zur_Lage_der_Welt_2011_80Berlin. - Armut und Hunger können am besten durch lokal angepasste, einfache und ökologisch nachhaltige Innovationen in der Landwirtschaft bekämpft werden. Zu diesem Ergebnis kommt der Bericht "Zur Lage der Welt 2011" des US-amerikanischen Umweltinstituts Worldwatch, dessen deutsche Ausgabe am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Der Bericht plädiert für einen umgehenden Ausbau nachhaltiger landwirtschaftlicher Investitionen: Darunter die Finanzierung von Agroforstwirtschaft, Sortenvielfalt sowie agrarökologischer Forschung, die in den letzten Jahren massiv vernachlässigt worden sei.

Knapp eine Milliarde Menschen leide an Hunger und chronischer Unterernährung, und das, obwohl niemals zuvor mehr Nahrungsmittel produziert worden seien, stellt der Bericht fest. Die lokale und globale Verteilung von Nahrungsmitteln sei äußerst ungerecht: Insbesondere in Afrika, wo das Bevölkerungswachstum in den nächsten Jahren stark zunehmen werde, verschärfe sich Hunger und Unterernährung. Die weltweiten Preissteigerungen für Nahrungsmittel träfen vor allem die ärmsten Menschen weltweit.

"Viele Regierungen setzen auf die Steigerung der Nahrungsmittelproduktion durch Hochertragssorten oder Düngemittel", sagte Danielle Nierenberg, Agrarexpertin des Worldwatch Instituts und Hauptautorin des Buches, bei der Vorstellung des Berichts in Berlin. "Aber für die Mehrheit der armen Bauern sind diese Methoden zu teuer oder einfach nicht verfügbar. Ein produktiver Wandel ist möglich, wenn man Kleinbauern durch einfache, aber entscheidende Innovationen stärkt – insbesondere die Frauen, die die Landwirtschaft in den meisten Ländern dominieren. Die Lösung besteht darin, Nahrungsmittel so zu produzieren, dass sie auch von Kleinbäuerinnen und -bauern verarbeitet und vermarktet werden können."

Für mehr Investitionen in die kleinbäuerliche Landwirtschaft plädierte Judi Wakhungu, Leiterin des kenianischen Think Tanks "African Centre for Technology Studies" und Co-Direktorin des Weltagrarberichts (IAASTD): "Afrikanische Regierungen und internationale Geber müssen in Projekte investieren, die lokales und traditionelles Wissen mit neuen Technologien kombinieren. Für die Bekämpfung des Hungers in Afrika sind Investitionen etwa in die ökologische Agrarforschung entscheidend. Mit Hilfe der Agroforstwirtschaft könnten auf den weniger fruchtbaren Böden des Kontinents Erosion vermieden, die Fruchtbarkeit der Böden verbessert und der Ernteertrag gesteigert werden."

Angesichts der akuten Preissteigerungen auf den Weltagrarmärkten forderte Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, eine sofortige Kehrtwende in der EU-Agrarpolitik: "Es ist untragbar, dass wir unseren Bedarf an Agrarrohstoffen auf Kosten anderer Ländern decken und die Weltmarktpreise für Nahrungsmittel in die Höhe treiben. Die EU zählt zu den größten Fleischexporteuren weltweit, aber nur, weil wir den größten Teil der Futtermittel aus dem Süden importieren und die ökologischen und sozialen Folgen unserer Fleischproduktion in andere Länder auslagern. Die EU muss endlich sicher stellen, dass ihre Agrarpolitik eine ökologische und faire Produktion fördert und nicht den Tierfabriken nutzt, die ihre Tiere mit Soja aus Brasilien oder Argentinien füttern."

Auch aus Sicht des Klimaschutzes sei eine Neuausrichtung der EU-Agrarpolitik dringend notwendig, betonte Tilman Santarius, Vorstandmitglied von Germanwatch: "Vor allem durch eine intensive Fleischproduktion trägt die Landwirtschaft bedeutend zum Klimawandel bei. Dabei könnten nachhaltige Produktionssysteme wie die Weidehaltung der Atmosphäre sogar klimaschädliche Gase entziehen."

Die deutsche Ausgabe von "2011 State of the World: Nourishing the Planet" des Worldwatch Instituts ist unter dem Titel "Zur Lage der Welt 2011. Hunger im Überfluss. Neue Strategien gegen Unterernährung und Armut" im oekom-Verlag erschienen: Mit Vorworten von Olivier de Schutter, Barbara Unmüßig und Klaus Milke sowie einem Sonderbeitrag von Christine Chemnitz und Tobias Reichert zur EU-Agrarpolitik. Herausgeber der deutschen Ausgabe sind Germanwatch und die Heinrich-Böll-Stiftung (München 2011, 288 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3-86581-241-4).

www.boell.de
www.germanwatch.org
www.worldwatch.org

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