrzehntelange Vernachlässigung der Landwirtschaft in Entwicklungsländern in Rechnung gestellt werden. Insgesamt also schlagen Missernten wie die jüngste in Australien neuerdings wesentlich stärker auf die Preise durch als früher.

Nach dem rasanten Anstieg der Energiepreise treffen die hohen Lebensmittelmittelausgaben die Armen überall auf dem Globus doppelt hart. Fast alle Schwellenländer kämpfen derzeit mit den höchsten Inflationsraten seit rund zehn Jahren. In China liegt die Teuerungsrate im Moment bei etwa neun, in Indien bei sieben, in Brasilien deutlich über fünf und in Russland derzeit gar über zehn Prozent. Verschärft wird die Situation noch durch die von der US-Notenbank ausgelöste Dollarschwemme, die vor allem jene Länder trifft, die ihre Währung eng (z.B. Thailand) oder überwiegend (etwa China) an den US-Dollar angelehnt haben.

Gleichzeit vermindern die gestiegenen Nahrungsmittelpreise die Schlagkraft der internationalen Hilfsorganisationen. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) hatte die internationale Gemeinschaft bereits im März aufgerufen, zusätzliche 500 Millionen US-Dollar bereit zu stellen, um die laufenden Programme weiter führen zu können. Das WFP verteilt rund 40 bis 50 Prozent der weltweiten Nahrungsmittelhilfe. Deutschland hat dafür Anfang April umgerechnet zusätzlich 7,5 Mio. US-Dollar zur Verfügung gestellt. USAID, die US-Behörde für internationale Entwicklung, plant dagegen, seine 1,5 Milliarden US-Dollar schweren Programme zu straffen. Gestiegene Preise und Frachtraten haben die Kaufkraft der Hilfsorganisation um etwa 120 Mio. US-Dollar – also fast neun Prozent – gemindert.

Die betroffenen Länder versuchen ihre Bevölkerung mit verschiedenen Mitteln vor dem drohenden Hunger zu schützen: Manche senken die Einfuhrzölle (z.B. Indonesien im Fall von Sojabohnen), andere begrenzen Nahrungsmittelexporte (Vietnam und Indien im Fall von Reis). Die meisten Staaten aber subventionieren die Preise, damit die Teuerung nicht voll an der Ladentheke durchschlägt. Schätzungen zu Folge hat Indien schon 2005/2005 etwa 600 Mio. US-Dollar für Subventionen bei Reis und Weizen aufgewandt und die Philippinen werden dieses Jahr für Reissubventionen mehr als eine halbe Milliarde US-Dollar brauchen. Nach Informationen der Financial Times Deutschland ist allein die Weizenrechnung Ägyptens für 2007/2008 um 850 Mio. auf 2,67 Milliarden US-Dollar hochgeschnellt.

Positive Effekte sind dagegen für die Landwirtschaft und die ländlichen Räume zu erwarten. Die Einkommenssituation vieler Bauern dürfte sich in absehbarer Zeit verbessern. Neue Jobs auf dem Land sind wahrscheinlich und sogar eine Minderung der Landflucht ist denkbar.

Doch die eine derartige Entwicklung hat auch Tücken: Immer mehr Anleger entdecken landwirtschaftliche Nutzflächen als Spekulationsobjekt. Aber auch die chinesische Regierung hat bereits Farmland in Lateinamerika aufgekauft. Haussieren die Lebensmittelpreise weiter – was wahrscheinlich ist – könnten steigende Landpreise in einigen Jahren die Teuerung weiter anheizen. Zwar handhaben viele Staaten den Landbesitz von Ausländern sehr restriktiv. Aber leider können in vielen Ländern gerade die Kleinbauern von steigenden Land- und Nahrungsmittelpreisen ebenso wenig profitieren, weil ihnen das Land, das sie bewirtschaften, schlichtweg nicht gehört. Landreformen werden also zunehmende Bedeutung erlangen, und zwar auch in Ländern – zum Beispiel in Afrika -, wo dies bisher kein Thema war.

(Foto: Hühneraufzucht auf Madagaskar. © FAO) 

Der Autor Uwe Kerkow ist Agrarwissenschaftler und freier Journalist in Bonn/Königswinter. 


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