Nelson Mandela auf Robben IslandBerlin (epo.de). - Heute wird der 90. Geburtstag eines Mannes begangen, der weltweit hohes Ansehen genießt. Man kann sicher sein, dass die Staats- und Regierungschefs dieser Welt Nelson Rolihlahla Mandela als Helden der Versöhnung mit den einstigen Peinigern, als "Gutmenschen", als großen Humanisten und Kämpfer gegen Armut und Ungerechtigkeit feiern. Gegen eben jene Armut und Ungerechtigkeit, deren Überwindung sie selbst bei jedem G8 Gipfeltreffen sabotieren oder bei UNO-Vollversammlungen und Resolutionen im UN-Sicherheitsrat torpedieren. Die meisten Mainstream-Medien spielen dieses Spiel mit und transportieren Schablonen eines Popstars: eine kommentierte Medienschau von Klaus Boldt.


"Von Rache wollte Häftling 466/64 nichts wissen", titelt die FAZ und hofft vermutlich darauf, dass das eigene Blatt, das sich mit Kritik am Apartheid-Regime in Südafrika jahrzehntelang sehr zurückhielt, auch keine Rache fürchten muss.

DER ÜBERMENSCH

"Als Häftling '466/64' war Mandela 27 Jahre lang eingekerkert, doch bei seiner Freilassung 1990 wollte er von dem sehr menschlichen Bedürfnis nach Rache nichts wissen", lobt FAZ-Autor Thomas Scheen. "Das macht ihn beinahe übermenschlich. Der spätere Friedensnobelpreisträger ging auf seine ehemaligen Peiniger zu; er trank Tee mit der Witwe des Erfinders der Apartheid und ehemaligen Ministerpräsidenten, Hendrik Verwoerd; und er scherzte mit dem ehemaligen Staatsanwalt Percy Yutar, dessen Plädoyer ihm einst eine lebenslange Haftstrafe eingebracht hatte." Dann widmet sich Scheen wichtigeren Dingen: "So geschickt Mandela auf der politischen Bühne agierte, so wenig Glück hatte er in seinem Privatleben." Schwamm drüber.

DIE IKONE

"Mandela ist mehr als der Vater seiner Nation. Er ist eine Ikone, die über alle Grenzen hinweg leuchtet", schwelgt die Süddeutsche Zeitung. "Und nun, an seinem Geburtstag, wird sich die Welt noch einmal vor ihm verneigen." Immerhin verweist Autor Arne Perras darauf, Mandela habe den Namen Rolihlahla erhalten, "was so viel bedeutet wie: 'Der Unruhestifter'". Ein insgesamt lesenswertes Porträt.

DER POPSTAR

"Gefeiert wie ein Popstar - Mandela wird 90", klärt Claus Stäcker vom ARD-Hörfunkstudio Johannesburg die Hörer auf. Es genügt, die Zwischentitel zu lesen: "Vergebung für einstige Feinde", "Private Schicksalsschläge".

DER WEISE VOM KAP

"Der Weise vom Kap (...) riskierte sein Leben für die Freiheit der Schwarzen unter der Apartheid, saß 27 Jahre im Gefängnis - und verzieh danach seinen Unterdrückern", berichtet die Deutsche Welle in einem guten Porträt, das auch dem Freiheitskämpfer Mandela Platz einräumt: "Als der ANC 1961 verboten wurde, ging Mandela in den Untergrund und gründete den militanten ANC-Flügel 'Umkhonto we Sizwe' ('Speer der Nation'). 1962 wurde er - nicht zum ersten Mal - verhaftet und 1964 im Rivonia-Prozess zu lebenslanger Haft verurteilt." Und man verweist auf den mitunter nicht immer diplomatischen Vater der Nation: "Vor dem Irakkrieg nannte Mandela den US-Präsident George W. Bush einen Staatschef, 'der nicht richtig denken kann und die Welt in einen Holocaust stürzen will'."

DIE POP-IKONE

"Wie Nelson Mandela zur Pop-Ikone wurde", weiß Die Welt Online: "1984 kam 'Free Nelson Mandela' als Single auf den Markt, seit 1990 ist Mandela frei." Das ist nicht uninteressant. Und Die Welt hat eine andere Übersetzung des Stammesnamens Rolihlahla parat: "Der am Ast des Baumes zerrt". (...) "Er machte diesem Namen schon beim Studium in Fort-Hare alle Ehre beim gewalttätigen Aufstand gegen miserables Mensa-Essen."

DER TERRORIST

New York Times-Kolumnist Nicholas D. Kristof bringt es auf den Punkt, wenn er über die US-Politik vor und nach Guantanamo schreibt: "But of all the ridiculous things we did in the name of protecting American security, putting Nelson Mandela on a terrorism watch list may be the most absurd. Mandela, the symbol of peaceful conciliation, the former president of South Africa, the 90-year-old hero — what did we think he would do, strap on a suicide vest?"

