Cesar Ocana auf seinem neuen WeidelandQuito (epo.de/GTZ). - "Das Menschenrecht auf Wasser ist von grundlegender Bedeutung und unverzichtbar." So steht es in der neuen ecuadorianischen Verfassung. Ihr Urheber, Präsident Rafael Correa, will die Wasserfrage wichtig nehmen. Er hat sogar eine Behörde gegründet, die das völlig veraltete Wassergesetz neu erarbeiten soll. Derweil kämpfen die Menschen oben in den Anden um jeden Tropfen Wasser. Der Lebensraum der Ureinwohner ist gleichzeitig Wasserreservoir für Hunderttausende, die weiter unten im Tal wohnen. Dort kommt jedes Jahr aber immer weniger Wasser an. Ein Bericht von Oliver Hölcke.

Die indigene Gemeinde Pilahuin liegt rund 3500 Meter hoch in den ecuadorianischen Anden in der Provinz Tungurahua. In dieser Höhe sprießen aus dem kargen Boden nur noch krüppelige Sträucher, Flechten und die krautigen Horstgräser. Dies ist der Páramo, eine Vegetationsform, die so gut wie keine Landwirtschaft zulässt. In der Regenzeit ist es kalt, grau und windig; einfach ungemütlich. In der Trockenzeit kann es hier, nur wenige Kilometer vom Äquator entfernt, brütend heiß werden. Trotzdem ist der Páramo lebenswichtig für die fast 10.700 Menschen oben, aber auch für die rund 150.000 Städter, die in der Provinzhauptstadt Ambato unten im Tal wohnen.

Der Páramo ist ein Wasserreservoir, das wie ein Schwamm funktioniert. Das Regenwasser, aber auch die Nebeltropfen verfangen sich in den Gräsern, laufen an ihnen hinab und werden von den Wurzeln gehalten. Dieser Schwamm trocknet allerdings jedes Jahr mehr und mehr aus. Im Auftrag des Bundesentwicklungsministeriums (BMZ) ist die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) hier seit mehreren Jahren tätig, um zum einen, das weitere Austrocknen zu verhindern und zum anderen die Armut der Páramobewohner zu verringern.

"Im Bezirk Tisaleo, nur wenige Kilometer von Pilahuin entfernt, verschwinden jedes Jahr Gebiete, die eine Größe von rund 250 Fußballfeldern haben", sagt Ana Gonzales, Mitarbeiterin der GTZ in Tungurahua. "Die Menschen, die hier oben leben, zerstören ihren eigenen Lebensraum."

Sie halten sich Kühe, Schafe und vereinzelt auch noch Lamas oder Alpakas. Diese Hufer grasen wie die Weltmeister, wirken aber ausgehungert. Das Gras hat so gut wie keine Proteine. Die Bauern setzen daher regelmäßig den Páramo in Brand, um ihren Tieren das proteinreichere, frische Gras mit den jungen Trieben zu gönnen. Je mehr abgebrannt wird, desto weniger Wasser verfängt sich in den Halmen, um in den Wurzeln  gespeichert zu werden.

So ist der Páramo im Laufe der Jahre allmählich ausgedörrt. Hinzu kommt, dass die landwirtschaftlich genutzten Felder direkt an den Abhängen liegen. Die schweren Tiere trampeln das Gras platt und zerstören dadurch den Boden. Es kommt zur Erosion, Teile des Untergrundes rutschen ab und das Feld ist als Wasserreserve unbrauchbar geworden.

Der Páramo mit Kühen und Erosionsschäden

Der Wasserabfluss aus dem Páramo hat sich in den letzten 25 Jahren drastisch verringert. In Tungurahua ist der Fluss Ambato Hauptlieferant von Wasser. Hier hat man in den 80er Jahren noch einen Abfluss von 12 Kubikmeter pro Sekunde gemessen. Im Jahr 2000 betrug die Wassermenge nur noch 3,5 Kubikmeter pro Sekunde.

ÖDE UND UNWIRTLICH

Die Jahrhunderte zurückliegende Eroberung des südamerikanischen Kontinentes zeigt hier immer noch seine Auswirkungen. Die spanischen "Conquistadores" sicherten sich die guten, brauchbaren Flächen unten im Tal und vertrieben die Indigenen immer weiter in die Berge. Die Flüchtenden mussten hier oben, im kalten und kahlen Páramo, eine neue Heimat finden. Heute gehört der Páramo denen, die hier leben und die sich in sogenannte Comunidades organisiert haben. Comunidades sind Dorfgemeinschaften, die aus 200, aber auch aus 1000 Menschen bestehen können.

