weizen_wmc_150Bonn (epo.de). - Die Europäische Union muss den Handel mit Terminkontrakten an den Getreidebörsen strengeren Regeln unterwerfen. Das hat der Politische Geschäftsführer von Germanwatch, Christoph Bals, angesichts der aktuellen Preisexplosion bei Getreide gefordert. Die EU müsse damit auch endlich Konsequenzen aus der für Millionen von Menschen verheerenden Ernährungskrise vor zwei Jahren ziehen, erklärte Bals am Montag in Bonn.

Die neuerliche Preisexplosion lasse sich nicht allein mit den Bränden und dem darauf folgenden Weizenausfuhrverbot der Regierung in Russland erklären, so Bals. Denn die weltweiten Lagerbestände von Weizen seien nach der Rekordernte von 2009 mit 190 Millionen Tonnen noch relativ hoch. Die Ernteausfälle in Russland, Kasachstan, der Ukraine und Pakistan würden zudem durch gute Ernten vor allem in den USA und Argentinien zu einem großen Teil kompensiert.

Der internationale Getreiderat schätzt, dass die gesamte Getreideernte 2010 mit etwa 26 Millionen Tonnen nur leicht unter dem weltweiten Bedarf liegen werde. Russland hat mit 10 bis 18 Millionen Tonnen jährlich nie mehr als zehn Prozent zum internationalen Weizenhandel beigetragen.

"Demnach hat die ungehemmte Spekulation an den Getreidebörsen die Preisspirale zwar nicht ausgelöst, aber doch ganz erheblich beschleunigt", erklärte Germanwatch. Finanzinvestoren machten sich die global gesehen undramatische Verknappung des Angebots durch regionale Wetterextreme zunutze, indem sie Getreide in riesigen Mengen auf Termin kauften, so die Stimmung an den Börsen anheizten, um dann Kasse zu machen. Laut FAO führe nur ein ganz geringer Bruchteil der Termingeschäfte zu einem realen Austausch von Ware. "Die Getreidebörsen haben buchstäblich die Bodenhaftung verloren", sagte Germanwatch-Vorstand Klemens van de Sand. Auch von der deutschen Nahrungsindustrie sei das Spekulieren mit Lebensmitteln kürzlich heftig kritisiert worden.

"Die hohen Preise treffen vor allem die Ärmsten in den Entwicklungsländern, die bis zu 80 Prozent ihrer Einkommen für Nahrung ausgeben, während es bei uns nur zehn bis zwanzig Prozent sind: Sie kaufen weniger und essen schlechter", so van de Sand. Die Zahl der Hungernden habe weltweit seit der letzten Krise 2007/08 um 150 Millionen auf über eine Milliarde zugenommen.

Ein Teil der teuren, nur die Symptome einer verfehlten Politik kurierenden Nahrungsmittelhilfe könnte eingespart werden, wenn die Industrieländer konsequente Maßnahmen zur Beseitigung der Ursachen von Hunger und Armut treffen würden, so Germanwatch. Die EU sei auch deshalb gefordert, weil die USA im Zuge der Finanzmarktreform die Agrarrohstoffmärkte transparenter gemacht und Preislimits für Terminkontrakte eingeführt hätten.

Allerdings seien die USA wie die EU immer noch nicht bereit, der Tatsache Rechnung zu tragen, dass das Spekulieren auf höhere Getreidepreise nicht zuletzt auf die steigende Nachfrage nach Agrarkraftstoffen setze, die durch Subventionen und Beimischungsvorgaben für sogenannten "Biosprit" politisch generiert werde. Das sei sowohl für die Ernährungssicherung als auch für das Weltklima und die Biodiversität kontraproduktiv, betonte Klemens van de Sand. Denn der zunehmende Anbau von Agrarenergiepflanzen geschehe keineswegs vorwiegend auf brach liegenden Flächen, sondern verdränge in signifikantem Maße den Anbau von Getreide für die menschliche Ernährung und führe zur Rodung weiterer Waldflächen vor allem in Lateinamerika und Südostasien.

Foto: Weizen (Wikimedia Commons)

www.germanwatch.org

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