Die Asia Times fragte am 17. August 2006: "What do Nelson Mandela, Michael Collins, Archbishop Makarios, Menachim Begin, Yasser Arafat, Yitzhak Shamir, Eamon DeValera and Jomo Kenyatta have in common, apart from having being heads of state? As everybody knows, but few remember, they were all vilified as 'terrorists' by the British or American authorities. Ronald Reagan branded Mandela's African National Congress a terrorist organization - and to be fair, it did commit some terrorist acts, while the ancestors of Likud blew up the King David Hotel, assassinated the highest British official in the Middle East during the war against the Nazis, and gunned down United Nations representative Count Folke Bernadotte for trying to negotiate a peace settlement." Übrigens: Die Asia Times ist eine der spannendsten Quellen, wenn es um die Analyse des Weltgeschehens geht.

MANDELAS ERBE

"Has SA betrayed Mandela's legacy?", fragt besorgt der südafrikanische Mail & Guardian. "Nelson Mandela celebrates his 90th birthday on Friday as a widely revered statesman, but South Africa faces a host of problems that challenge the dream he embodies of a harmonious rainbow nation. (...) Yet his birthday comes at a time of crisis in the country under the rule of his successor, Thabo Mbeki, widely attacked for failures in fighting Aids, poverty, a major power crisis, violent crime and the disaster in neighbouring Zimbabwe." Und Autor Barry Moody wagt es, am Denkmal zu sägen: "Analysts say Mandela's place in history is due to the way in which his inspirational leadership and power of reconciliation averted civil war at the end of apartheid and united the races in a new democracy against great odds. But he was seen to have only a vague grasp of economic issues and left detailed policy to Mbeki, his deputy president, who effectively ran government, even then." Was von Mandelas Nachfolger Mbeki zu halten ist, schrieb Financial Mail-Redakteur Barney Mthombothi: "Needless to say, their prince has turned out to be a frog."

DER FREIHEITSKÄMPFER

Nelson Mandela feiert seinen Geburtstag in seinem Heimatdorf in der Transkei im engsten Familien- und Freundeskreis. Das ist typisch für ihn, der dem Rummel um seine Person noch nie viel abgewinnen konnte. Um keinen Zweifel daran zu lassen: Wir halten ihn für den größten lebenden Menschen. Wir halten nur nichts davon, ihn schablonenhaft zur Ikone zu stempeln und kritiklos an der Tatsache vorbei zu gehen, dass dieselben "Leader", die ihn nun zum Heroen hochstilisieren, den Freiheitskämpfer Mandela ignorieren.

Als Mandela 1990 die USA besuchte, forderten amerikanischen Politiker (und Medien) ernsthaft, dass er sich von Gewalt als politischem Instrument distanziere. Tom Wicker beschrieb damals in der New York Times die "Scheinheiligkeit" der Supermacht in ihrem Verhältnis zur Gewalt:

"Mr. Mandela made the proper answer on the White House lawn. The violent and repressive Government of South Africa, he said, had given his people 'no alternative but to resort to violence.' Once that Government 'removed all obstacles to negotiation' -which it has not yet done despite its belated change for the better under F.W. de Klerk - the A.N.C. 'would consider the cessation of hostilities.'
To his credit, President Bush apparently had expected this obvious response and did not appear to let it affect his welcome or his admiration for the great South African. That does not remove the taint of hypocrisy from U.S. talk of nonviolence to a leader who spent 27 years as a political prisoner, owing to information provided to a brutal Government by the C.I.A.
Nor should any American pretend to a better knowledge than Mr. Mandela of the status of apartheid in South Africa, even after the recent reforms. Who in Washington knows better than Mr. Mandela what the Afrikaner minority still must concede before the huge black majority can claim anything like equality and security?
Demands for nonviolence, moreover, ill become a U.S. Administration that with ample Congressional support invaded Panama and killed four times more civilians than Panamanian soldiers, and 26 Americans - all in pursuit of one alleged criminal it may not even be able to convict.
Violence was a prime tool of the Reagan Administration, of which George Bush was second in command, when the U.S. bombed Libya on the assumption that Muammar el-Qaddafi had ordered acts of terror in West Germany, when it mounted an amphibious conquest of the formidable island of Grenada, and when it armed, trained and financed the contras to achieve U.S. goals in Nicaragua."
Wohlgemerkt: Das war vor 9/11 und George W. Bush, seit dessen Regierungszeit die Welt den Krieg wieder als legitimes politisches Mittel zur Durchsetzung von "Freiheit und Demokratie" betrachtet.