Dass die Fläche des Páramo schrumpft, hat auch einen sozio-kulturellen Grund. Wenn ein Bauer fünf Kinder hat, so wie es im Durchschnitt der Fall ist, so muss er auch allen fünf, egal ob Tochter oder Sohn, einen gleich großen Abschnitt Land vererben. Zum einen macht er das, indem er völlig unkontrolliert ein neues Stück im Páramo absteckt und es für eines seiner Kinder beansprucht. Zum anderen teilt der Bauer das eigene Stück Land in viele, kleine Parzellen auf.

Große landwirtschaftliche Flächen, die mit wenigen Maschinen zu bewirtschaften wären, gibt es daher in Tungurahua nicht mehr. Es kommt tatsächlich vor, dass einzelne Hochlandbewohner nur noch 30 Quadratmeter kleine Felder besitzen und einen Job in der Stadt annehmen müssen, um das Überleben der Familie zu sichern. Immer mehr junge Leute wandern daher auch ganz in die großen Städte ab, bewirtschaften ihr Land nicht, haben aber trotzdem immer noch das Besitzrecht. Die Neuordnung der landwirtschaftlichen Nutzflächen ist daher ein weiterer großer Themenkomplex, der die GTZ-Mitarbeiter und die lokalen Behörden beschäftigt.

ERFOLG DURCH VERZICHT

Die Indigenen hängen nicht an der Bewirtschaftung dieser kalten, ungemütlichen Landschaft. Die Arbeit ist hart, schadet ihrer Gesundheit und hat sie all die Jahre nicht wohlhabender gemacht. Auf der anderen Seite brauchen die Städter und mit ihr das städtische Wasserwerk den unbewirtschafteten Páramo als Wasserreservoir, da er in der gesamten Provinz Tungurahua Wasserlieferant für rund eine halbe Million Menschen ist.

Beide Interessen vereint nun der "Plan de Manejo Páramo", den drei große, indigene Organisationen mit Beratung der GTZ-Mitarbeiter erarbeitet haben. Ziel ist es, zum einen das Ökosystem Páramo als Wasserlieferant zu erhalten und zu schützen, zum anderen ist es aber auch wichtig, die Armut der Indigenen nachhaltig zu mindern.

Die Idee war, dass sich die drei Organisationen verpflichten, einen Teil ihres Landes, das im Naturschutzgebiet Páramo liegt, unbearbeitet zu lassen. Im Gegenzug sollte das Land, das die Indigenen weiter unten besitzen, durch besseres Saatgut optimal genutzt werden. Zusätzlich wurde ihnen Beratung in Sachen professioneller Milchwirtschaft angeboten.

Cesar Ocana an seinem Arbeitsplatz

"Das war ein langer und sehr schwieriger Kampf, die Familien von diesem Programm zu überzeugen", erinnert sich Cesar Ocaña, der Präsident der COCAP (Cooperacion de Organizaciones Campecinas de Pilahuin), einem Zusammenschluß von 13 Comunidades. "Sie wußten ja nicht, ob es funktioniert." Er unterstützte das Programm von Anfang an und redete mit Engelszungen auf seine Nachbarn und Freunde ein: "Wir wollen keine Ausbreitung der Flächen, sondern Verbesserung der Bestehenden!" Aber von 13 Comunidades haben sich gerade mal zwei durchgerungen, an diesem Experiment teilzunehmen.
 
Das gesamte Areal der drei indigenen Organisationen zusammen umfasst 46.800 ha, davon ließen sie in den weiter hoch gelegenen Gebieten über 9.000 ha brach liegen.

Im Juli 2008 ging es dann mit der verbesserten Bewirtschaftung weiter unten los. Sie wählten sieben Flächen in ihrer Nachbarschaft aus und bestreuten die Felder mit der neuen ertragsreicheren Grassaat. Im November fingen die Kühe und Schafe an zu grasen. Früher wuchs das Gras in 90 bis 100 Tagen nach, heute sind es nur noch 45 bis 60 Tage. Und was noch viel wichtiger ist: "Das Gras schmeckt den Kühen", grinst Cesar.

