SudanGöttingen (epo.de). - Im Südsudan droht der mühsam erreichte Friedensprozess zu scheitern, nachdem bei bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Volksgruppen im Bundesstaat Jonglei nahe der äthiopischen Grenze mehr als 100 Menschen getötet wurden. Bewaffnete des Lou-Nuer-Volkes hätten am Sonntag ein Dorf überfallen, das mehrheitlich von den Dinka Hol bewohnt wird, erklärte ein Sprecher der sudanesischen Befreiungsarmee (SPLA). Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) forderte am Dienstag einen besseren Schutz der Zivilbevölkerung.

"Seit Januar 2009 hat die Gewalt im Südsudan so massiv zugenommen, dass die Zivilbevölkerung ihr Vertrauen in den Schutz durch Behörden und Sicherheitskräfte verliert", berichtete GfbV-Afrikareferent Ulrich Delius in Göttingen. Mehr als 2.100 Menschen seien durch die Konflikte seit Jahresbeginn ums Leben gekommen. Wenn der Friedensprozess gerettet werden solle, müsse die internationale Staatengemeinschaft dringend dafür sorgen, dass die Bevölkerung besser geschützt wird.

Auch die Bischöfe im Südsudan, die sich seit Jahren für einen dauerhaften Frieden einsetzen, richteten immer dringlichere Appelle an das Ausland, mehr für die Sicherheit und die Umsetzung des Friedensabkommens zu tun, erklärte die GfbV. Die Menschenrechtsorganisation forderte einen schnelleren Aufbau der lokalen Polizei und eine Verstärkung der UN-Friedenstruppe UNMIS.

Nach Ansicht der GfbV verfügt die autonome Regierung im Südsudan weder über ausreichend Polizeikräfte noch über genügend Soldaten, die zum Schutz der Zivilbevölkerung ausgebildet sind. Die Regierung habe zu lange “alle Kräfte darauf konzentriert, sich auf einen neuen Krieg mit dem Nordsudan vorzubereiten”. Deshalb sei der Wiederaufbau vernachlässigt worden. Die Verarmung von Bauern und Rinderhirten sowie die schwierige Eingliederung ehemaliger Kämpfer der Freiheitsbewegung schürten die Gewalt.

UNABHÄNGIGE UNTERSUCHUNG ERFORDERLICH

Nach Angaben der GfbV steht die Zentralregierung in Khartum im Verdacht, gezielt Milizen kleinerer Volksgruppen im Süden des Landes zu bewaffnen, um die Gewalt dort zu schüren und den Friedensprozess zu behindern. "Es muss eine unabhängige Untersuchung der Vorkommnisse vom vergangenen Wochenende geben", forderte Delius. Denn anders als bei vielen anderen Auseinandersetzungen im Südsudan sei es den Angreifern nach Augenzeugenberichten darum gegangen, möglichst viele Zivilisten zu töten. Bei anderen Zwischenfällen gehe es oft um Landrechte, den Zugang zu Wasserstellen oder den Diebstahl von Vieh.

Im Süden des Sudan herrschte bis 2005 mehr als 20 Jahre lang Bürgerkrieg. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen wurden dabei rund 300.000 Menschen getötet. 2,7 Millionen wurden im eigenen Land vertrieben oder flohen ins Ausland.

Das im Januar 2005 unterzeichnete Friedensabkommen zwischen der sudanesischen Regierung und der südsudanesischen Freiheitsbewegung SPLA (Sudan Peoples Liberation Army) sieht vor, dass die Bevölkerung des Südsudan im Jahr 2011 in einer Volksabstimmung darüber entscheidet, ob ihr Landesteil ein unabhängiger Staat werden soll. Khartum fürchte, eine Mehrheit der Südsudanesen werde sich für die Unabhängigkeit aussprechen, lautet die Einschätzung der GfbV.



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