kleinbauern fian 100Berlin. - Nicht die Agrarindustrie, sondern die Entwicklung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft sollte beim Global Forum for Food and Agriculture" (GFFA) im Rahmen der Grünen Woche in Berlin im Fokus stehen. Das haben die nichtstaatlichen Organisationen FIAN und Oxfam gefordert. Auf dem GFFA diskutieren am Samstag Agrarminister aus mehr als 80 Staaten über die Förderung der globalen Ernährungssicherung und ländlichen Entwicklung durch verantwortliche Investitionen in die Agrar- und Ernährungswirtschaft.

Die Rechte kleinbäuerlicher Gemeinschaften kämern beim GFFA zu kurz, warnte die Menschenrechtsorganisation FIAN. Bezeichnenderweise fänden sich auf dem Internationalen GFFA-Podium am Samstag keine Vertreter kleinbäuerlicher Gemeinschaften, dafür aber mit Jürgen Fitschen von der Deutschen Bank und Peter Brabeck-Letmathe, Präsident des Verwaltungsrats von Nestlé, Menschen, deren Unternehmen immer wieder im Zusammenhang mit Landraub beziehungsweise Water Grabbing und unfairen Handelsbedingungen genannt würden.

Investitionen von Agrarkonzernen in Entwicklungsländern sollten nicht mit Hungerbekämpfung gleichgesetzt werden, so FIAN. Sie führten im Gegenteil oftmals zu Vertreibung und Verarmung ländlicher Bevölkerungen. Unternehmen des Agrobusiness investierten nur dann in Land, wenn ihnen Rechtssicherheit garantiert wird. Viele Entwicklungsländer führten daher formale Landtitel ein, deren Registrierung teuer sei.

"Das hat verheerende Auswirkungen auf kleinbäuerliche Gemeinden, deren traditionell informellen Landrechte häufig ignoriert werden", erklärte Gertrud Falk, FIAN-Referentin für die Rechte kleinbäuerlicher Gemeinschaften. Auf der Strecke blieben Menschen, die zum Teil seit vielen Generationen über traditionelle Landrechte verfügen. Beim Erwerb formaler Landtitel kämen vor allem Kleinbäuerinnen zu kurz. Denn zusätzlich zu fehlender gesellschaftlicher Macht fehlt ihnen oft das Geld, um Land zu kaufen.

Das immer wieder vorgetragene Argument, wonach Investitionen in die industrielle Landwirtschaft Arbeitsplätze und Einkommen schaffen würden, stimme so nicht: "Wenn Kleinbauernfamilien von ihrem Land vertrieben werden, um Plantagen Platz zu machen, ist ihr Einkommen durch Lohnarbeit meist geringer als durch selbstständige Landwirtschaft", so Falk. Bäuerinnen, die für die Ernährung ihrer Familien zuständig sind, seien besonders betroffen: Sie verdienten auf den Plantagen meist weniger als Männer.

Auch die Einführung industriellen Saatguts komme kleinbäuerlichen Gemeinschaften in Entwicklungsländern nicht nur wegen der hohen Preise teuer zu stehen. Häufig sei dieses Saatgut nicht so gut an das jeweilige Klima und die Böden des Südens angepasst wie traditionelle Saaten. Die versprochenen höheren Erträge würden nur mithilfe von Pestiziden erzielt, die wiederum teuer erkauft werden müssten – ein Teufelskreis.

Besonders fatal sei das Verbot der kostenlosen Nutzung von traditionellem Saatgut, wie es zum Beispiel die Länderstrategie für Mosambik der Neuen Allianz für Ernährungssicherung der G8-Staaten parallel zur Einführung von neuem Saatgut vorsehe. "Viel dringender als Investitionen brauchen Kleinbäuerinnen und Kleinbauern daher Rechte, die sie gegen die rücksichtslosen Interessen von Agrarkonzernen schützen", sagte Falk. "Deshalb fordert FIAN von der Bundesregierung, dass sie die Erarbeitung der Erklärung für die Rechte von kleinbäuerlichen Gemeinschaften und ländlicher Bevölkerung im Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen unterstützt."

POLITIK FÖRDERT INVESTOREN STATT KLEINBÄUERLICHE LANDWIRTSCHAFT

Die Hilfsorganisation Oxfam verweist auf eine aktuelle Studie mit dem Titel "Tipping the Balance" (auf Deutsch: "Kippen der Balance"). Sie kommt zu dem Schluss, dass Regierungen und Organisationen in der Agrarförderung zu viel Aufmerksamkeit auf gute Rahmenbedingungen für private Investitionen von Unternehmen legen. "Tipping the balance" wurde von Oxfam und dem IIED, dem International Institute for Environment and Development, London erstellt.

"Wer den Hunger bekämpfen will, muss vorrangig den Zugang von Kleinbauern und Kleinbäuerinnen zu Land und Wasser sicherstellen und ihre traditionellen und informellen Märkte fördern", erklärte Oxfams Agrarexpertin Marita Wiggerthale. Die FAO schätze, dass 50,2 Milliarden US-Dollar jährlich an öffentlichen Ausgaben notwendig sind, um den Hunger bis 2025 zu bekämpfen.

Viele Organisationen - ob FAO oder Weltwirtschaftsforum - sowie die deutsche Bundesregierung und andere Geldgeber sehen Oxfam zufolge im Agrobusiness den Motor für die globale Nahrungsmittelproduktion. Sie unterstützten Regierungen in Entwicklungsländern dabei Investoren anzulocken. Dafür werde unter anderem Land zu niedrigen Preisen zur Verfügung gestellt. Unternehmen könnten so große Landflächen erwerben.

"Der Verkauf bzw. die Pacht von Land zu günstigen Konditionen an Investoren benachteiligt die kleinbäuerliche Landwirtschaft", kritisierte Wiggerthale. Zudem ignorierten Investoren vielfach die Rechte und Bedürfnisse armer Menschen, die das Land vorher bearbeiteten und davon lebten. Kleinbauern und Kleinbäuerinnen würden auch finanziell von Regierungen weniger unterstützt. In Brasilien seien 2009/2010 sechs Mal mehr öffentliche Gelder in den Agrobusiness-Sektor als in die bäuerliche Landwirtschaft geflossen.

Kleinbauern und Kleinbäuerinnen würden zwar oft als Zielgruppe benannt, aber bei der Gestaltung von Politik und Projekten nicht einbezogen. "Die Bedürfnisse der Mehrheit der Kleinbauern und Kleinbäuerinnen bleiben häufig außen vor", sagte Wiggerthale. "Wenn die Bundesregierung hierzulande und die Regierungen dort die Lebenssituation der Mehrheit der Kleinbauern und Kleinbäuerinnen verbessern wollen, müssen sie sich mit ihnen an einem Tisch setzen." Die Förderung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft sei ein Schlüssel im Kampf gegen den Hunger, da dadurch die lokale Versorgung mit Nahrungsmitteln verbessert und die Einkommen von Familien auf dem Lande erhöht würden.

www.gffa-berlin.de
www.kleinbauernrechte-jetzt.de
www.fian.de
www.oxfam.de


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