Die Kühe geben heute mehr als doppelt soviel Milch wie früher. Auch die Schafe scheinen das Gras zu goutieren. Vor zwei Jahren habe er noch zehn bis zwölf Schafe im Jahr verkaufen müssen, sagt Cesar. Die waren klein und hätten nicht so viel Geld eingebracht. Heute verkauft er fünf, die wesentlich größer und ertragreicher sind.

Der 30jährige Cesar lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Tamboloma, einem 2000-Seelen Dorf. Sie besitzen vier Milchkühe, ein paar Schafe und bauen auf ihrem 2ha großen Feld Kartoffeln und Bohnen an. Ab und zu wird auch mal ein Meerschweinchen geschlachtet. Das Geld, das nun ein bischen mehr ist, investieren sie in besseres Futter für die Tiere, in wärmere Kleidung und in die Ausbildung der Kinder. Kein Wunder also, dass sich jetzt vier weitere Comunidades gemeldet haben, die am Programm teilnehmen möchten.

EIN FONDS ALS NACHHALTIGE FINANZIERUNGSQUELLE

Finanziert wird das Projekt durch einen Fonds (Fondo de Páramos de Tungurahua y Lucha contra la Pobreza), der auf Initiative von nationalen und internationalen Organisationen (darunter GTZ, der DED und die US-amerikanische USAID) ins Leben gerufen wurde.

Sieben öffentliche und private Organisationen u.a. auch die Provinzregierung, die Elektrizitätswerke und das regionale Wasserwerk haben eingezahlt. Von den Zinsen werden die Projekte finanziert und u.a. Saatgut und Beratung bezahlt. In Zukunft soll dieser Fonds auch für Umwelterziehung und ökologischer Landwirtschaft genutzt werden.

"Bei den Städtern sollte aber auch noch Aufklärungsarbeit geleistet werden", sagt Cesar Ocaña. "Sie halten es für selbstverständlich, dass sie ihr Wasser bekommen und im Grunde genommen, nichts dafür tun müssen." In der Provinz Tungurahua erhebt das Wasserwerk keinen extra "Wasserpfennig" oder ähnliche besondere Abgaben, die der Verbraucher zahlen muss, um sich am Schutz des Páramo zu beteiligen.

WASSER ALS MENSCHENRECHT

Die neue ecuadorianische Verfassung, die letztes Jahr im September vom Volk in einem Referendum angenommen wurde, sieht Wasser als ein fundamentales Menschenrecht an. Zum ersten Mal wird in dieser Verfassung auch der kulturellen Verbundenheit der indigenen Ureinwohner zu Wasser, Respekt gezollt. Dem zugrunde liegt auch die Forderung innerhalb der Verfassung, dass Wasser nicht privatisiert werden darf. Der Staat soll die exklusive Entscheidung und Kontrolle über Wasser haben.

Um die Idee der Konstitution umzusetzen, braucht es Gesetze. Rafael Correa hat daher das SENAGUA (Secretaría Nacional del Agua) ins Leben gerufen. Eine öffentliche Institution, in der sich mehr als 300 Organisationen bestehend aus Gemeinden, Hochschulen, Umweltverbänden, lokalen Regierungen, Stiftungen und Nichtregierungsorganisationen im Dialog befinden. SENAGUA kümmert sich in erster Linie um Belange rund um Wasser, das, je nach Definition, als Staatsvermögen oder auch als Kulturgut angesehen wird.

SENAGUA ist gerade dabei ein wirksames Wassergesetz zu entwickeln, da das alte, existierende Gesetz obsolet bzw. nie umgesetzt worden ist. Ihre dringlichste Frage: Wie wird sich die Wasserversorgung der Ecuadorianer in den nächsten Jahren entwickeln? Wie sieht in Zukunft die Verfügbarkeit von Wasser aus?

"Ich erhoffe mir für meine Zukunft, eine verbesserte Landwirtschaft, d.h. noch besseres Gras und vielleicht auch bessere Kühe, damit ich dann mehr Geld verdiene und meine Kinder eine Ausbildung bekommen, die sie sich wünschen", sagt Cesar Ocaña. Die Tochter möchte Ärztin werden und der Sohn Ingenieur der Wasserwirtschaft. Ihr Wissen soll dann auch die Zukunft ihrer Kinder sichern.

Fotos: Der Páramo; Cesar Ocaña auf dem Feld, das mit neuer Grassaat versehen wurde; Ocaña an seinem Arbeitsplatz © GTZ/Oliver Hölcke

Oliver Hölcke arbeitet derzeit als journalistischer Berater bei der GTZ in Ecuador.

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